Standort: Eine Krise wie keine zuvor
Deutschland hat Zehntausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Ein Faktor sind die Energiepreise, die für manche Branchen kaum mehr verkraftbar sind. Lange hat die Regierung zugeschaut. Dabei ist es höchste Zeit, zu handeln. Von Sophie Deistler, Maren Knödl, Kay Meiners, Fabienne Melzer und Andreas Schulte
Im März traf sich im Wirtschaftsministerium in Berlin alles, was Rang und Namen hat. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, BDI-Präsident Peter Leibinger, IG Metall-Vize Jürgen Kerner. Es war eine Krisensitzung. Bei dem Treffen des „Bündnisses Zukunft der Industrie“ stand ein Thema weit oben auf der Tagesordnung: die Energiekosten. In einem Grundsatzpapier des Bündnisses heißt es: „Insbesondere hohe Energiekosten sind ein Wettbewerbsnachteil, vor allem in energieintensiven Branchen und solchen mit hoher internationaler Konkurrenz. Dies hemmt Investitionen und schwächt in einem hart umkämpften globalen Umfeld die Marktposition der deutschen Industrie.“
Die Energiepolitik muss sich ändern, um die Produktion im Land am Leben zu halten und fossile Energien zu ersetzen. Doch hinter den Kulissen wird in verschiedene Richtungen gezerrt. Zwei Streitpunkte: Verläuft die Transformation zu schnell und gefährdet sie so die Industrie, oder geht es zu langsam vorwärts? Wo muss der Staat mit Geld helfen, wo nicht? Was die Lage so heikel macht: Zusätzlich zu den Energiepreisen kämpft die Industrie mit Absatzproblemen, geopolitischen Risiken, Billigkonkurrenz, aus China und hohen Investitionskosten.
Wie das Statistische Bundesamt meldet, ist die Produktion der Industrie in Deutschland von Februar 2022 bis März 2026 um 9,5 Prozent gesunken. Bei den energieintensiven Branchen waren es gar 15,2 Prozent. Die Strukturkrise schlägt längst auf den Arbeitsmarkt durch. Energieintensive Branchen verloren in diesem Zeitraum rund 53 200 Beschäftigte. Dennoch geschieht wenig. Das Räderwerk aus Politik und Wirtschaft scheint so eingerostet, dass es kaum mehr zu bewegen ist. Zugleich sind äußere Faktoren so stark, dass Hebel auf nationaler Ebene keine vergleichbar starke Wirkung entfalten wie externe Schocks. Die deutsche Industrie steht bei Energie schlechter da als Wettbewerber in den USA und China, die über Kostenvorteile und mehr eigene Ressourcen verfügen. Auch gegenüber dem EU-Durchschnitt ist Deutschland bei Strom und Gas überdurchschnittlich teuer, denn im Land treiben hohe Steuern und Netzentgelte den Preis. Marktmechanismen begünstigen zudem teure Gas- und Kohlekraftwerke. Der überfällige Netzausbau kostet Milliarden. Die Lage ist nicht mehr eine akute Versorgungskrise wie zu Beginn des Ukrainekrieges im Jahr 2022, sondern ein Standortproblem: Deutschland muss ohne billiges russisches Pipelinegas wettbewerbsfähig bleiben. Militärische Konflikte wie der Irankrieg treiben die Preise für alle fossilen Energieträger zusätzlich. In der EU sorgen regelmäßig steigende Kosten für den CO2-Ausstoß von Unternehmen für zusätzlichen Druck.
Die meisten Unternehmen können sich nicht aus eigener Kraft von den Fesseln hoher Energiepreise lösen. Kurzfristig sind viele in ihrer Produktion abhängig von bestimmten Energieträgern und sitzen auf den Kosten. So lässt sich in der Glas- und Keramikindustrie Erdgas als Brennstoff nur mit sehr viel Aufwand ersetzen. Der Weg zu einer weitgehend klimaneutralen Produktion ist noch weit. Aktuell deckt Deutschland laut Umweltbundesamt erst zu etwa 20 Prozent seines gesamten Energieverbrauches aus erneuerbaren Energien, aber zu 36 Prozent aus Mineralöl, zu 26 Prozent aus Gas und zu 15 Prozent aus Kohle.
Laut Bundes-Klimaschutzgesetz soll Deutschland bis zum Jahr 2045 treibhausgasneutral sein. Ohne die Hilfe des Staates könnte vielen Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität das Geld ausgehen. Die Stahlbranche wagt die Transformation bereits. Sie ist aber auf Hilfe angewiesen, wenn sie überleben soll. Der Staat hat Anschubfinanzierungen für den Bau neuer Öfen geleistet. Gleich mehrere Hütten sind nun dabei, fossile Brennstoffe durch grünen Wasserstoff zu ersetzen, denn grüner Stahl soll Wettbewerbsvorteile gegenüber Billigimporten aus China bringen. Das gelingt aber nur, wenn der Staat diese schonende Produktionsweise fördert: „Die klimaneutrale Stahlproduktion in Deutschland ist wettbewerbsfähig, wenn die Politik einen kohärenten industriepolitischen Rahmen setzt“, schreiben die Wissenschaftler Patrick Kaczmarczyk und Tom Krebs in einer Grünstahl-Studie, die von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Eine einmalige Anschubfinanzierung schafft aber keine Planbarkeit für Unternehmen. Die Wissenschaftler schlagen unter anderem Schutzzölle auf Importe aus Ländern mit niedrigen Arbeits- und Umweltstandards vor. Sie fordern zudem Investitionshilfen für Unternehmen und Subventionen bei der Energiebeschaffung.
Ausgerechnet dabei hat die deutsche Politik eine Lösung geliefert, die Unternehmen aber wenig hilft: Der sogenannte Industriestrompreis kam mit Verzögerung und gilt nur für drei Jahre. So schafft er keine Investitionssicherheit. Zudem sparen die Unternehmen durch ihn deutlich weniger Geld ein, als ursprünglich gefordert. Dem IGBCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis geht alles nicht weit genug. Im „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Bundesregierung erkenne er immerhin erste Schritte hin zu einer konsequenteren Industriepolitik, kommentierte er. Die Regierung will darin unter anderem den Ausbau der Stromnetze beschleunigen, um mehr günstigen Strom aus erneuerbaren Quellen an die Produktionsstandorte zu transportieren. Doch das ist nur ein Baustein einer strategischen Industriepolitik.
Kurzfristig geht es um die Entlastung besonders energieintensiver Unternehmen. Ein dauerhaft geltender Industriestrompreis von fünf Cent inklusive Netzentgelte und Steuern könnte dazu beitragen. Die Gewerkschaften kämpfen weiter dafür. Mittelfristig braucht Deutschland niedrigere strukturelle Stromkosten: schnellere Netze, mehr erneuerbare Erzeugung, Speicher, Flexibilitätsmärkte, langfristige Stromlieferverträge, weniger Abgaben auf Strom und eine Reform der Netzentgelte. Langfristig lautet die strategische Frage: Welche energieintensiven Grundstoffe müssen in Deutschland oder Europa gehalten werden, und welche Vorprodukte können importiert werden, ohne die industrielle Souveränität zu verlieren? Eine reine Subventionspolitik wäre auf Dauer zu teuer. Ein reiner Marktansatz könnte aber industrielle Kerne zerstören.
Die neue Industriepolitik muss zwei Dinge zugleich schaffen: kurzfristig Wettbewerbsfähigkeit sichern und langfristig bezahlbare, sichere und saubere Energie verfügbar machen.
Ungleicher Wettbewerb
Covestro hat es schwerer als ausländische Anbieter. Doch die neuen Eigentümer bekennen sich zum Standort.
Beim Thema Energiepolitik richtet Michael Gilde seinen Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.„Fair wäre es, wenn ausländische Hersteller von Grundchemikalien denselben CO2-Preis zahlen wie hiesige Anbieter, wenn sie ihre Waren in die EU importieren. Bisher betrifft dies nur die Sektoren Strom, Zement, Eisen, Stahl, Aluminium, Düngemittel und Wasserstoff. Die heimischen Chemiekonzerne stehen unter einem enormen Kostendruck: Sie konkurrieren auf dem Weltmarkt mit ausländischen Unternehmen, die billiger produzieren können. Sollten einzelne Unternehmen abwandern oder aufgeben, weil sie nicht mehr wirtschaftlich produzieren können, wird es Folgen für die gesamte Wirtschaft haben“, befürchtet Gilde.
In angrenzenden Branchen stehen längst Arbeitsplätze auf dem Spiel. Bei Covestro ist das nicht so. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen durch Adnoc, das staatliche Öl- und Gas-Unternehmen der Vereinigten Arabischen Emirate, übernommen. Teil des Deals war, dass die Arbeitnehmerseite einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2032 aushandeln konnte.
Niemand kann sagen, ob Covestro und andere Unternehmen irgendwann in der Zukunft Kapazitäten dorthin verlagern, wo die Konditionen günstiger sind. Aktuell schlagen die hohen Energiekosten noch nicht auf den Alltag der Beschäftigten durch, obwohl die Leverkusener Erdgas als Rohstoff und als Energieträger benötigen. Covestro will Preisschwankungen eindämmen und hat deswegen im vergangenen Jahr einen Gas-Liefervertrag mit Ineos mit einer Laufzeit bis zu acht Jahren abgeschlossen. Für Gilde ist das eine gute Nachricht: „Langfristige Lieferverträge zur Stabilisierung der Energiekosten sind richtig und ein klares Bekenntnis zum Standort.“
Stahl stärker unter Druck
Hersteller wie Georgsmarienhütte leiden unter hohen Energiepreisen, Konkurrenz aus China und dem Emissionshandel.
Die Stimme des Kanzlers klingt Yasin Abay noch im Ohr. Der Betriebsratsvorsitzende des Stahlkonzerns Georgsmarienhütte war beim Stahl-Gipfel der Bundesregierung in Berlin dabei. „Ohne eine wirksame Absenkung der Strompreise ist diese Industrie nicht überlebensfähig. Wir werden da was machen“, beteuerte Friedrich Merz. Das war im November vergangenen Jahres. Heute ist Yasin Abay enttäuscht. Denn so richtig viel gemacht hat die Regierung nicht. Allein einen für drei Jahre vergünstigten Industriestrompreis hat sie endlich auf den Weg gebracht. Doch der entlastet die Branche nur in „homöopathischen Dosen“, wie Metaller spotten.
Es sind nicht allein die hohen Energiekosten, die die deutschen Stahlwerke im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen bringen. Der kostenintensive Emissionshandel, der aussichtslose Wettbewerb gegen subventionierten Stahl aus China, US-Zölle und die Krise der Autoindustrie wiegen ähnlich schwer und bremsen den Absatz. Dennoch schlagen ausgerechnet die Energiepreise unmittelbar auf die Beschäftigten im Werk Georgsmarienhütte durch, wo mit Strom aus Schrott wieder Rohstahl gemacht wird. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten nun häufiger zu Zeiten, in denen Strom am Spotmarkt in der Regel günstig ist, zum Beispiel am Wochenende. Die seltenen Stillstände des elektrischen Lichtbogenofens werden hingegen nach Möglichkeit in die Zeiten des teuren Stroms gelegt. Dann wird technisch gewartet. Diese Verschiebung der Arbeitszeiten betrifft rund 200 der 1300 Beschäftigten am Standort Georgsmarienhütte. „Die Flexibilität der Beschäftigten hilft, zweistellige Millionenbeträge pro Jahr einzusparen“, sagt Abay.
An Strom führt im Stahlwerk Georgsmarienhütte aus technischen Gründen kein Weg vorbei. Das Werk verbraucht so viele Kilowattstunden pro Jahr wie eine Stadt der Größe Osnabrücks. Andere Stahlwerke sind noch nicht so weit. Sie verwenden weiter klimaschädliche Kokskohle. Fast alle deutschen Werke eint das Ziel, über die Produktion von grünem Stahl ein Alleinstellungsmerkmal herauszubilden. Aber längst nicht alle sind technisch auf dem gleichen Stand.
Nach den EU-Regeln für den Emissionshandel wird der Einsatz fossiler Energieträger jedes Jahr teurer. Die Bundesregierung will in Brüssel nun darauf hinwirken, dass die höheren Preise für den Einsatz fossiler Energieträger später als geplant wirken. Das soll Stahlwerke entlasten. Doch diese uneinheitliche Politik von EU und Bundesregierung birgt Konfliktpotenzial. Denn nun fürchten jene Werke um ihren Wettbewerbsvorteil, den sie sich bislang bereits durch eine möglichst klimafreundliche Produktion erarbeitet haben. Zu ihnen gehört auch Georgsmarienhütte. Angst um die Existenz des Werkes hat Yasin Abay deshalb nicht. Aber die Energiepolitik ärgert ihn. „Ob beim Industriestrompreis oder Emissionshandel: Es fehlt die Verlässlichkeit“, sagt er.
Die Warnsignale häufen sich
Der Chemiepark-Betreiber Currenta ist abhängig von Kunden, denen es nicht gut geht, und von der Politik, der das Tempo fehlt.
„So eine Lage wie jetzt habe ich noch nicht erlebt“, sagt Detlef Rennings, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende. „Man traut sich ja nicht mehr, in die Zeitung zu gucken.“ Chemiestandorte werden geschlossen, Unternehmensteile verkauft – es ist eine Branchenkrise, bei der kein Ende absehbar ist. Rennings Arbeitgeber, der Chemiepark-Betreiber Currenta, ist vollständig standortgebunden, seine Kunden können theoretisch weggehen und haben teilweise schon Anlagen in China. Currenta, das früher ein Teil von Bayer war und heute dem Finanzinvestor Macquarie gehört, stellt der chemischen Industrie in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen alles zur Verfügung, was Chemieunternehmen brauchen: Infrastruktur, Dienstleistungen, Ver- und Entsorgung, Sicherheit, Ausbildung – und dazu Energie in vielen Formen: in Form von Erdgas oder elektrischem Strom, aber auch als Energiedienstleistung wie der Bereitstellung von Dampf, Kälte oder Druckluft.
Der Dampf für die Kunden wird heute noch teilweise mit Importkohle hergestellt. Bald soll es bei Currenta nur noch Elektrodenkessel geben, die man sich wie riesige Tauchsieder vorstellen kann. Dann allerdings könnte ein Drittel der bisherigen Kraftwerksmannschaften wegfallen.
Betriebsbedingte Kündigungen soll es trotzdem bis zum Jahr 2030 nicht geben. Darüber wird gerade verhandelt. Aktuell sind sie bis 2028 ausgeschlossen. Was bleibt, sind die Kosten: Energiekosten sind heute in der Branche der größte Kostenfaktor im Betrieb, noch vor dem Personal. Noch verdient Currenta Geld, muss nicht von der Substanz leben, auch weil es viele Kosten an die Kunden weitergeben kann.
Aber es ist ein schrumpfender Gigant, der weniger Jobs anzubieten hat als früher. Zurzeit arbeiten an drei Standorten – zusammen mit den Tochtergesellschaften – mehr als 5500 Beschäftigte. Davon sollen noch einmal 15 Prozent sozialverträglich gehen müssen. Rennings hat noch erlebt, dass hier zu Bayer-Zeiten 12 000 Leute Lohn und Brot fanden. Dazu gibt es weitere Warnsignale: die Schieflage bei der Currenta-Tochter Tectrion, der Instandhaltungsgesellschaft, weil die Kunden jetzt bei Instandhaltungen sparen, oder die Insolvenz der Chemiefirma Venator am Standort Krefeld-Uerdingen, die massive Umsatzeinbußen für Currenta bedeutet.
Verbundstandorte haben Vorteile: Was in einem Betrieb als Neben- oder Abfallprodukt anfällt, dient im nächsten Betrieb häufig als Rohstoff – Energie, Stoffströme und Infrastruktur. Doch der Vorteil birgt in der Krise auch Risiken: Alles ist eng miteinander verflochten. Wenn ein Betrieb schließt, entsteht deshalb häufig ein Dominoeffekt. Der benachbarte Betrieb verliert einen Rohstoff, einen Abnehmer oder muss mehr für die Infrastruktur zahlen, weil die Kosten auf weniger Schultern verteilt werden.
An die Industriepolitik hat Rennings eine klare Forderung: „Mehr Tempo! Unternehmen warten nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, wird das Folgen für Investitionen, Verlagerungen oder Schließungen haben. Manche Firmen, so sagt er, verfolgten allerdings eine andere Strategie – die „Last man standing“: „Sie sagen, es lohne sich kaum noch, aber sie halten durch in der Hoffnung, dass andere aufgeben, um dann später selbst wieder bessere Erträge zu erzielen.“
Planungssicherheit ist gefragt
Der Hygienekonzern Essity braucht Verlässlichkeit über Legislaturperioden hinaus. Diese Aufgabe muss die Politik leisten.
Zewa, Tempo und Tork – fast jeder hatte wohl schon einmal ein Markenprodukt des Hygienekonzerns Essity in der Hand. „Für unsere Wettbewerbsfähigkeit sind Energiekosten ein sehr wichtiger Posten“, sagt Frank Gottselig, der Eurobetriebsratsvorsitzende von Essity. Bei Hygienepapieren entfällt rund ein Drittel des Produktionswertes auf Energie, wie Berechnungen des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft aus dem Jahr 2024 zeigen.
Viele Papierhersteller versuchen deshalb, ihre Abhängigkeit von externen Energiepreisen zu verringern, indem sie den Einsatz von Strom und Prozesswärme reduzieren oder Energie selbst erzeugen. Auch Essity produziert im eigenen Kraftwerk Strom und Prozesswärme. Mit dem Einsatz von Stroh-Zellstoff investiert das Unternehmen zudem in Produktionsverfahren, die weniger Energie benötigen, den Ressourcenverbrauch senken und den ökologischen Fußabdruck gegenüber konventionellen Verfahren reduzieren. Im Alleingang jedoch kann das Unternehmen sich weder dauerhaft günstige Energie verschaffen noch die Dekarboniserung stemmen.
Betriebsrat Frank Gottselig wünscht sich daher mehr Unterstützung durch die Politik. „Wir benötigen langfristig verlässliche Rahmenbedingungen über Legislaturperioden hinaus, um Investitionen in Dekarbonisierung und Elektrifizierung planen und umsetzen zu können.“ Für die volle Elektrifizierung der Produktion bräuchte das Unternehmen unter anderem ein eigenes Umspannwerk: „Das wäre ein Projekt von etwa
15 Jahren Dauer“, sagt Gottselig. „Unter den heutigen Rahmenbedingungen ist das allerdings kaum realistisch.“
Besser als das öffentliche Netz
Die Fertigung von Chips ist hochsensibel. Global Foundries will deshalb vom öffentlichen Netz unabhängiger werden.
Zwei Standorte finden im Geschäftsbericht von Global Foundries eine kritische Erwähnung wegen der hohen Stromkosten. Singapur – und Dresden. Das Unternehmen beobachtet die Preise genau – denn in der Chipfertigung kann Energie zwischen fünf und 30 Prozent der laufenden Betriebskosten ausmachen. Ralf Adam, Betriebsratsvorsitzender in Dresden, betont darüber hinaus die Zuverlässigkeit der Versorgung. In der sensiblen Produktion können schon minimale Spannungsschwankungen oder Sekundenbruchteile an Unterbrechungen ganze Fertigungschargen unbrauchbar machen. Die Qualität der öffentlichen Netzversorgung reiche schlicht nicht aus.
Global Foundries hat daher als Ziel, stromseitig bis Ende 2027 autark zu werden. Für die Stromproduktion wird vor allem Erdgas gebraucht. Das Unternehmen betreibt bereits ein Kraftwerk. Eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Werksdach deckt zusätzlich aktuell rund vier Prozent des Energiebedarfs – der Strom wird komplett im Werk verbraucht.
Für mehr Wettbewerbsfähigkeit benötigt Global Foundries zusätzlich Wachstum: „Der Dresdner Standort muss wachsen, damit sich zumindest die Fixkosten auf höhere Stückzahlen verteilen“, sagt Adam. 1,1 Milliarden Euro fließen aktuell bereits in den Ausbau der Produktion. Ob und wie stark künftige Ausbaustufen von der Energiepreisentwicklung abhängen, darüber will Adam nicht spekulieren, denn viel hängt bei Global Foundries auch am European Chips Act der EU, über den Fördermittel für den Ausbau der europäischen Halbleiterfertigung fließen. Adam räumt ein: Ohne solche Förderungen könnten Unternehmen durchaus versucht sein, Investitionen dorthin zu verlagern, wo Energiepreise günstiger sind. Für den Dresdner Standort sei das aber derzeit „eher Spekulation“ als eine reale Diskussion.
„Infrastruktur gehört in staatliche Hand“
Welche wirtschaftlichen Auswirkungen haben die hohen Energiekosten und der stockende Ausbau der erneuerbaren Energien?
Das größte Gift für Investitionen am Standort Deutschland ist eine Planungsunsicherheit. Wir hatten noch nie die billigsten Energiekosten, aber unsere Energiekosten waren über Jahrzehnte kalkulierbar und berechenbar. Momentan ist das weder plan- noch berechenbar.
Wie stehen Sie zum Bestreben der Wirtschaftsministerin, Gas als Brückentechnologie zu stärken?
Grundsätzlich spricht da nichts gegen. Wir machen ja auch in den Stahlwerken den kleinen Zwischenschritt und fangen mit Gas an. Ziel muss sein, dass wir die Gaskraftwerke über die Zeit Wasserstoff-ready machen.
Bis wann rechnen Sie mit grünem Wasserstoff?
Das Thema Wasserstoff wird kommen, es kommt nur zeitversetzt. Da ist auch das Wirtschaftsministerium gefragt. Wenn wir die Ausbauziele beim Wasserstoff jetzt massiv nach unten korrigieren, entstehen auch keine Geschäftsmodelle. Ziel muss sein, dass wir in zehn Jahren Wasserstoff konkurrenzfähig einsetzen können. Dazu brauchen wir einen Ausbauplan.
Das heißt, wir brauchen die Leitungen. Von den Häfen in den Niederlanden ins Ruhrgebiet fehlen da nur ein paar Kilometer. Die Dänen würden uns sofort grünen Wasserstoff liefern, wenn wir die kleine Lücke nach Hamburg endlich schließen. Wir hätten sogar eine Pipeline von Spanien bis nach Deutschland, wenn man die Lücke zwischen Frankreich und Spanien schließen würde. Das müssen wir jetzt angehen. Wasserstoff ist ein Zukunftsthema. Wir sehen ja, wie massiv China in diese Technologie investiert, und wir müssen aufpassen, dass wir uns da nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Wir haben heute die Unternehmen, die die großen Hydrolyzer bauen können, egal, ob das jetzt Siemens Energy oder Thyssen Nucera ist. Aber dann müssen wir auch die Referenzanlagen bei uns im Land einfach mal ans Laufen bringen.
Allerdings kippt die Stimmung bei den Stahlherstellern zurzeit, und sie rücken eher ab vom grünen Stahl. Wirken sich da die Strompreise bereits aus?
Europa wird 2050 nur noch klimaneutral produzieren, diese Beschlüsse gelten. Wenn wir die Stahlindustrie nach wie vor erhalten wollen in Europa, dann müssen wir umstellen. Einige Unternehmen zocken ganz einfach und gucken: Wo gibt’s in Europa die meiste Förderung und die besten Konditionen? Plötzlich laufen die Arbeitgeber auseinander und haben uneinheitliche Positionen. Das schwächt letztendlich unsere Position auch gegenüber der Politik. Die Stärke der Stahlindustrie und der Stahlbelegschaften war immer Einigkeit.
Wie sähe ein guter Fahrplan für die Stahlindustrie aus?
Wir dürfen auf keinen Fall die Geschäftsmodelle derjenigen infrage stellen, die bereits auf grünen Stahl umstellen. Den anderen Unternehmen müssen wir Luft geben und die Reduzierung der CO2-Zertifikate eventuell strecken, allerdings nur, wenn es klare Umstiegspläne gibt. Das heißt auch: Wir müssen eventuell die unterstützen, die jetzt vorangehen.
Könnte es die Energiewende voranbringen, wenn der Staat bei großen Energieversorgern einsteigt?
Diese massiven Investitionen, die da jetzt anstehen, schreien eigentlich danach, dass sie in hoheitlicher Hand erfolgen. Die Infrastruktur, wie Straße, Schienen, Netze, gehört in staatliche Hand. Gerade das Hochspannungsnetz müsste verstaatlicht werden. Es unter Marktbedingungen auszubauen, wird richtig teuer.