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Briefe bleiben liegen, Züge fallen aus - spektakuläre Arbeitskämpfe bescheren dem Thema Streik neue Aufmerksamkeit. Tatsächlich werden viele Auseinandersetzungen härter geführt. Trotzdem ist Deutschland weiter ein streikarmes Land.
"Streiks haben Konjunktur" - solche Schlagzeilen waren in den vergangenen Monaten oft zu lesen. Das stimmt, ist aber nicht die ganze Geschichte, zeigt eine neue Untersuchung des WSI-Tarifarchivs.
"Es gibt tendenziell mehr Arbeitskämpfe", sagt WSI-Forscher Heiner Dribbusch. "Doch diese Zunahme fällt auch deshalb so stark auf, weil wir zuletzt eine Phase mit außergewöhnlich wenigen Arbeitskämpfen erlebt hatten. Einiges spricht dafür, dass diese Phase zu Ende geht - ohne dass Deutschland deshalb zu einer ,Streikrepublik‘ wird."
Sowohl 2006, das bislang letzte Jahr, für das Daten aus der amtlichen Arbeitskampfstatistik vorliegen, als auch 2007 waren Jahre mit Aufsehen erregenden Arbeitskämpfen. Das scheint sich 2008 fortzusetzen. In diesem Jahr beteiligten sich allein an den Warnstreiks in der Stahlindustrie und im öffentlichen Dienst mehr als 470.000 Beschäftigte, so die WSI-Analyse. Die Zunahme von Arbeitskämpfen zeigt nach Dribbuschs Untersuchung eine gestiegene Konfliktbereitschaft in Tarifauseinandersetzungen.
Der Forscher unterscheidet vier Typen von Konflikten:
Im langfristigen Zeitvergleich nahm jedoch bis 2006 die Zahl der Arbeitskampftage in Deutschland ab. Zwischen 2000 und 2006 fielen im Jahresdurchschnitt 4,1 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte durch Streiks und Aussperrungen aus. In allen Dekaden seit den 60er-Jahren war das Niveau stets mehr als doppelt so hoch. Während der 70er-Jahre fielen sogar 50,7 Tage aus - auch als Folge großflächiger Aussperrungen.
Im internationalen Vergleich bleibt die Bundesrepublik weiterhin streikarm. So fielen zwischen 1995 und 2006 im Jahresdurchschnitt 3,6 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte durch Arbeitskämpfe aus. In Kanada waren es 203,4 Tage, in Frankreich 91,4, in den Niederlanden immer noch 16,8. Unter 20 untersuchten Ländern in Europa und Nordamerika hatte lediglich die Schweiz mit durchschnittlich 2,8 Ausfalltagen eine niedrigere Streikquote.
Ein Grund für die im internationalen Vergleich geringe Arbeitskampfintensität ist nach Dribbuschs Analyse ein relativ restriktives Streikrecht. Daneben trügen aber auch das Prinzip der Einheitsgewerkschaft mit vergleichsweise wenigen Gewerkschaften, das sozialpartnerschaftlich angelegte Modell der Mitbestimmung sowie das System der Flächentarifverträge zur Verminderung der Konflikte bei. Veränderungen des Tarifsystems dürften daher Folgen haben, sagt Dribbusch: "Sollte etwa der Trend zu Firmentarifverträgen weiter zunehmen, wird auch die Zahl der Arbeitskämpfe davon nicht unberührt bleiben."
Heiner Dribbusch: Streiks in Deutschland - Rahmenbedingungen und Entwicklung ab 1990, in: WSI-Tarifhandbuch 2008
weitere Informationen in: Pressemitteilung 29.04.2008