Unternehmen: Energiekonzern im Sonderangebot
Im Jahr 2022 rettete der Staat Uniper, nun muss der Bund einen Großteil seiner Anteile wieder veräußern – so will es die EU. Betriebsrat, Verdi und IGBCE sind sich einig: Die Uniper-Aktien dürfen nicht in die Hände von strategischen Investoren fallen. Von Sophie Deistler
Kein Unternehmen stand nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 so sehr für die Energiekrise wie Uniper: Der damals größte Importeur russischen Gases geriet in finanzielle Schieflage. Die Regierung beschloss daraufhin, das Unternehmen zu retten, und nahm dafür nach Berechnungen der Financial Times rund 29 Milliarden Euro in die Hand. Der Staat kaufte nahezu den kompletten Aktienbestand auf. Seitdem sind 99,12 Prozent des Energiekonzerns in öffentlicher Hand. Bis Ende 2028 muss der Bund nun aufgrund von EU-Auflagen einen Großteil dieser Anteile loswerden – entweder durch Verkauf an einen privaten Investor oder durch Aktienverkäufe an der Börse. Bis zum 12. Juni konnten sich interessierte Investoren für die Reprivatisierung bewerben, nun prüft der Staat seine Optionen.
Der Konzernbetriebsrat und die Gewerkschaften Verdi und IGBCE haben in dieser Frage einen klaren Standpunkt: Sie setzen sich für einen Verkauf über die Börse ein und wehren sich gegen eine private Übernahme, bei der Uniper von der Börse verschwinden könnte. „Wir befürchten eine Zerschlagung“, sagen der Konzernbetriebsratsvorsitzende Martin Geilhorn und die Sprecherin der Konzernvertrauensleute Diana Kirschner. Denn einige der bisher bekannten möglichen Privatinvestoren haben klare strategische Interessen, die nur bestimmten Teilen von Uniper gelten. Der frühere finnische Haupteigentümer Fortum etwa, dessen Aktien Deutschland in der Krise übernommen hatte, soll sich ebenso wie der schwedische Energiekonzern Vattenfall vor allem für Unipers Geschäfte in Schweden interessieren.
Die Bundesregierung will mit 25 Prozent und einer Aktie an Uniper beteiligt bleiben. Damit hätte sie eine Sperrminorität und könnte verhindern, dass einzelne Geschäftsbereiche abgespalten werden. Betriebsrat und Gewerkschaften vertrauen auf diese Zusage, beobachten aber auch, dass der Staat bei Verkäufen anderer geretteter Unternehmen arglos zu Werke ging. „Gerade der Umgang mit der Commerzbank ist ein abschreckendes und warnendes Beispiel für uns“, sagt Geilhorn. Im Jahr 2024 hatte das Finanzministerium rund 4,5 Prozent der Anteile an der zweitgrößten deutschen Privatbank an Unicredit verkauft. Seither treibt die italienische Bank eine feindliche Übernahme voran, auch gegen den Willen der Bundesregierung.
Versorgungssicherheit gefährdet
Der Konzern Uniper gilt als Schlüsselanbieter für die Versorgungssicherheit in Deutschland, denn er beliefert mehr als 800 Stadtwerke mit Erdgas und Strom. „Das macht Uniper systemrelevant“, sagt Rolf Wiegand, Bundesfachgruppenleiter für Energie bei Verdi. Er warnt: „Wir sollten kritische Infrastruktur nicht in die Hände einzelner Investoren geben.“ Denn für die Käufer würde nicht die Versorgungssicherheit im Vordergrund stehen, sondern die Rendite.
Holger Grzella, ehemaliger Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Uniper Kraftwerke und Mitglied im Beirat der IGBCE, sieht auch eine Gefahr für die Energiewende, sollte der Konzern in die falschen Hände geraten. „Sollte ein strategischer Investor übernehmen, könnte das Unipers Möglichkeiten einschränken, die Energiewende mitzugestalten.“ Die jetzige Strategie sieht vor, dass Uniper aus der Kohle aussteigt und bis Anfang der 2030er Jahre rund acht Milliarden Euro investiert, unter anderem in erneuerbare Energien und Wasserstoff. Die Emissionen der Kraftwerke sollen bis 2030 um mehr als 55 Prozent sinken. Spätestens im Jahr 2040 soll Uniper klimaneutral sein.
Vorsicht vor privaten Investoren
Die Uniper-Belegschaft hat in der Vergangenheit bereits schlechte Erfahrungen mit der Übernahme durch private Investoren gemacht. Im Jahr 2020 erwarb der finnische Energiekonzern Fortum 76 Prozent der Anteile. „Das war eine kurze, aber heftige Erfahrung für die Belegschaft“, erinnert sich Grzella. Was folgte, war ein fundamentaler Umbau des Unternehmens, beim Vorstand und beim Aufsichtsrat. Auch wenn dieser Prozess nie abgeschlossen wurde, da die Bundesregierung Uniper schon zwei Jahre später retten musste, sitzen die Erinnerungen daran noch tief.
Gerade um die Mitbestimmung gab es damals viele Auseinandersetzungen. Grzella gibt zu bedenken, dass es solche Konflikte auch in Zukunft wieder geben könnte. Nach seiner Einschätzung haben ausländische Investoren oft kein großes Verständnis für die in Deutschland gepflegte Kultur der Mitbestimmung: „Sie kennen Betriebsräte und Gewerkschaften entweder gar nicht oder stellen ihren Nutzen infrage.“
Ob sich allerdings die Bundesregierung für einen erneuten Börsengang oder den Verkauf an einen oder mehrere private Investoren entscheiden wird, ist noch nicht bekannt. Verdi und die IGBCE suchen derzeit gezielt das Gespräch mit Politikern auf allen Ebenen. „Wir lassen sie nicht aus den Augen und machen immer wieder auf die besondere Situation Unipers aufmerksam“, sagt Wiegand. Auch eine klare Warnung an mögliche Käufer gehört dazu: „Wer eine Übernahme gegen den Willen der Belegschaft versucht, muss mit hartem Widerstand rechnen“, sagt Geilhorn.
Uniper: die Firmengeschichte
2016 Das Unternehmen wird vom Energiekonzern Eon abgespalten.
2020 Der finnische Energiekonzern Fortum wird Mehrheitsaktionär.
2022 Uniper gerät durch den Ukrainekrieg in Schieflage und wird von der Bundesregierung gerettet.
2026 Die Bundesregierung leitet die Reprivatisierung ein.