Energiewende: Angst vor der Reiche-Delle
Weil der Netzausbau stockt, will Wirtschaftsministerin Reiche die Förderung der erneuerbaren Energien drosseln. Doch genau das könnte den Ausbau weiter lähmen. Von Fabienne Melzer
Der Ausbau der erneuerbaren Energien hatte gerade so richtig Fahrt aufgenommen. 2025 wurde so viel Windenergieleistung genehmigt wie nie zuvor. Prognosen rückten sogar die Ausbauziele für das Jahr 2030 in erreichbare Nähe. Die Regierung müsste nun den eingeschlagenen Kurs halten. Doch danach sieht es zurzeit nicht aus. Da der Netzausbau dem Ausbau von Wind- und Solarkraft hinterherhinkt, will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Anlagenförderung kürzen. Kritik kommt von vielen Seiten. Schließlich gebe es auch eine andere Lösung: Die Politik könnte den Netzausbau vorantreiben.
Denn das Netz ist seit Jahren das Nadelöhr auf dem Weg zu mehr Erneuerbaren. Mangels Netzkapazitäten kann überschüssige Energie, die vor allem die Windkraftanlagen im Norden produzieren, nicht dahin geleitet werden, wo sie gebraucht wird. Bei Überkapazitäten werden die Windräder im Norden daher immer wieder abgeschaltet, während im Süden gleichzeitig Kraftwerke mit fossilem Brennstoff anspringen.
Vergütet werden muss die nicht erbrachte Leistung der Windkraftanlagen aber dennoch. Das Ganze nennt sich Redispatch und kostete im vergangenen Jahr 3,1 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsministerin wollte diese Ausfallvergütung für neue Anlagen zunächst ganz streichen.
Nach massiver Kritik lenkte sie laut Medienberichten ein. So sehe der Entwurf für die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vor, dass in Gebieten, in denen Wind- oder Solarkraftwerke häufig aufgrund von Netzengpässen ausgeschaltet werden, auch zukünftig neue Anlagen errichtet werden können. Die Betreiber müssten aber zumindest auf einen Teil der Ausfallvergütung verzichten. Auch dieses Vorhaben erntete bereits Kritik. Fachverbände und Umweltorganisationen befürchten, dass die Pläne den Ausbau bremsen.
Clemens Rohde, Leiter der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme am Wuppertal Institut, sieht angesichts solch unsicherer Rahmenbedingungen Investitionen gefährdet. „Wir brauchen einen Mechanismus, der den Anlagenbetreibern eine verlässliche Finanzplanung ermöglicht. Das ist jetzt schon kritisch, weil wir nicht wissen, wie die Rechtslage am 1.1.2027 aussieht“, sagt Rohde. Das EEG läuft Ende des Jahres aus, und bevor ein neues in Kraft treten kann, muss es von der EU genehmigt werden. Solange niemand wisse, wie die Förderung ab dem kommenden Jahr aussieht, vergebe keine Bank einen Kredit für Projekte ab diesem Zeitraum. Der Neubau von Anlagen könnte wieder an Fahrt verlieren.
Bereits jetzt ging viel unnötig Zeit verloren. „Der Netzausbau muss schneller gehen. Das wissen wir seit 15 Jahren“, sagt Rohde. Die Südlink-Verbindung sollte schon seit drei Jahren Strom von der Küste in den Süden bringen. Aktuell soll die Leitung 2028 stehen. Widerstand und Klagen verzögerten den Bau. „Kein Mensch will eine Hochspannungsleitung in seiner Nähe haben“, sagt Rohde. Daher entschied man sich für Erdkabel, um dann festzustellen, dass es teuer wird. „Das war allen Fachleuten auch vorher schon klar“, sagt der Energieexperte. „Jetzt machen wir es doch wieder überwiegend oberirdisch. Dadurch haben wir beim Netzausbau Jahre verloren, auch wenn der Ausbau sich in den letzten Jahren etwas beschleunigt hat.“ In gewisser Weise müsse man damit leben, dass in einer Demokratie Entscheidungen länger brauchen und Beteiligte ihre Bedenken vorbringen können. Aber wenn eine Entscheidung gefallen sei, müssen einzelne Bedenken auch zurückgestellt werden, findet Rohde.
Die Ausrichtung der Energiepolitik sehen auch die Betriebsräte Daniel Petersen und Horst Hakelberg kritisch. Petersen arbeitet beim dänischen Windanlagenbauer Vestas, Hakelberg ist Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Siemens Gamesa. Zurzeit läuft das Geschäft der Windanlagenbauer. Der dänische Hersteller Vestas konnte seinen Gewinn 2025 zum dritten Mal in Folge steigern. Auch für die nächsten zwei Jahre macht sich Petersen keine Sorgen. Noch sind die Auftragsbücher voll. Doch angesichts der energiepolitischen Richtung des Wirtschaftsministeriums, ist er für die Zeit danach skeptisch. Der Betriebsrat befürchtet eine „Reiche-Delle“ beim Ausbau. Damit spielt er auf die „Altmaier-Delle“ an – einen Begriff, den die Medien prägten. Als Umweltminister hatte Peter Altmaier im Jahr 2012 die Solar-Förderung zusammengestrichen. In den Folgejahren brach der Ausbau von Photovoltaik ein. Hersteller wanderten ab, und die Zahl der Arbeitsplätze in der Solarindustrie schrumpfte laut Bundesverband Solarwirtschaft um zwei Drittel. Fünf Jahre später änderte Altmaier das EEG mit ähnlichen Folgen für die Windkraftanlagenbauer. Die Branche brauchte Jahre, um sich von der Altmaier-Delle zu erholen.
Die Erneuerbaren zu bremsen, weil das Netz nicht hinterherkommt, sieht Petersen kritisch. „Ich fürchte, dass wir beim Ausbau an Geschwindigkeit verlieren, weil der Druck sinkt, das Netz so auszubauen, wie es langfristig notwendig ist“, sagt Petersen. Horst Hakelberg von Siemens Gamesa sieht auch die Gefahr, dass das Land weitere Jahre verliert beim Umstieg auf eine klimafreundliche Energieerzeugung. „Wir machen das ja alles nicht aus Spaß“, sagt der Betriebsrat. „Nach den Hitzewochen im Frühsommer sollten doch nun alle begriffen haben, dass der Klimawandel uns trifft.“ Statt zu bremsen, müsse die Regierung den Ausbau beschleunigen.
Auch Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, hält nichts von der Diskussion, den Ausbau von Offshore-Anlagen auf See zurückzufahren, weil der Netzausbau nicht hinterherkommt. Wenn Ziele und Jahreszahlen ständig infrage gestellt werden, stelle das auch die Geschäftsmodelle von Investoren infrage. „Infrastrukturprojekte brauchen mehr als vier Jahre. Deshalb brauchen wir einen Konsens, der länger hält als eine Legislaturperiode“, sagt Kerner. Wenn die Politik den Weg des Ausbaus nicht konsequent weitergeht, rechnet der Metaller mit extremen Spitzen bei den Energiekosten. „Und das ist Gift für die energieintensiven Industrien.“
Natürlich müsse die Energie dann von den Offshore-Anlagen weitertransportiert werden. Das Netz müsse daher konsequent ausgebaut werden. Die Politik habe da auch schon reagiert und die Genehmigungsprozesse beschleunigt. Neben dem Ausbau des Hochspannungsnetzes brauche es auch mehr Transparenz, wo noch Kapazitäten frei sind. „Dafür brauchen wir die Digitalisierung“, sagt Kerner. „Wir reden seit Jahrzehnten vom berühmten digitalen Stromnetz. In unserem Netz ist noch gar nichts digital.“
Ich fürchte, dass wir beim Ausbau an Geschwindigkeit verlieren, weil der Druck sinkt, das Netz so auszubauen, wie es langfristig notwendig ist.“
Das Stichwort heißt Smart Metering. Mittels computergestützten Messens und Steuerns des Energieverbrauchs ließe sich die dezentrale Stromerzeugung viel besser nutzen. „Andere Länder haben längst darauf umgerüstet“, sagt Siemens-Betriebsrat Hakelberg. „Damit lässt sich auch nicht alles lösen. Aber wir können das System an vielen Stellen optimieren.“
Dabei muss das Netz nicht nur ausgebaut werden. Rund 40 Prozent des Verteilnetzes benötigen eine Generalsanierung. Es ist in weiten Teilen älter als 40 Jahre. Mitnetz Strom, der Verteilnetzbetreiber des Chemnitzer Energieversorgers enviaM, investiere allein in diesem Jahr rund 530 Millionen Euro in Erneuerung, Erweiterung, Instandhaltung und Betrieb, sagt dessen Betriebsrat René Pöhls. Bis 2030 sollen es rund drei Milliarden sein. Aber das alles muss geplant und gebaut werden, und dafür brauchen die Dienstleister und Hersteller von Transformatoren und Leitungen Kapazitäten. „Sie erleben gerade einen regelrechten Ansturm“, sagt Pöhls, „sodass Lieferungen derzeit mehrere Jahre Vorlauf brauchen.“
Der Ausbau des deutschen Stromnetzes stockt, weil die Politik die Rahmenbedingungen immer wieder ändert. Tatsächlich übersteigt die Nachfrage inzwischen die Kapazitäten der Netzbetreiber. Das bestätigt auch Betriebsrat Pöhls: „Bei uns landen täglich 110 Anfragen zu Netzanschlüssen.“ Die Betreiber von erneuerbaren Energieanlagen, Speichern, Rechenzentren und Wärmepumpen – sie alle wollen ans Netz. „Da kommen unsere Hochspannungsleitungen, Transformatoren oder Mittelspannungsleitungen an Grenzen, sodass sie nicht mehr so viel Energie von A nach B leiten können“, sagt Pöhls.
Lothar Haberzeth, Betriebsratsvorsitzender der Region Ostbayern bei den Bayernwerken, beobachtet ebenfalls die steigende Nachfrage. Vor allem Rechenzentren fragen viel Energie nach. „Das bringt unsere Netze an den Rand der Leistungsfähigkeit. Da müssten wir noch mehr investieren“, sagt Haberzeth. Die Bayernwerke stießen inzwischen aber auch personell an Grenzen, obwohl das Unternehmen die Belegschaft in den vergangenen vier Jahren von etwa 3000 auf gut 5000 Beschäftigte aufgestockt hat.
Denn nicht nur das Netz ist überlastet. Der Ansturm macht sich auch bei den Beschäftigten bemerkbar, stellt Betriebsrat Pöhls fest: „Unter der Flut der eingehenden Anträge ächzen unsere Kolleginnen und Kollegen inzwischen sehr.“