„Ich könnte gefeuert werden“

T-Mobile-Mitarbeiter aus einem Callcenter in Wichita, einer Großstadt im US-Bundesstaat Kansas, berichten, wie sie gemobbt werden, wenn sie im Betrieb für die Gewerkschaftsmitgliedschaft werben.Von Stefan Scheytt


Mehr als 20 Jahre arbeitete Denise Anderson bei AT&T, die meiste Zeit davon im Callcenter in Wichita im US-Bundesstaat Kansas; als der Standort verlegt wurde, wechselte sie 2009 ins ortsansässige Callcenter von Konkurrent T-Mobile – und kommt seither aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es passiere regelmäßig, erzählt die 49-Jährige, dass ihre Vorgesetzten mit dem Megafon in den Raum rufen, während die Telefonisten Kundengespräche führen. „Sie rufen zum Beispiel dazwischen, wenn man die vorgegebene Gesprächszeit überschritten hat, oder sie rufen: ‚Los Leute, strengt euch mehr an, eure Verkaufszahlen gehen runter!‘ Dabei klatschen sie wie Cheerleader in die Hände.“

Manche Kunden fragten irritiert: „Habt ihr eine Party?“ Auch das Radio laufe oft und laut, „es soll wohl unsere Stimmung heben“. Andersons Kollege Joshua Coleman, 35, erzählt, dass immer wieder süße Donuts, Eiscreme, Kuchen und Softdrinks verteilt würden als „Ausdruck der Wertschätzung und als Ansporn“. Als die Zahl der Beschäftigten im vergangenen Jahr dramatisch heruntergefahren worden sei, so Coleman, wurden die Vorgaben für die durchschnittliche Gesprächszeit pro Anruf verkürzt und die geforderten Verkaufszahlen pro Stunde erhöht. Wer seine Zahlen nicht erfüllt, müsse sich regelmäßig darüber vor dem Coach rechtfertigen, das Gespräch findet vor aller Augen am Schreibtisch des Coach in der Mitte der Telefonisten statt.

WEINENDE KOLLEGEN_ „Ich bin sicher nicht die Einzige, die das als Demütigung empfindet; man sieht immer wieder Kollegen weinen“, berichetet Denise Anderson. Ohnehin sind alle Mitarbeiter fortwährend über den eigenen Rang und den der Kollegen bei den verschiedenen Kriterien informiert; werden Team-Ziele nicht erreicht, kann eine E-Mail kommen: „Ihr habt es als Team nicht geschafft, weil die Kollegen X und Y unter den Vorgaben lagen“, die Namen sind dann in der E-Mail extra gefettet. Gleichzeitig ist der Austausch über den Verdienst praktisch tabuisiert. Kommen Mitarbeiter öfter zu spät oder begehen andere Fehler, können sie „decision time“ bekommen, das ist eine Disziplinierungmaßnahme wie das In-der-Ecke-Stehen in Grundschulen in den 60er Jahren: Der Manager schickt den Mitarbeiter nach Hause, der muss dort schriftlich niederlegen, wie es dazu kommen konnte und wie er beabsichtigt, sein Verhalten in Zukunft zu ändern; die folgenden 90 Tage steht er unter besonderer Beobachtung.

Als Denise Anderson einem Kollegen eine Antragskarte für die Wahl einer Gewerkschaftsvertretung auf den Tisch legte, wurde sie sofort ins Personalbüro zitiert. „Es hieß, ich könnte gefeuert werden, wenn ich noch einmal für die Gewerkschaften werbe, während andere ohne Rüge für Avon-Kosmektikprodukte werben durften.“ Die Gewerkschaft CWA zog deshalb vor die Arbeitsbehörde NLRB und gewann: T-Mobile musste alle Mitarbeiter per E-Mail oder im Intranet über ihr Recht informieren, dass sie während der Arbeitszeit über Gewerkschaften reden dürfen, wenn auch über andere, nicht arbeitsrelevante Themen gesprochen werden darf. In vier anderen, ähnlichen Fällen in jüngster Zeit wurde T-Mobile USA von der Behörde dazu verdonnert, ein Fehlverhalten vor den Mitarbeitern einzuräumen und auf die Rechtslage hinzuweisen: Mal ging es darum, dass T-Mobile-Manager heimlich Gewerkschafts-Flyer aus dem Pausenraum entfernt hatten, während sie anderes Material fraglos duldeten, mal ging es darum, dass gewerkschaftsbezogene „Taglines“ in E-Mails nicht verboten werden dürfen, wenn gleichzeitig andere „Taglines“ unbeanstandet bleiben.

„Sehr viele haben das Gefühl, sie müssten dankbar sein für den Job und dürften sich deshalb auf keinen Fall wehren“, sagt Joshua Coleman, dessen Stundenlohn weniger als die Hälfte des Stundenlohns seiner Freundin beträgt, die bei AT&T diesselbe Arbeit macht. Und während Tammy Chaffee, die Vor-Ort-Organizerin der Gewerkschaft CWA in Wichita, gleichzeitig in Teilzeit bei AT&T angestellt ist, darf sie bei T-Mobile nicht mal auf den Hof, ohne eine Klage ihres Arbeitgebers zu riskieren. Am Ende des Gesprächs sagt Callcenter-Mitarbeiterin Denise Anderson einen bedenkenswerten Satz: „Wir hatten die Bürgerrechtsbewegung und die Frauenbewegung, all das liegt schon weit hinter uns. Aber hier löst es sofort Aufregung aus, wenn sich Arbeitnehmer für Gewerkschaften interessieren und einige sogar eine Karte für einen Wahlantrag unterschreiben.“ Sie macht eine Pause und fragt dann: „Wo leben wir eigentlich?“

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