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Stressed entrepreneur working late evening in dark office Pressemitteilungen

Neue Kurzstudie: Arbeitszeiten: Geplante Abschaffung der täglichen Obergrenze erschwert ehrenamtliches, politisches und soziales Engagement

23.09.2026

Die geplante Deregulierung der täglichen Arbeitszeiten birgt Risiken für Demokratie und Zivilgesellschaft. Denn Beschäftigten fehlt die Zeit für politisches, ehrenamtliches und soziales Engagement, wenn der Arbeitstag im Erwerbsjob potenziell noch länger und schwerer planbar wird. Schon jetzt zeigen aktuelle Daten: Wer lange arbeitet, engagiert sich deutlich seltener. Das ergibt eine neue Analyse von Forscherinnen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) Berlin.

Die Bundesregierung plant, die tägliche Obergrenze für die Arbeitszeit im Erwerbsjob abzuschaffen. Damit würden Arbeitstage von mehr als 12 Stunden möglich (siehe auch den Forschungsüberblick** zur Arbeitszeit; Link unten). Die faktische Abschaffung des Achtstundentags ist nicht nur ein Problem, weil betroffenen Beschäftigten, vor allem Frauen, dann noch häufiger die Zeit für unbezahlte Sorgearbeit fehlt. Auch die Demokratie könnte leiden. Denn die Zeit für politisches, ehrenamtliches und soziales Engagement ist bereits heute knapp, „besonders für junge Menschen sowie Personen in der Haupterwerbs- und Familienphase“, so die Kurzstudie von WSI-Arbeitszeitexpertin Dr. Yvonne Lott, Dr. Carolin Deuflhard (WZB) und Hanna Völkle (EAF).

Um die Frage zu beantworten, wer „überhaupt ausreichend Zeit hat, sich ehrenamtlich, sozial oder politisch zu engagieren“, greifen die Wissenschaftlerinnen auf die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamts zurück. Dabei zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Engagement: Menschen mit einer täglichen Erwerbsarbeitszeit bis zu 5,5 Stunden engagieren sich zu 14,4 Prozent. Unter denjenigen, die mehr als 8,5 Stunden im Job verbringen, sind es nur 5,7 Prozent. Deshalb, so die Forscherinnen, ist Arbeitszeitpolitik „auch Demokratiepolitik“.

Die Zeit für Engagement ist insgesamt sehr ungleichmäßig verteilt. Während sich unter den Frauen und Männern im Rentenalter 18 beziehungsweise 19 Prozent engagieren, sind es in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren jeweils nur etwa 8 Prozent. Erst in der Altersgruppe der 45- bis 54-Jährigen steigt der Anteil merklich an. Menschen in der „Haupterwerbs- und Familienphase“ haben offenbar oft so viel um die Ohren, dass für gesellschaftlichen Einsatz kein Raum mehr bleibt, folgern Deuflhard, Lott und Völkle. Dazu passt, dass sich Menschen mit minderjährigen Kindern weniger engagieren als solche ohne Kinder. Mütter kommen noch etwas seltener zu außerfamiliärem Engagement als Väter.

Gerade mit Blick auf die Menschen in der „Rushhour des Lebens“ wären noch längere tägliche Arbeitszeiten im Erwerbsjob fatal, folgern die Forscherinnen. Neben der bloßen Rechnung in Stunden und Minuten sind ihnen zufolge noch zwei andere Faktoren zu bedenken, wenn es um Arbeitszeit und Demokratie geht: Erstens ist entscheidend, inwieweit Beschäftigte selbst über ihre Arbeitszeiten bestimmen können – wer voraussichtlich oft nicht an Sitzungen des Kommunalparlaments teilnehmen kann, wird sich kaum zur Wahl stellen. Zweitens kosten lange Arbeitstage nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Erschöpfung führt erfahrungsgemäß eher zum Rückzug statt zu Engagement. Ausreichende Erholung ist daher eine „Voraussetzung für politische Partizipation“.

Das Fazit der Forscherinnen: „Kurze und selbstbestimmte Erwerbsarbeitszeiten machen ehrenamtliches, soziales und politisches Engagement wahrscheinlicher und leichter zu vereinbaren.“  Die Frage sei: „Wollen wir eine Gesellschaft, die auf Zeitknappheit und stiller Erschöpfung ihrer Mitglieder basiert – oder eine, die Zeit für Sorge und Engagement als Voraussetzung lebendiger Demokratie begreift?“

Kontakt

Dr. Yvonne Lott
WSI-Expertin für Arbeitszeit und für Geschlechterforschung


Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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