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Krank, aber nicht genug Böckler Impuls

Renteneintritt: Krank, aber nicht genug

Ausgabe 11/2026

Die Hürden für die Erwerbsminderungsrente sind für viele gesundheitlich Beeinträchtigte zu hoch. Der Zugang sollte erleichtert werden.

Die Zahl der älteren Beschäftigten steigt. Während beispielsweise im Jahr 2010 von den 62-Jährigen 40 Prozent in Rente oder Pension waren, traf dies 2023 nur noch auf 17 Prozent zu. Mehr als geringfügig erwerbstätig waren 2010 gerade einmal 21 Prozent. 2023 betrug die Quote 63 Prozent. Aber was ist mit denen, deren Gesundheitszustand es nicht zulässt, immer noch weiterzuarbeiten? Nach Abschaffung anderer Formen der frühzeitigen Verrentung bleibt Unter-63-Jährigen heute nur die an strenge Gesundheitsprüfungen gebundene Erwerbsminderungsrente. Martin Brussig vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen hat in einer Analyse für die Hans-Böckler-Stiftung untersucht, „ob die Erwerbsminderungsrente alle Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mit der steigenden Altersgrenze Schritt halten können, auffängt“.

Dazu nutzt der Forscher Zahlen der regelmäßig wiederholten Befragung „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Es zeigt sich erwartungsgemäß, dass ältere Erwerbstätige heute deutlich gesünder sind als Rentnerinnen und Rentner desselben Jahrgangs. 2010 war der Unterschied weniger ausgeprägt: 63- oder 64-jährige Erwerbstätige und Rentenbeziehende unterschieden sich in Sachen subjektiver Gesundheitszustand so gut wie nicht. „Seinerzeit war der Rentenzugang in diesem Alter praktisch nicht über – schlechte – Gesundheit gesteuert“, so Brussig.

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Infografik: Niedrig qualifizierte ältere Erwerbstätige bewerten ihren Gesundheitszustand erheblich schlechter als Hochqualifizierte.
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Dass heute der Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand und frühem Rentenbezug enger ist, bedeutet aber noch nicht, dass alle, die gesundheitlich deutlich angeschlagen sind, Erwerbsminderungsrente bekommen, erklärt der IAQ-Forscher. Die Gesundheit der 59- bis 62-Jährigen im Job war 2023 im Schnitt schlechter als im Jahr 2010. „Dies ist ein Indiz dafür, dass ein Teil der heute älteren Beschäftigten unter früheren Bedingungen in Frührente gewechselt wäre“, schreibt Brussig. 

Im nächsten Schritt hat der Wissenschaftler die Daten nach Geschlecht und Qualifikation aufgeschlüsselt und außer sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Bezieherinnen und Beziehern von Renten oder Pensionen auch geringfügig Beschäftigte, Arbeitslose und Nichterwerbstätige einbezogen. Während eine „ausgeprägte Ungleichheit“ zwischen Frauen und Männern „nicht zu erkennen“ ist, spielt die Ausbildung eine wichtige Rolle: Die Gesundheit von geringqualifizierten Beschäftigten um das 60. Lebensjahr war 2023 häufig sehr schlecht – deutlich schlechter als 13 Jahre zuvor. In dieser Gruppe bleibt heute offenbar vielen ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Arbeitsleben verwehrt. „Die Geringqualifizierten mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind von der Schließung der Frühverrentung am härtesten betroffen“, folgert Brussig.
 
Die Gruppe der Arbeitslosen, geringfügig Beschäftigten und Nichterwerbstätigen ist überwiegend in einem schlechteren Gesundheitszustand als die Erwerbstätigen in Voll- und Teilzeit. Unter ihnen sind viele, „die zu krank für versicherungspflichtige Arbeit, aber nicht krank genug für die Erwerbsminderungsrente sind“.

Zwar steigt Brussig zufolge die Zahl älterer Bezieherinnen und Bezieher von Erwerbsminderungsrente. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, „dass das Problem des gesundheitsbedingten Ausscheidens vor Erreichen der Regelaltersgrenze größer ist, als die Erwerbsminderungsrente in ihrer aktuellen Fassung aufzufangen vermag“. Der Forscher plädiert daher für einen leichteren Zugang zu gesundheitsbedingter Frühverrentung. Zudem gelte es, die Präventionsbemühungen in der Arbeitswelt zu stärken, damit der Job Körper und Geist nicht vorzeitig verschleißt. Dies sollte geschehen, bevor über weitere Anhebungen der Regelaltersgrenze nachgedacht wird.

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