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Coronakrise: Kinderbonus bringt mehr als Steuersenkung

Ausgabe 03/2021

Der Kinderbonus hat die Konjunktur stärker stabilisiert als die Mehrwertsteuersenkung –
und der Effekt war sozial ausgewogener.

Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr viel Geld in die Hand genommen, um den Absturz der Wirtschaft in der Coronakrise zu bremsen. Dabei haben nicht alle Ausgaben gleich gut angeschlagen: Laut einer Studie des IMK hat sich der Kinderbonus als deutlich effektiveres Instrument zur Stützung des privaten Konsums erwiesen als die temporäre Mehrwertsteuersenkung. Der Effekt pro eingesetzten Euro dürfte demnach rund doppelt so groß sein. Auch im Hinblick auf die Verteilungswirkung schneidet der Kinderbonus besser ab: Er erreichte gerade Haushalte mit Kindern und niedrigen bis mittleren Einkommen, die während der Pandemie besonders häufig zusätzliche Ausgaben hatten. Dagegen nutzten vor allem Haushalte mit höheren Einkommen die Mehrwertsteuersenkung, um Anschaffungen zu niedrigeren Preisen vorzuziehen.

Für ihre Untersuchung haben die IMK-Wissenschaftler Jan Behringer, Sebastian Dullien und Sebastian Gechert die dritte Welle der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet, an der im November 2020 mehr als 6100 Erwerbstätige und Arbeitsuchende teilgenommen hatten.

Der Auswertung zufolge hat sich die Senkung der Mehrwertsteuer aus Sicht der Bevölkerung durchaus auf die Preise ausgewirkt. Knapp 30 Prozent der Befragten gaben an, nach ihrer Beobachtung sei der finanzielle Vorteil durch die niedrigere Steuer „ganz überwiegend“ an die Endverbraucher weitergereicht worden, 56 Prozent nahmen eine teilweise Weitergabe des Steuervorteils wahr. Am Konsumverhalten hat das aber offenbar wenig geändert: Bei rund 79 Prozent der Befragten hatte die Mehrwertsteuersenkung in dieser Hinsicht keine Auswirkungen. Nur 16 Prozent berichteten, sie hätten eigentlich später geplante Anschaffungen vorgezogen. Gerade einmal 4,5 Prozent gaben zu Protokoll, sie hätten zusätzlich etwas angeschafft, und einige wenige Befragte taten beides. Unter dem Strich, so die IMK-Forscher, passe diese sehr begrenzte Resonanz gut zu Überschlagsrechnungen des Münchner ifo-Instituts, das den Effekt der Mehrwertsteuersenkung im Gesamtvolumen von 20 Milliarden Euro mit Konsum-Mehrausgaben von lediglich 6,3 Milliarden Euro beziffert.

Die Daten des IMK liefern auch Indizien dafür, dass vor allem Haushalte mit höheren Einkommen die Gelegenheit genutzt haben, während der Mehrwertsteuersenkung zu günstigeren Preisen mehr zu konsumieren. Lediglich 11,3 Prozent der Befragten aus Haushalten mit Einkommen unter 1500 Euro netto monatlich berichteten von Anschaffungen, die sie sonst erst zu einem späteren Zeitpunkt getätigt hätten. Dagegen waren es 19,5 Prozent unter den Befragten mit mindestens 4500 Euro Einkommen.

Deutlich höher als bei der Mehrwertsteuersenkung fällt der Analyse zufolge die Wirksamkeit des Kinderbonus aus. Dieser richtete sich in erster Linie an kindergeldberechtigte Haushalte mit niedrigeren oder mittleren Einkommen, weil er mit dem steuerlichen Freibetrag verrechnet, nicht aber auf die Grundsicherung angerechnet wird. 37 Prozent der Befragten mit Kindern gaben an, den Bonus im November bereits komplett ausgegeben zu haben. Bei weiteren 27 Prozent war er zumindest teilweise in den Konsum geflossen. Zusätzlich wurden diejenigen, die den Bonus noch nicht vollständig ausgegeben hatten, nach der geplanten Verwendung des Restbetrags gefragt. Auf Basis der Antworten gehen die Wissenschaftler davon aus, dass zwölf Monate nach der Auszahlung gut 65 Prozent des Bonus ausgegeben worden sein dürften.

Damit falle die Konsumwirkung des Kinderbonus je Euro rund doppelt so hoch aus wie bei der Mehrwertsteuersenkung, betonen die IMK-Ökonomen. Besonders hoch ist die beobachtete Ausgabeneigung mit mehr als 80 Prozent vom ausgezahlten Betrag bei kindergeldberechtigten Haushalten, die niedrige Einkommen unter 1500 Euro netto haben. Diese Gruppe hatte in der Befragung auch besonders von zusätzlichen Ausgaben berichtet. Laut Dullien, Behringer und Gechert könnte das beispielsweise mit technischen Anschaffungen für Online-Unterricht oder dem Wegfall von kostenlosem Schulessen zusammenhängen. Das unterstreiche, dass der Kinderbonus zielgerichtet dort geholfen habe, wo der Bedarf besonders groß war, schreiben die Forscher. Als Fazit empfehlen sie, bei künftigen Konjunkturprogrammen „sowohl aus Effizienz- als auch aus Verteilungsgründen einen größeren Anteil der eingesetzten Mittel für Direktzahlungen zu verwenden und auf vorübergehende Mehrwertsteuersenkungen zu verzichten“.

Jan Behringer, Sebastian Dullien, Sebastian Gechert: Wirkung des Konjunkturpakets 2020: Spürbarer Impuls vom Kinderbonus, wenig Wumms durch Mehrwertsteuersenkung, IMK-Policy Brief Nr. 101, Januar 2021

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