Krankenhäuser: Zu viel Pflegepersonal?
In der gesundheitspolitischen Diskussion wird immer wieder behauptet, in deutschen Kliniken gebe es vergleichsweise viel Pflegepersonal. Dabei wird mit einer falschen Kennzahl argumentiert.
In der gesundheitspolitischen Debatte taucht seit etwa zehn Jahren immer wieder die Behauptung auf, in deutschen Krankenhäusern gebe es pro Kopf der Bevölkerung mehr Pflegepersonal als im EU-Durchschnitt. Daher seien die Klagen von Pflegekräften über Unterbesetzung und Überlastung unbegründet oder übertrieben. Als Beleg wird auf Daten von Eurostat oder der OECD verwiesen. Allerdings werden dabei häufig falsche Kennzahlen verwendet, so Michael Simon, früherer Professor an der Hochschule Hannover, im WSI-Blog.
Um zu demonstrieren, dass es in deutschen Krankenhäusern nicht an Personal mangelt, werde häufig eine Grafik gezeigt, aus der hervorgeht, dass in Deutschland auf 1000 Einwohner und Einwohnerinnen 12 oder 13 Pflegekräfte kommen. Tatsächlich, so Simon, beziehen sich die genannten Zahlen aber nicht auf Krankenhäuser, sondern das Gesundheitswesen insgesamt, inklusive Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste. Betrachte man nur die Krankenhäuser, zeige sich ein anderes Bild: Mit 4,97 Vollzeitäquivalenten je 1000 Einwohner und Einwohnerinnen steht Deutschland nach OECD-Zahlen wesentlich schlechter da als etwa Großbritannien, Norwegen, die Schweiz, die USA oder Dänemark. Simon wählt diese Vergleichsländer, weil dort „der Prozess der Professionalisierung der Pflege im internationalen Vergleich weit vorangeschritten“ ist oder weil sie – wie Dänemark und die Schweiz – bei der letzten großen Krankenhausreform in Deutschland ausdrücklich als Vorbild dienten.
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Um pro Kopf der Bevölkerung auf eine Personalausstattung wie in Großbritannien zu kommen, müssten zusätzlich zu den gegenwärtig etwa 414 000 Pflegekräften in deutschen Krankenhäusern weitere 200 000 Vollzeitkräfte eingestellt werden. Um das Niveau Australiens oder der Schweiz zu erreichen, wären 160 000 nötig. 100 000 bräuchte es für eine Anhebung auf das Niveau von Dänemark.
Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Denn es kommt nicht nur auf die Personalstärke an, sondern auch auf das zu bewältigende Leistungsvolumen. Eine zentrale Kennzahl für internationale Vergleiche zur Krankenhausversorgung ist die Zahl der stationären Fälle. Und bei der weicht Deutschland nach oben statt nach unten von internationalen Durchschnittswerten ab: „Deutschland liegt seit langem bei der Fallzahl weit über den Werten anderer Länder.“ Während in Dänemark zuletzt etwa 130 stationäre Fälle je 1000 Einwohner und Einwohnerinnen zu versorgen waren und Norwegen und Australien auf 145 und 175 kamen, waren es in Deutschland 221.
Die hohe Fallzahl führt bei niedriger Personalausstattung zu einer im internationalen Vergleich hohen Arbeitsbelastung: „Das Krankenhauspflegepersonal in Deutschland hat 2023 pro Vollzeitäquivalent und Jahr 44,4 Fälle versorgt. Das waren mehr als doppelt so viele Fälle wie in Norwegen und Dänemark und fast doppelt so viel wie in der Schweiz“.
Letztlich sei die Aussagekraft internationaler Vergleiche im Gesundheitssystem aber begrenzt, schreibt Simon. Die Daten der OECD und von Eurostat gäben keine Auskunft darüber, „ob die personelle Ausstattung eines Gesundheitswesens insgesamt oder eines Teilbereichs, wie der pflegerischen Versorgung in Krankenhäusern, bedarfsgerecht, zu niedrig oder unnötig hoch ist. Die Daten internationaler Organisationen wie der OECD bilden – bestenfalls – die Ist-Besetzung korrekt ab, mehr nicht.“ Derzeit werde in Deutschland ein Verfahren zur Ermittlung des Personalbedarfs im Pflegedienst der Krankenhäuser eingeführt, das von allen zugelassenen Krankenhäusern anzuwenden ist. Erste Daten zum bundesweiten Personalbedarf werden Ende des Jahres 2026 vorliegen. Erst dann werde man „auf einer fachlich anerkannten Grundlage die Frage diskutieren und beantworten können, ob es im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser insgesamt ausreichend“ Personal gibt.
Michael Simon: Gibt es in deutschen Krankenhäusern im internationalen Vergleich viel Pflegepersonal?, WSI Blog-Serie Teil 22, Mai 2026