Rente: Kapital sammeln kann Jobs kosten
Die Einführung einer kapitalgedeckten Komponente in die gesetzliche Rente würde das Wirtschaftswachstum bremsen.
Der Abschlussbericht der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission enthält sinnvolle Ansätze, aber auch problematische Vorschläge: Kritisch sehen IMK und WSI in einer gemeinsamen Analyse unter anderem, dass der Renten-Beitragssatz zum Aufbau eines neuen Elements der Kapitaldeckung ab 2028 zügig um zwei Prozentpunkte steigen soll. Dies entzieht den Menschen Kaufkraft und dürfte so Konsumnachfrage und Wirtschaftswachstum in Deutschland verringern.
Der Aufbau eines Kapitalstocks sei auf absehbare Sicht ineffizient, argumentieren die Forschenden. „Ein Fonds am Aktienmarkt muss erst einmal mühsam aufgefüllt werden, bevor man Erträge auszahlen kann. Ein aus Beiträgen gespeister Kapitalstock ist deshalb ungeeignet, schnell Entlastung für die Rentenversicherung zu bringen“, erklärt IMK-Direktor Sebastian Dullien. Es würde bedeuten, „dass in den kommenden Jahrzehnten Erwerbstätige zunächst doppelt bezahlen müssen – einmal für die Rente der Älteren und einmal zum Aufbau des Kapitalstocks“.
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Nach Berechnungen von IMK und WSI würde aus dem Vorschlag der Kommission folgen, dass der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung bis 2032 von derzeit 18,6 Prozent auf rund 22 Prozent steigen würde. Ohne den Aufbau des Kapitalstocks würde er 2032 nur bei 20,4 Prozent liegen. Zudem kommen auf den Bundeshaushalt Anfang der 2030er-Jahre Zusatzkosten in Milliardenhöhe zu. Grund ist die von der Kommission vorgeschlagene steuerfinanzierte Kompensation für rentennahe Versicherte, die für den Aufbau des Kapitalstocks zahlen müssen, aber wegen des kurzen Zeithorizonts nur geringe Erträge erwarten können. „Der Aufbau des Kapitalstocks macht kurz- und mittelfristig die Stabilisierung des Rentenniveaus teurer, nicht billiger“, sagt Dullien.
Man hätte alternativ die gleiche Stabilisierung des Rentenniveaus bis 2050 mit einem geringeren Anstieg der Beitragssätze erreichen können, wenn man dies rein über höhere Beiträge statt über den Umweg eines Kapitalstocks organisiert hätte. Da im Fall des Kapitalaufbaus die höheren Beitragssätze größere Abzüge vom Lohn und damit weniger verfügbares Einkommen bei den Haushalten bedeuten, wäre für die nächsten Jahre mit einem gedämpften Konsumwachstum in Deutschland zu rechnen. Denn anders als Beitragszahlungen im Umlageverfahren, die rasch für höhere Alterseinkommen sorgen, werden die Beiträge zum Aufbau des Kapitalstocks für längere Zeit dem Wirtschaftskreislauf entzogen, weil sie an den internationalen Kapitalmärkten angelegt sind.
Als Lösung schlagen IMK und WSI vor, über eine andere Art der Finanzierung des Kapitalstocks nachzudenken. Das von der Ampelkoalition geplante Generationenkapital etwa, das über einen Bundeskredit finanziert werden sollte, hätte einen Kapitalstock geschaffen, ohne kurzfristig das Wachstum zu dämpfen. Denkbar sei auch ein Generationenfonds, der über eine einmalige Vermögensabgabe befüllt wird. Auch wäre eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge für alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland eine wachstumsfreundlichere Option, weil schon rund die Hälfte der Menschen in Deutschland heute so abgesichert ist.
Florian Blank, Sebastian Dullien, Ulrike Stein: Empfehlungen der Rentenkommission bergen Risiken und Nebenwirkungen, WSI Policy Brief Nr. 99, Juni 2026