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Industriestrompreis Magazin Mitbestimmung

Politik: Dieser Strompreis läuft ins Leere

Ausgabe 04/2026

Gewerkschaften und verarbeitende Unternehmen haben lange für einen ermäßigten Industriestrompreis gekämpft. Seit Anfang des Jahres gibt es ihn endlich. Doch die Lösung der Regierung erweist sich als Mogelpackung. Von Andreas Schulte

Die Forderung der Stahl-, der Metall-, der Chemie- und der Grundstoffindustrie nach einem niedrigeren Strompreis ist alt, denn die Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr. 2024 appellierte die IG Metall in einem offenen Brief an die Politik: „Wir brauchen einen gedeckelten Industriestrompreis für die energieintensive Industrie in Höhe von fünf Cent pro Kilowattstunde. Wir brauchen diese Regelung zur Überbrückung, bis genügend günstiger Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht.“ 

Seit dem 1. Januar 2026 gibt es ihn endlich, den Industriestrompreis in Deutschland. Mitte April genehmigte die EU die entsprechende nationale Regelung. Der „Zielpreis“ für den Indus­triestrompreis liege bei fünf Cent pro Kilowattstunde, heißt es von der Bundesregierung. 

Das klingt vordergründig gut für knapp 10 000 berechtigte Unternehmen. Doch in der Praxis zahlen sie weiterhin mehr als die von Berlin plakativ zur Schau gestellten fünf Cent. Der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Indus­trie geht davon aus, dass der Industriestrompreis die gesamten Stromkosten eines Unternehmens nur um fünf Prozent senkt. Unternehmen zahlen in Deutschland für ihren Strom weiterhin meist zwischen 13 und 18 Cent pro Kilowattstunde – viel mehr als in anderen Industriestaaten. Es sind die Kosten für Netzentgelte, Umlagen und Steuern, die den Strom hierzulande so teuer machen. Doch diese Abgaben müssen Unternehmen weiterhin voll bezahlen, trotz Industriestrompreis.

Denn der Bund übernimmt mit dem neuen Industriestrompreis nicht einfach jeden Betrag, der fünf Cent übersteigt. Das darf er aus EU-rechtlichen Gründen nicht. Stattdessen trägt er nur drei Jahre lang die Hälfte dessen, was an reinen Stromkosten über die Fünf-Cent-Marke hinausgeht. Die neue Ermäßigung berücksichtigt also nur einen Rechenwert der Bundesregierung von knapp neun Cent. Außerdem wird nur die Hälfte der tatsächlich verbrauchten Strommenge angerechnet. Und zu allem Überfluss müssen Unternehmen die Hälfte der schließlich eingesparten Summe in umweltfreundliche Maßnahmen investieren, also etwa in die Energieeffizienz, in Stromspeicher oder in Anlagen der erneuerbaren Energien.  

„Die von der Regierung ins Spiel gebrachte Marke von fünf  Cent führt in die Irre. Tatsächlich bleibt der Strompreis deutlich teurer“, sagt Volker Consoir, Ressortleiter Industrie und Branchenpolitik bei der IG Metall. „Dieser Industriestrompreis hilft so gut wie gar nicht. Er läuft ins Leere.“ 

Und nun? Ist mit der Scheinlösung der Bundesregierung das Kapitel Industriestrompreis zugeschlagen? Nicht für die IG Metall. Die Gewerkschaft macht weiter Druck: „Wir brauchen einen Industriestrompreis von fünf Cent – inklusive aller Abgaben, Umlagen und Netzentgelte“, fordert Jürgen Kerner. Der Ausgestaltung des derzeitigen Industriestrompreises gibt der Zweite Vorsitzende der IG Metall die Schulnote Sechs. Kerner spricht von einem Taschenspielertrick der Regierung und kündigt an, das Thema Industriestrompreis weiter in die Betriebe zu tragen. Dort herrsche große Unzufriedenheit. 

Die IG Metall macht sich zudem dafür stark, den Industriestrompreis mit der sogenannten Strompreiskompensation der EU koppeln zu können. Das war aus rechtlichen Gründen bislang nur im sehr begrenzten Rahmen möglich. Aufgrund der angespannten Situation durch den Krieg im Iran hat die EU im Juni die Zügel gelockert. Zumindest für dieses Jahr ist die Kombination beider Förderungen nun zulässig. Doch die Anwendung beider Instrumente würde den Bund schätzungsweise eine weitere Milliarde Euro kosten. Schon jetzt bringt der Bund für den Industriestrompreis bis zum Jahr 2028 knapp vier Milliarden Euro auf. Mit der zusätzlichen Milliarde zögert Finanzminister Lars Klingbeil bis heute. 

Auch in der IGBCE stoßen die Ausgestaltung des Industriestrompreises und die neuerliche Hängepartie auf Kritik. „Vom ursprünglich mal angedachten Abmildern der schlechten Wirtschaftlichkeit von Firmen bleibt nicht mehr viel übrig“, sagt Marco Hucklenbroich zur Wirksamkeit. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Ineos ­Manufacturing Deutschland. Die Niederlassung des US-Unternehmens produziert in Köln Basis­chemikalien wie zum Beispiel Ammoniak. 

Für Ineos und andere Chemieunternehmen drückt der Schuh an anderer Stelle noch ärger. „Ebenfalls wichtig oder sogar noch wichtiger als der Industriestrompreis wäre eine Neuregelung des europäischen Emissionshandels für die Chemie, um die aktuelle Negativ-Dynamik zu durchbrechen“, sagt Hucklenbroich. Die IGBCE sieht viele Unternehmen mit den finanziellen Verpflichtungen aus dem Emissionshandel überlastet und fordert mehr Zeit für die ökologische Transformation durch ein Aufschieben der Verpflichtungen aus dem Handel.  

Gewerkschaften fordern weiterhin, das In­strument des Industriestrompreises zu schärfen. Zwar hatte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis seine Einführung grundsätzlich als einen Erfolg gewerkschaftlicher Industriepolitik gewertet. Doch er sagt auch: „Nun kommt es darauf an, die Energiekosten dauerhaft und nachhaltig auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen.“ 

Ein weiterer Schritt ist dazu mittlerweile gemacht: Im März legte die Bundesregierung die „Chemieagenda 2045“ vor. Die IGBCE hat daran entscheidend mitgewirkt. Demnach werden mehr Unternehmen die Strompreiskompensa­tion in Anspruch nehmen können, zum Beispiel Hersteller von organischen Grundstoffchemikalien und von Düngemitteln.

Industriestrompreise
Industriestrompreise im Durchschnitt der EU-Länder und in weiteren Ländern, 2024, in ct/kWh Quelle: Bertelsmann Stiftung/Bundesagentur für Arbeit, 2025

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