Böckler Impuls Ausgabe 02/2017

Arbeitsmarkt

Vier von zehn arbeiten atypisch

Atypische Beschäftigung stagniert auf hohem Niveau. Arbeitsmarktforscher können die Entwicklung recht präzise beschreiben, doch eine generelle Erklärung für die Verbreitung von Teilzeit, Befristung, Minijobs, Leiharbeit oder Solo-Selbstständigkeit fehlt noch.

Vier von zehn arbeiten atypisch

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Deutschland steht nicht allein da. Überall in Europa haben sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten Arbeitsverhältnisse ausgebreitet, die vom traditionellen Muster des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses abweichen. Vollzeit, unbefristet, sozialversichert – so arbeiten nur noch gut 60 der Beschäftigten in der EU. Die übrigen sind atypisch beschäftigt. Der europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen zufolge müssen sie sich meist mit unterdurchschnittlichen Konditionen zufriedengeben. Besonders, was Arbeitsplatzsicherheit, Entlohnung, berufliche Weiterbildung und betriebliche Interessenvertretung betrifft.

Sozialversicherungspflichtige Teilzeit

Rund ein Viertel aller Beschäftigten hat einen Arbeitsvertrag, dessen Konditionen sich vom Normalarbeitsverhältnis nur durch die verringerte Stundenzahl unterscheiden. Viele Arbeitsmarktforscher ziehen die Grenze bei 35 Wochenstunden, allerdings gibt es auch andere Definitionen. So wertet das Statistische Bundesamt Teilzeitstellen erst unter 21 Stunden als atypisch. Sozialversicherungspflichtige Teilzeitjobs werden oft von Frauen ausgeübt und weisen eine recht hohe Beschäftigungsstabilität auf. Arbeitsintensität und Produktivität sind oft höher als im Normalarbeitsverhältnis.

Mini- und Midijobs

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In Deutschland hat sich seit Beginn der 1990er-Jahre der Anteil der atypischen Beschäftigung an allen Jobs verdoppelt, ist zuletzt aber nicht weiter gewachsen. Wie im übrigen Europa sind derzeit vier von zehn Beschäftigten nicht mehr im Normalarbeitsverhältnis tätig. 90 Prozent von ihnen gelten als atypisch beschäftigt, weil sie als Teilzeitbeschäftigte, Mini- oder Midijobber weniger als 35 Stunden in der Woche arbeiten.

Je nach Branche kommen unterschiedliche Formen zum Einsatz. Auf Minijobs und andere Teilzeitarrangements setzen besonders Gastgewerbe und Handel, auf Leiharbeit greifen vor allem industrielle Großbetriebe zurück. Befristete Beschäftigung spielt im öffentlichen Dienst eine bedeutende Rolle. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: Überdurchschnittlich häufig atypisch beschäftigt sind Frauen, Jüngere und Geringqualifizierte. Sie sind häufig in Betrieben ohne Mitbestimmung tätig.

Mini- oder Midijobs

Als geringfügig Beschäftigte arbeiten 7,3 Millionen Menschen in Deutschland. Rund 60 Prozent davon haben ausschließlich einen Minijob. Die übrigen machen ihn neben dem Vollzeitjob, haben mehrere davon oder einen Midijob mit höherer Verdienstgrenze und höheren Abgaben. In der Regel werden geringfügig Beschäftigte schlechter bezahlt als andere Arbeitnehmer. Einer aktuellen Studie des WSI zufolge bekam selbst nach Einführung des Mindestlohns 2015 fast die Hälfte der hauptberuflichen Minijobber nicht einmal 8,50 Euro pro Stunde. Der gesetzlich bestehende Anspruch auf Kranken- und Urlaubsgeld wird in der Praxis oft nicht gewährt. Von den ausschließlich im Minijob Tätigen sind etwa 40 Prozent Schüler, Studenten oder Rentner.

Leiharbeit

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Aber welches sind die treibenden Kräfte, die hinter dem Anwachsen der Beschäftigung jenseits der Normalarbeit stehen? Sind es Veränderungen der Wirtschaftsstruktur, politische Reformen oder gar die Interessen der Beschäftigten selbst? Auf diese Fragen geben Wissenschaftler keine einfachen Antworten. „Makroansätze“, die in wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Megatrends die Ursachen sehen, wirkten vordergründig zwar oft plausibel, sagt der Arbeitsmarktexperte Hartmut Seifert. Sehe man näher hin, schwinde die Erklärungskraft allerdings häufig. Beispiel: Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft. Hat atypische Beschäftigung einfach deshalb zugenommen, weil der Dienstleistungsbereich gewachsen ist und Normalarbeitsverhältnisse in diesem Segment nun einmal seltener vorkommen? Empirische Analysen konnten bislang nur einen schwachen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Dienstleistungswirtschaft und der atypischen Beschäftigung feststellen. Für andere Formen wie die – hauptsächlich im produzierenden Gewerbe eingesetzte – Leiharbeit taugt das Argument ohnehin nicht.

Nicht restlos überzeugend findet Seifert zudem den häufig bemühten Hinweis auf die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit. Denn heute sind nicht nur mehr Frauen im Job als vor 20 Jahren. Berufstätige Frauen arbeiten heute auch viel häufiger Teilzeit als noch in den 1990ern. Dahinter stehen komplexe Entwicklungen wie veränderte Zeitarrangements von Paaren mit Kindern.

Leiharbeit

Drei Prozent der Beschäftigten waren 2015 Leiharbeitnehmer. Ihre Zahl schwankt mit dem Konjunkturverlauf erheblich: Sie werden im Aufschwung eingestellt und bei verschlechterter Auftragslage als erste ausgemustert. Die Arbeitsverhältnisse sind oft von kurzer Dauer, knapp die Hälfte ist nach drei Monaten wieder beendet.

Solo-Selbstständigkeit

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Auch das pauschale Argument, die Zunahme atypischer und damit oft prekärer Arbeitsverhältnisse sei eine Konsequenz des immer stärker finanzmarktgetriebenen und renditeorientierten Kapitalismus, lässt sich schwerlich untermauern. Warum ist atypische Beschäftigung dann – abgesehen von der Leiharbeit – bislang gerade in börsennotierten, international tätigen Industrieunternehmen vergleichsweise selten, während in der Kneipe um die Ecke fast nur Minijobber arbeiten?

Dann wäre da noch die neoliberale Erklärung: Die Unternehmen weichen in atypische Beschäftigung aus, um der „rigiden“ Regulierung des Arbeitsmarkts zu entgehen. In diesem Fall müsste etwa eine Verschärfung des Kündigungsschutzes mit einer Zunahme atypischer Beschäftigung einhergehen. Doch ein solcher Zusammenhang ist empirisch nicht nachweisbar. Der von der OECD berechnete Indikator für die Rigidität des Kündigungsschutzes stagnierte in den letzten beiden Jahrzehnten. Die Zunahme unsicherer Jobs lässt sich damit nicht erklären.

 

Befristete Jobs

Gerade der Einstieg ins Arbeitsleben gelingt oft nur über befristete Beschäftigung. Entsprechend sind vor allem Jüngere betroffen. Befristungen dienen privaten Arbeitgebern häufig als verlängerte Probezeit. Im öffentlichen Dienst sind sie hingegen das wichtigste – und oft das einzige – Instrument zur Flexibilisierung des Personaleinsatzes. Von allen Beschäftigten haben knapp acht Prozent nur einen Vertrag auf Zeit.

Befristete Jobs

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Statt an der Regulierung des Arbeitsmarkts könnte die Ausbreitung von Minijob & Co. natürlich ebenso an dessen Deregulierung liegen. Die begann schon mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz von 1985 und erreichte ihren Höhepunkt mit den Hartz-Reformen kurz nach der Jahrtausendwende. Starke Indizien sprechen dafür, dass viele Unternehmen neu geschaffene Schlupflöcher sofort nutzen. So wurde die 1985 eingeführte sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen 2003 noch einmal deutlich erleichtert – und die Zahl der neu abgeschlossenen befristeten Verträge stieg steil an. Allerdings, so Carina Sperber und Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, haben die Hartz-Reformen „nach 2005 – abgesehen von kurzfristigen Verstärkungen des Trends – keine dauerhafte Beschleunigung der Strukturveränderungen bei den Erwerbsformen“ bewirkt. Bemerkenswert sei, dass die reguläre Beschäftigung gegenüber atypischen Jobs in jüngster Zeit wieder aufgeholt habe.

Welche Schlüsse lassen sich aus den persönlichen Merkmalen atypisch Beschäftigter ziehen? Dieser Frage sind Sperber und Walwei anhand von Befragungsdaten des Statistischen Bundesamtes nachgegangen. Ihr Ergebnis: Sozialversicherungspflichtige Teilzeit sei in der Regel familiären Verpflichtungen geschuldet, Minijobs würden häufig von Menschen mit Ausbildungsdefiziten versehen und befristet beschäftigt sind vor allem Jüngere. Offen bleibt stets, inwieweit die jeweiligen Beschäftigungsbedingungen selbst gewählt sind. Kaum jemand dürfte sich aus freien Stücken für einen befristeten Vertrag entscheiden, wenn er auch einen unbefristeten bekommen könnte. Selbst bei der weithin als unproblematisch angesehenen Teilzeitarbeit von Müttern lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, inwieweit es um frei gewählte Arbeitszeiten geht und inwieweit der Mangel an Betreuungsangeboten den Ausschlag gibt.

In jedem Fall, da sind sich der frühere WSI-Experte Seifert und die IAB-Forscher einig, dürfte die Marktmacht der Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen. Sie setzen mit den angebotenen Arbeitsverträgen ihre Vorstellung von Flexibilität durch.

Solo-Selbstständigkeit

Selbstständig ohne Mitarbeiter sind fast sechs Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Diese Gruppe ist bunt gemischt: von gutverdienenden Programmierern und Beratern bis zu kärglich entlohnten Universalhandwerkern. Problematisch ist für viele die fehlende soziale Absicherung. Eine umfassende Basis-Kranken- und Rentenversicherung für Soloselbstständige, wie sie zum Beispiel in den Niederlanden existiert, gibt es in Deutschland nicht. 

Quelle

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