Systemrelevant Podcast: Demokratie lebt von Engagement
Bettina Kohlrausch und Yvonne Lott sprechen über die Auswirkungen langer Arbeitstage für die Demokratie. Denn: Je länger und starrer die Arbeitszeiten von Beschäftigten, desto weniger Zeit haben sie, sich abseits des Jobs politisch oder sozial zu engagieren.
[16.10.2026]
Ob Kommunalpolitik, Vereinsarbeit, Nachbarschaftshilfe oder der Einsatz in Gewerkschaften: Bei Arbeitstagen über 8,5 Stunden engagieren sich weniger als 6 Prozent der Beschäftigten in ihrer erwerbsfreien Zeit. Bei einer täglichen Arbeitszeit von 5,5 Stunden und weniger sind es immerhin 14,4 Prozent.
WSI-Arbeitszeitexpertin Yvonne Lott, Carolin Deuflhard vom WZB und Hanna Völkle von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e. V. (EAF) haben die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamts von 2022 analysiert.
Das Fazit der Wissenschaftlerinnen: Längere Arbeitstage reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen engagieren, immens. Das gefährdet auch die Demokratie. Denn sie lebt von Bürger*innen, die sich politisch und zivilgesellschaftlich einbringen.
„Wenn man sich politisch engagiert, braucht man eben auch Zeit. Demokratie braucht Zeit und das ist einerseits sehr, sehr naheliegend. Auf der anderen Seite spielt es in der [Arbeitszeit-] Debatte überhaupt keine Rolle. Und das in einer Zeit, in der die Demokratie massiv unter Druck steht, viel darüber berichtet wird und viele Leute sich Sorgen machen, dass der soziale Zusammenhalt zerbricht”, so WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch.
Unflexible Arbeitszeiten erschweren demokratisches Engagement
Die Zeit für (politisches) Engagement ist bereits heute knapp. Künftig könnte sie noch knapper ausfallen: Die Bundesregierung will Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden möglich machen.
Vor allem Mütter, die neben ihrer Erwerbsarbeit meistens den überwiegenden Teil der Sorgearbeit übernehmen, haben nicht die Zeit für außerfamiliäres Engagement, die sie sich wünschen.
Neben fehlender Zeit sind aber auch zwei andere Aspekte entscheidend, wenn es um Arbeitszeit und Demokratie geht. Zum einen die Frage, inwieweit Beschäftigte ihre Arbeitszeit flexibel einteilen können. Lott: „Da sehen wir, dass die, die selbst über die Arbeitszeit bestimmen können, sich zu 13 Prozent sozial und politisch engagieren gegenüber nur 9 Prozent, die feste Arbeitszeiten haben, die zum Beispiel 9 to 5 arbeiten. Und da können sie nichts dran rütteln.“
Zum anderen führen lange Arbeitszeiten zu mehr Erschöpfung, bei der folglich die nötige Energie für Engagement abseits des Erwerbsjobs fehlt.
Was das für gesellschaftliche Teilhabe, Repräsentation und den sozialen Zusammenhalt bedeutet und wie Betriebe Beschäftigten Zeit für (mehr) Engagement ermöglichen können, darüber sprechen unsere WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch und Yvonne Lott im weiteren Verlauf der Podcast-Folge.
[Moderation: Marco Herack]
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In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
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