Sozialstaat: Der Mythos vom „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“
Die Fixierung auf „faule Arbeitslose“ verstellt den Blick auf die eigentlichen Probleme: Wer den Sozialstaat stärken will, sollte nicht Mythen pflegen, sondern soziale Ungleichheit bekämpfen, schreibt WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch.
[23.03.2026]
Die Figur des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ gehört zu den langlebigsten Mythen der sozialpolitischen Debatte – und sie erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. In der Debatte um die Abschaffung des Bürgergeldes stand zum Beispiel nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, wie Armut wirksam bekämpft werden kann, sondern wie vermeintliche Fehlanreize durch angeblich zu hohes Bürgergeld beseitigt und Missbrauch verhindert werden können.
Die dieser Debatte zugrundeliegenden Annahmen sind kaum haltbar. Erstens lohnt sich Erwerbsarbeit immer: Wer zum Mindestlohn arbeitet, hat – unabhängig von der Familienkonstellation – mehr Einkommen als im Bürgergeldbezug. Zweitens ist die Gruppe der sogenannten „Totalverweigerer“ verschwindend klein. Dennoch prägt genau dieses Zerrbild die politische Debatte und legitimiert Forderungen nach härteren Sanktionen.
Sanktionen haben jedoch oft nachteilige Folgen, weil sie zu einer Erhöhung des Drucks im gesamten System und somit zu Anstieg psychischer Belastungen führen – auch bei jenen Bürgergeldbezieher*innen, die gar nicht von Sanktionen betroffen sind. Sanktionen mögen kurzfristig die Übergangsrate in Beschäftigung erhöhen – oft durch stärkeren Druck auf Betroffene – gleichzeitig verschlechtern sie aber die Beschäftigungsqualität, erhöhen materielle Deprivation und gefährden die nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt.
Während über strengere Regeln gestritten wird, verschärft sich die soziale Lage vieler Menschen. Armut und Einkommensungleichheit haben neue Höchststände erreicht, wie der aktuelle WSI-Verteilungsbericht zeigt. Auch die Kinderarmut hat zuletzt spürbar zugenommen – mit gravierenden Folgen für Bildungschancen, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.
Die Fixierung auf „faule Arbeitslose“ verstellt also vor allem den Blick auf die eigentlichen Probleme: Wer den Sozialstaat stärken will, sollte nicht Mythen pflegen, sondern soziale Ungleichheit bekämpfen.
Prof. Dr. Bettina Kohlrausch ist die Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung.
Weitere Informationen
Blogbeitrag: Die Rückkehr des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“
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