Volkswagen

Shitstorm über Chattanooga

Der VW-Konzern will, angetrieben von IG Metall und VW-Betriebsrat, in seinem US-Werk im Süden der USA einen Betriebsrat nach deutschem Vorbild installieren. Und bekommt es jetzt mit der amerikanischen Antigewerkschafts-Lobby zu tun. Von Bernd Kupilas


Landrat Tim Boyd aus Hamilton County hat eine deutliche Meinung. Ließe man die Autogewerkschaft UAW bei Volkswagen in Chattanooga Fuß fassen, „wäre das wie ein Krebsgeschwür für das wirtschaftliche Wachstum“ des gesamten Landkreises, sagt er. Ähnlich sieht das Roy Exum, ein örtlicher Journalist: „Idioten bedrohen unser Volkswagen-Werk“, wütet er und schreibt von einer „Krebszelle unter den VW-Beschäftigten“. Die Antigewerkschafts-Rhetorik reicht bis in höhere politische Kreise. „Ich würde es hassen, wenn irgendetwas passiert, das die Produktivität des Werkes gefährdet oder Investoren in Chattanooga abschreckt“, erklärte Bill Haslam, immerhin Gouverneur des Bundesstaates Tennessee. Der Vertreter der örtlichen Handelskammer, Ron Harr, meint: „Es gibt keinen Grund, hier eine Gewerkschaft zu haben.“ Die Lobbygruppe „National Right to Work Legal Defense Foundation“ bietet den VW-Beschäftigten sogar kostenlose rechtliche Beratung an, wenn sie sich gegen eine gewerkschaftliche Organisierung wehren wollen.

Im Süden der USA fegt gerade ein Shitstorm über Volkswagen hinweg. Massiv und ohne Scheu in der Wortwahl machen Gewerkschaftsgegner Front gegen unliebsame Pläne bei Volkswagen: Der deutsche Autohersteller will in seinem Werk in Chattanooga mit seinen 3300 Beschäftigten einen Betriebsrat nach deutschem Vorbild installieren (Mitbestimmung berichtete in Ausgabe 4/2013).

Das Vorhaben würde womöglich der amerikanischen Autogewerkschaft United Auto Workers (UAW) den Weg ebnen: Sie könnte mit großer Wahrscheinlichkeit den Betrieb des deutschen Herstellers gewerkschaftlich organisieren. Und damit erstmals ein bedeutendes Werk eines großen ausländischen Automobilherstellers im Süden der USA. Dagegen wenden sich nun Politiker und Wirtschaftslobbyisten. Ihre Argumentation folgt dem Muster: Betriebsrat: kann man drüber reden, irgendwie okay; Gewerkschaft: böse, ganz böse. „Solche Äußerungen“, sagt VW-Betriebsratssprecher Jörg Köther mit Blick auf die Krebsgeschwürvergleiche, „wären in Deutschland undenkbar.“ Nicht so in den Vereinigten Staaten. Gerade in den Südstaaten begreifen konservative Politiker und Wirtschaftsvertreter die Abwesenheit von Gewerkschaften als Standortvorteil. Speziell die UAW zieht ihren Groll auf sich. Sie werfen ihr unter anderem vor, am Niedergang der US-Autoindustrie Mitschuld zu tragen.

Die Vorwürfe reichen zudem von „Die UAW ist konfrontativ“ bis hin zu „Die UAW besitzt Anteile an Chrysler – sie wäre bei VW der verlängerte Arm der ‚Großen Drei‘ aus Detroit: General Motors, Chrysler und Ford“. Widerstand gibt es auch bei VW. So hat Jonathan Browning, Chef von Volkswagen America, recht offen Stellung gegen die UAW bezogen. Seit einigen Jahren befindet sich die UAW in einem Reformprozess. Ihr Vorsitzender Bob King „hat den Laden gründlich umgekrempelt“, sagt Gewerkschaftskenner Michael Fichter im Interview. Unter King orientiert sich die UAW stark am deutschen Modell der Mitbestimmung. Der amerikanische Gewerkschaftschef pflegt seit Jahren wieder enge Kontakte zur IG Metall.

VW-WERK OHNE ARBEITNEHMERVERTRETUNG

Im Volkswagenwerk in Chattanooga entscheidet sich in den nächsten Monaten, ob aus Gesprächen Taten werden. Seit Gründung des Werkes im Jahr 2011 suchen VW-Betriebsrat und IG Metall nach Wegen, dort eine Form von Mitbestimmung der Arbeitnehmer zu verwirklichen – zugleich will die UAW das Werk gewerkschaftlich organisieren. Für die Autogewerkschaft ist nicht akzeptabel, dass die Werke amerikanischer Hersteller gewerkschaftlich organisiert sind, die Werke ausländischer Hersteller überwiegend nicht. Gelingt der UAW in Chattanooga der Durchbruch, wäre das ein Zeichen auch für andere Werke ausländischer Autokonzerne in den USA. Etwa für das Daimler-Werk in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama, das die UAW ebenfalls zu organisieren versucht – bislang ohne Erfolg.

Chattanooga ist eines der ganz wenigen VW-Werke weltweit, das über keinerlei Form von Arbeitnehmervertretung verfügt. Selbst in China gebe es so etwas wie Gewerkschaften, heißt es aus Gewerkschaftskreisen bitter. Bei der jüngsten Sitzung des Weltkonzernbetriebsrates im November 2012 sprach VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh das Problem an. Die VW-Charta der Arbeitsbeziehungen müsse auf noch nicht erfasste Konzernbereiche ausgedehnt werden, sagte er. „Dazu gehören beispielsweise die gewerkschaftliche Organisation und eine wirkungsvolle Arbeitnehmervertretung in Chattanooga in den USA.“ Und weiter: „Ziel bleibt: Bei Volkswagen gibt es auf Dauer keinen Standort in der Welt, der keine betriebliche Arbeitnehmervertretung hat.“

Im März hatte VW-Personalvorstand Horst Neumann nun entsprechende Pläne öffentlich gemacht – zur Überraschung vieler Beteiligter. Neumann ist selbst Metaller, von 1978 bis 1994 arbeitete er in der Wirtschaftsabteilung des IG Metall Vorstands in Frankfurt am Main. Bis etwa Mitte des Jahres solle das Konzept stehen, in der zweiten Jahreshälfte könnten Verhandlungen mit einer Gewerkschaft beginnen, sagte er. Noch allerdings muss der gesamte VW-Vorstand zustimmen. Dort gibt es dem Vernehmen nach Vorbehalte.

Wird Neumanns Plan umgesetzt, wäre das ein Novum für die USA: Es wäre der erste Betriebsrat nach deutschem Vorbild auf amerikanischem Boden. Das duale System aus Betriebsrat einerseits, Gewerkschaft andererseits ist nach amerikanischem Arbeitsrecht nicht vorgesehen. Zwar gibt es in den USA betriebliche Einrichtungen, die ähnliche Aufgaben wahrnehmen wie deutsche Betriebsräte, die sogenannten Joint Committees. Ihre Arbeit ist aber an das Mandat einer Institution von außen gebunden – also an eine gewerkschaftliche Vertretung. Der US-Gesetzgeber wollte so das Entstehen unternehmenshöriger Gewerkschaften verhindern.

Deshalb würde sich VW einer rechtlichen Hilfskonstruktion bedienen: Die UAW würde in einem Abkommen gewisse Rechte an den von allen Beschäftigten gewählten Betriebsrat abtreten, also etwa die Mitbestimmung in Personalfragen. Zugleich behielte die Gewerkschaft aber die Hoheit in Tariffragen. Das Ganze würde in einem Tarifvertrag zwischen VW und der UAW festgeschrieben. Im Gegenzug würde VW sich verpflichten, die Bemühungen der Gewerkschaft um eine Organisierung nicht durch die in den USA üblichen Störmanöver zu torpedieren.

Während die Antigewerkschafts-Lobby mobil macht, setzen fortschrittliche Arbeitsrechtler in den USA einige Hoffnung in das Projekt Betriebsrat. „Die Arbeitsbeziehungen in den USA müssen auf neue Beine gestellt werden, und jeder weiß das“, sagt Lowell Turner, Professor für Arbeitsbeziehungen an der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York. Er sieht in den Bemühungen bei VW „ein interessantes Modell“, das in Amerika Kreise ziehen könnte. Das würde der Antigewerkschafts-Lobby kaum passen. Der Shitstorm hat einen Grund.

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