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Auditorium der 54. Konferenz der Vertrauensdotzent-innen der HBS Service aktuell

54. Konferenz der Vertrauensdozent*innen (VDK): Wehrhafte Wissenschaft braucht sichere Arbeitsplätze

Prekäre Jobs, wegbrechende Fördermittel, eine AfD, die nach einem Wissenschaftsministerium greift: Die Vertrauensdozent*innen der Hans-Böckler-Stiftung diskutierten in Hannover, wie verwundbar Hochschulen sind – und warum der Ruf nach Neutralität selbst zum Druckmittel werden kann.

[28.10.2026]

Von Jeannette Goddar 

Autoritäre Einflussnahme beginnt oft im Kleinen. Etwa dort, wo Fördermittel wegbrechen oder politisch gelenkt werden, wo Beschäftigte um ihre Verträge fürchten und wo Hochschulen vorsorglich Themen meiden, die Ärger versprechen. Das zeigten die Debatten auf der 54. Vertrauensdozentenkonferenz (VDK) der Hans-Böckler-Stiftung Ende Oktober in Hannover.  

Was gilt an Hochschulen als politisch – und wer entscheidet darüber? Warum gilt die Beratung von Beschäftigten als Einflussnahme, die Zusammenarbeit mit Unternehmen meist nicht? Und was geschieht, wenn der Anspruch auf Neutralität zum Druckmittel wird – gegen Gewerkschaften, gegen Gleichstellungsarbeit, gegen Forschung, deren Ergebnisse nicht ins Weltbild passen? Das Motto der Konferenz war zugleich Programm: „Solidarische Wissenschaft – Wissen schafft Solidarität“.  

Wie so viele Debatten dieser Wochen kreiste auch die in Hannover darum, dass sich eine in weiten Teilen als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in wenigen Wochen in Sachsen-Anhalt erstmals ein Wissenschaftsministerium übernehmen könnte. Das Erstarken der Rechtsextremen jage ihr „den Schrecken in die Knochen“, sagte die Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, Claudia Bogedan, zur Begrüßung. Damit Angst nicht lähme, sondern Widerstandskraft wecke, seien Veranstaltungen wie diese wichtig. Es brauche Fakten – für eine faire Arbeitswelt ebenso wie dafür, „dass die Demokratie stark bleibt und die Rechten wieder schwach werden“.

Gruppenbild mit Yasmin Fahimi, Claudia Bogedan, Ministerpräsident Lies

Wissenschaft als Legitimation

Zum Auftakt diskutierten Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, zugleich Vorstandsvorsitzende der Stiftung, über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Lies nannte Wissenschaft aus Sicht der Politik „Grundlage der Entscheidung“ und „Legitimation“, weil sie in ihrer Unabhängigkeit belege, „ob das auch der richtige Weg ist, den man geht“. Fahimi widersprach: Wissenschaft dürfe politische Verantwortung nicht ersetzen.  

Als Beispiel nannte sie die Rentenkommission, deren Empfehlungen – ausgerechnet von einer Ministerin – als „Gesamtkunstwerk“ präsentiert wurden, als erübrige sich damit jede politische Diskussion. Demokratische Entscheidungen müssten durch demokratische Prozesse legitimiert werden. Neben fachlichen Erkenntnissen gehe es um Interessen, Werte und gesellschaftliche Folgen, die gegeneinander abzuwägen seien. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Zeit laufen, in der Wissenschaft Politik ersetzt“, warnte Fahimi. Lies ergänzte: Er nehme sich keineswegs aus der Verantwortung: „Als Politiker muss ich den Rücken gerade machen.“ Zu entscheiden, was in diesen Zeiten umsetzbar sei, sei auch nicht die Aufgabe der insgesamt vier Kommissionen zu Sozialreformen der jüngeren Zeit gewesen. Im Übrigen habe auch die Wissenschaft nicht „alles oder nichts“ empfohlen. 

Yasmin Fahimi und MP Olaf Lies diskutieren in einer Sitzrunde

Prekäre Arbeitsverhältnisse

Aus dem Publikum kam eine Reihe unbequemer Fragen. Wie geht eine solidarische Wissenschaft mit Akteuren um, die über Geld und Einfluss verfügen? Und was ist mit politisch gesteuerter Forschungsförderung? Als Beispiel wurde das Bundesjugendministerium genannt, das derzeit gezielt Forschung zu benachteiligten Jungen fördere, während andere Themen aus dem Blick gerieten. „Den Punkt nehme ich mit“, sagte Lies. Wissenschaft dürfe nicht zum Instrument werden, mit dem man eine politische Richtung begründe. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt warnte er vor einem Ende der Wissenschaftsfreiheit. Eine instrumentalisierte Wissenschaft bewirke das Gegenteil von Solidarität: Sie zerstöre Vertrauen und entziehe sich selbst die Grundlage. 

Insbesondere in der anschließenden Fishbowl-Diskussion zu „Autoritärer Landnahme“ wurden die vielschichtigen Strukturen deutlich, die Forschende verwundbar machen, und welche Verantwortung frühere als auch amtierende Regierungen daran tragen. Wer „nicht wisse, ob er Weihnachten noch einen Job habe“, könne kaum mutig Haltung zeigen, sagte eine Teilnehmerin mit Blick auf die massenhaft prekäre Beschäftigung im akademischen System. Christina Wolff, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Potsdam und Vorstandsmitglied der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen, berichtete, wie schwer es gewesen sei, für eine Ausstellung über prekäre Beschäftigung Menschen zu finden, die mit Namen und Gesicht auftreten. Wer auf eine Vertragsverlängerung angewiesen ist, überlegt sich genau, ob er sich öffentlich exponiert.

Gefahren von morgen und längst gemachte Fehler

Yasmin Fahimi positionierte sich dazu im Gespräch mit Olaf Lies klar. Man könne es sich nicht leisten, den wissenschaftlichen Nachwuchs in so prekären Verhältnissen zu belassen: „Wie wehrhaft kann Wissenschaft unter diesen Bedingungen sein?“ Das umstrittene Wissenschaftszeitvertragsgesetz müsse endlich konsequent angegangen werden. Statt einer Wissenschaft, die sich immer stärker an Projektlaufzeiten und Kennzahlen ausrichtet, brauche es eine verlässliche Grundfinanzierung. Andererseits: Selbst die Grundfinanzierung ist so eine Sache, wandten mehrere Teilnehmende ein. Auch die AfD in Sachsen-Anhalt hat sie im Programm – natürlich mit dem Ziel, ganz direkt Einfluss zu nehmen. 

Immer wieder bewegte sich die Debatte zwischen den Gefahren von morgen, längst gemachten Fehlern und altbekannten Bedrohungen. Tiam Breidenich, GEW-Vorstandsmitglied für Frauen-, Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik und zuvor an der Frankfurter Universität beschäftigt, erinnerte daran, wie stark etwa Gender und Postcolonial Studies schon vor zehn Jahren unter Druck standen: „Ständig bekamen wir Kleine Anfragen.“ Eine Vertrauensdozentin berichtete, in Hessen würden Forschungsanträge, in denen das Gendersternchen steht, abgelehnt. „Wir müssen auch über den Rechtskonservatismus in der Mitte sprechen.“ Christina Wolff ergänzte, politisch gewollt sei auch ein Bürokratieabbau, durch den etwa in Berufungsverfahren Transparenz und Beteiligungsrechte verloren gingen. 

Fishbowl Runde mit Thomas Fischer vom DGB und Tiam Breidenich von der GEW

Heimatkunde - mehr als nur ein Label

Zugleich wurde deutlich: Mit den Wahlerfolgen der AfD droht eine neue Dimension – und zwar im gesamten Bildungsbereich. Florian Schrumpf, Vertrauensdozent und in der Lehramtsausbildung an der Universität Osnabrück tätig, lenkte den Blick auf die Grundschule, die alle Kinder durchlaufen. Die AfD plane, das Fach Sachunterricht in „Heimatkunde“ umzubenennen. „Dahinter verbirgt sich mehr als nur ein anderes Label“, warnte er. Es gehe um Deutschtümelei; auch Geschlecht, sexuelle Bildung und Klimawandel sollten aus den Lehrplänen verschwinden. Und sollte die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung Gelder nach dem Stiftungsfinanzierungsgesetz erhalten, werde sie gezielt rechte Studierende an die Hochschulen schicken, ergänzte eine Teilnehmerin. Darauf müsse sich das demokratische System vorbereiten. Eine Forscherin, die zu Rechtsextremismus arbeitet, fragte, wie sich Nachwuchswissenschaftler*innen stärken und schützen lassen, die zu Rassismus, Nationalismus, Antifeminismus oder reproduktiven Rechten forschen.  

Zugleich kam die Warnung, rechtes Gedankengut an den Hochschulen nicht zu unterschätzen. Denn das finde sich quer durch alle Statusgruppen, in der Lehre ebenso wie in Verwaltung und Technik. Und wie viel Solidarität ist überhaupt realistisch in einem System, das auf Konkurrenz und Publikationsdruck gebürstet ist? 

Nötig ist sie in jedem Fall. Der emeritierte Vertrauensdozent Rainer O. Neugebauer aus Sachsen-Anhalt appellierte an seine Kolleg*innen: „Wo immer ihr um Solidarität gebeten werdet: Leistet sie! Die Leute, die vor Ort bleiben und kämpfen, brauchen eure Unterstützung.“ Darauf, dass sich Solidarität von selbst einstellt, setzte allerdings auch er nicht. Schon jetzt lasse sich in dem Bundesland, in dem womöglich in wenigen Wochen ein Ministerpräsident der AfD gewählt wird, „vorauseilender Gehorsam“ beobachten: „Die autoritäre Landnahme wird mit den Professoren und mit den Menschen in der Verwaltung stattfinden.“ 

Claudia Bogedan

Wissenschaft ist eine emanzipatorische Kraft

Die oft erhobene Forderung nach politischer Neutralität galt auf der VDK angesichts solcher Zustände als absurd. Thomas Fischer, Leiter der neuen Stabsstelle Gesellschaft und Wissenschaft beim DGB, sagte es noch deutlicher: „Kompletter Quatsch.“ Forschende dürften gesellschaftliche Verhältnisse untersuchen, kritisieren und verändern wollen, ohne dass ihnen die Wissenschaftlichkeit abgesprochen werde. „Wissenschaftsfreiheit ist nicht nur ein zu verteidigendes Gut, sondern auch eine emanzipatorische Kraft“, so Fischer. Zugleich forderte er die Politik zum Handeln auf. Die Hochschulgesetze der Länder müssten sicherstellen, dass Wissenschaftler*innen in den Senaten bei Forschungsfragen die Mehrheit haben, sonst könne die Politik „regelmäßig reinpfuschen“. Angezeigt sei auch eine Änderung des Grundgesetzes: Bislang müssen alle Länder zustimmen, wenn Bund-Länder-Vereinbarungen im Schwerpunkt die Hochschulen betreffen. Für Fragen, die ausschließlich Länder betreffen hat die Wissenschaftsministerkonferenz der Länder das Prinzip der Einstimmigkeit bereits gekippt. 

Stefanie Nartschik-Mikami, bei der Hans-Böckler-Stiftung als Referatsleiterin für die Vertrauensdozent*innen zuständig, zog am Ende eine positive Bilanz. In diesen angespannten Zeiten habe sich besonders deutlich gezeigt, wie wichtig Räume sind, in denen man sich verständigen und gemeinsam Handlungsoptionen entwickeln kann. Ihr Appell: „Gewerkschaftlich orientierte Personen an den Hochschulen müssen sich jetzt stärken und fit machen. Mein Eindruck ist: Das ist gut gelungen.“ 

So unterstützen die Vertrauensdozent*innen der Stiftung

Mehr als 500 Vertrauensdozent*innen unterstützen die Begabtenförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Sie schlagen Studierende und Promovierende für Stipendien vor, begleiten die Stipendiat*innen und tragen so zu ihrem Studienerfolg bei. Alle sind an deutschen Hochschulen tätig, die meisten mit einer Professur, und alle sind gewerkschaftlich organisiert. Seit mehr als 50 Jahren treffen sie sich jährlich zur Vertrauensdozentenkonferenz (VDK). Auf einen wissenschaftlich ausgerichteten Tag –dessen Themen die Gremien der Vertrauensdozent*innen selbst bestimmen – folgt ein zweiter mit Workshops, Gremienwahlen und internem Austausch und Netzwerken. Zugleich ist die VDK eine Gelegenheit, Kolleg*innen zu treffen und Altstipendiat*innen wiederzusehen. Die Hans-Böckler-Stiftung unterstützt organisatorisch und finanziell, auch als Dank an die oft über Jahrzehnte ehrenamtlich Engagierten. 

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