Böckler Impuls Ausgabe 15/2019

Arbeitswelt

Digitalisierung braucht Mitbestimmung

Um den digitalen Wandel zu meistern, erwarten die Bürger von der Politik, dass sie die Macht der Internetkonzerne begrenzt, Weiterbildung fördert  – und für mehr Mitbestimmung sorgt.

Digitalisierung braucht Mitbestimmung

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Die Menschen in Deutschland sehen die Digitalisierung mehrheitlich positiv: Über zwei Drittel bescheinigen der technologischen Entwicklung der vergangenen zehn Jahre einen hohen Nutzen. Das geht aus einer Studie des Soziologen Stefan Kirchner von der TU Berlin hervor. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass die Bevölkerung sich mehr politische Steuerung wünscht. Eine deutliche Mehrheit spricht sich zudem für mehr Mitbestimmung aus.

Kirchner hat Daten des Erhebungsinstituts Civey ausgewertet, das regelmäßig Online-Befragungen mit jeweils rund 5000 Teilnehmern durchführt. Seiner Analyse zufolge begrüßen die Befragten grundsätzlich den bisherigen digitalen Fortschritt. Die Hälfte gibt an, dass die neuen Technologien mehr Nutzen als Schaden bringen, nur ein Fünftel geht davon aus, dass die Nachteile überwiegen. Wenn es um die Zukunft geht, fällt die Bewertung etwas zurückhaltender aus: Bei der Frage, ob das Leben sich dank der Digitalisierung nachhaltig verbessern wird, sind 46 Prozent eher zuversichtlich, 34 Prozent skeptisch.

Ein Dorn im Auge ist vielen Menschen die Machtfülle privater Digitalkonzerne: Dass Unternehmen wie Google den größten Einfluss auf die Digitalisierung haben, denken 60 Prozent. 62 Prozent haben den Eindruck, sich dem Einfluss dieser Konzerne nicht entziehen zu können, 72 Prozent befürchten, ihnen zu viele persönliche Daten preiszugeben.

Gefragt nach dem wichtigsten Vorteil der Digitalisierung im Arbeitsalltag, nennen 26 Prozent mehr räumliche Flexibilität, 18 Prozent mehr zeitlichen Spielraum. Ein Fünftel kann gar keine Vorteile erkennen. Flächendeckende Angst vor Arbeitsplatzverlusten ist nicht erkennbar: Nur 16 Prozent befürchten, dass der eigene Job gefährdet ist. Die Hälfte fühlt sich gut oder sehr gut gerüstet für den digitalen Wandel, nur 28 Prozent schlecht oder sehr schlecht. Die Vorbereitung durch betriebliche Weiterbildung halten vier von zehn für gut, fast genauso viele sehen Defizite. Dabei gibt es eine klare Bereitschaft zur Qualifikation: 77 Prozent sind grundsätzlich gewillt, sich in Sachen digitale Innovation weiterzubilden, jeder Dritte würde sogar selbst dafür bezahlen.

Wenn es darum geht, was die Politik nach Ansicht der Befragungsteilnehmer als Erstes tun sollte, landet die effektivere Besteuerung von Digitalkonzernen mit 22 Prozent auf Platz eins – zusammen mit einer besseren Finanzierung von Weiterbildung und Qualifizierung, für die sich ebenfalls 22 Prozent aussprechen. Mehr Daten- und Verbraucherschutz hat für 17 Prozent Priorität, mehr Regulierung für 16 Prozent. 

Im Hinblick auf die digitale Arbeitswelt wünschen sich die Befragungsteilnehmer in erster Linie mehr Flexibilität und mehr Weiterbildung. Zwei Drittel möchten stärker mitbestimmen, wie digitale Technik am Arbeitsplatz verwendet wird. Dass die Rechte von Betriebsräten und Beschäftigten ausgebaut werden sollten, befürworten 60 Prozent.

Quelle

Stefan Kirchner: Zeit für ein Update – Was die Menschen in Deutschland über Digitalisierung denken (pdf), Friedrich-Ebert-Stiftung, Juni 2019