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Betriebsratsvorsitzender Michael Schrah (rechts), Gewerkschafssekretärin Stephanie Albicker und Betriebsrat Umut As Magazin Mitbestimmung

Insolvenzen: Aufbäumen gegen das Aus

Ausgabe 03/2026

Betriebsrat und Gewerkschaft kämpfen gegen das drohende Ende der Eichbaum-Brauerei. Nicht nur in Mannnheim geht es um die Existenz von Unternehmen. Von Stefan Scheytt

Niemand weiß, wann das letzte Bier bei Eichbaum gebraut wird. Ende Oktober 2025 hat die Mannheimer Brauerei Insolvenz angemeldet. Seit Januar befindet sich der Betrieb mit seinen knapp 300 Beschäftigen in der Eigenverwaltung. Immerhin: Es gibt Hoffnung. „Stand jetzt – Ende Mai – gibt es mehrere Interessenten, eine Fortführung scheint wahrscheinlich. „Wir sind jetzt zuversichtlicher als vor ein paar Monaten, aber abgewendet ist der Worst Case nicht“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Michael Schrah. Gemeinsam mit seinem Gremium und der Gewerkschaft NGG stemmt er sich gegen das Aus des ältesten Industriebetriebs am Ort.

Der Kampf gegen die Insolvenz, er tobt fast überall im Land. Die Privatbrauerei Eichbaum von 1679 ist da nur ein prominentes Beispiel. Im vergangenen Jahr stellten gut 24 000 Unternehmen einen Insolvenzantrag – zehn Prozent mehr als 2024 und so viele wie zuletzt 2014. Die Gründe sind vielfältig, aber fast alle Firmen leiden seit Jahren unter der stagnierenden Wirtschaft. Zugleich beklagen sie steigende Energie- und Materialkosten infolge von Kriegen und internationalen Handelskonflikten. Laut einer aktuellen Umfrage des Ifo-Instituts dürfte die Zahl der Insolvenzen auch absehbar auf hohem Niveau bleiben, denn jedes Zwölfte der befragten Unternehmen sieht den eigenen Fortbestand gefährdet. In der Industrie sehen sich laut Umfrage 7,5 Prozent in ihrer Existenz bedroht, bei den Getränkeherstellern sogar 21 Prozent.

Aber bedrohliche Statistiken sind kein Grund, aufzugeben. „Eine Insolvenz ist keine mitbestimmungsfreie Phase“, sagt Kay Kürschner. Der Geschäftsführer der PCG-Project Consult in Essen hat mit seinen Kollegen schon unzählige Unternehmen bei Restrukturierung und Arbeitsplatzsicherung beraten. Auch andernorts zeigen viele Beispiele, dass sich der Einsatz von Arbeitnehmervertretern auszahlt.

Wir sind jetzt zuversichtlicher als vor ein paar Monaten, aber abgewendet ist der Worst Case nicht.“

Michael Schrah, Betriebsratsvorsitzender

In Kiel machten Metallerinnen und Metaller  sowie Betriebsräte Druck, um 60 tarifgebundene Jobs in einer insolventen Gießerei zu retten, die seit dem Verkauf unter neuem Namen firmiert. Auch bei der insolventen Bit Analytical Solutions in Frankfurt fand sich nach einem „Katastrophenjahr“, so die Betriebsratsvorsitzende Claudia Grögor, ein Käufer. Beschäftigte, die das Unternehmen verlassen mussten, konnten in eine Transfergesellschaft wechseln.

Beim Möbelhersteller König und Neurath im hessischen Karben gelang nach der Insolvenz ebenfalls die Fortführung. Betriebsrat und IG ­Metall erstritten ein umfassendes Paket aus Interessenausgleich, Sozialplan, Transfergesellschaft und Ergänzungs­tarifvertrag, Letzterer schließt betriebsbedingte Kündigungen bis 2028 aus. „Ein starkes Ergebnis unter extremem Zeitdruck“, kommentierte Tobias Wunsch, Betriebsbetreuer bei der IG Metall in Frankfurt am Main.

Das wünscht sich Stephanie Albicker auch für Eichbaum. Die NGG-Sekretärin spricht von „wilden Monaten“ seit dem Insolvenzantrag: „Es gab fünf Betriebsversammlungen, und zweimal haben wir Verhandlungen für einen Interessenausgleich und Sozialplan begonnen, bis wieder neue Pläne auftauchten.“ Mittlerweile können sich die Arbeitnehmervertreter bei Eichbaum kein Szenario ohne deutlichen Arbeitsplatzabbau mehr vorstellen, wollen aber mit aller Macht um jede Stelle und um eine Transfergesellschaft kämpfen.

Zu Recht, denn schon einmal hat sich ihr Einsatz ausgezahlt. Albicker erinnert an das Jahr 2005, als die Belegschaft in einem legendären Arbeitskampf – „vier Wochen mitten im Winter“ – die Tarifflucht des Arbeitgebers verhinderte. Und der Organisationsgrad sei unverändert hoch, betont Schrah. Derweil versucht der Betriebsrat, die Motivation der Belegschaft aufrechtzuerhalten. „Je länger so etwas läuft, umso frustrierter sind die Kollegen“, weiß Schrah.

Zumal der Groll ohnehin groß ist, denn manches Problem ist hausgemacht. Zum rückläufigen Bierkonsum der Deutschen kämen bei Eichbaum Managementfehler hinzu, erklärt Schrah: Man habe zu wenig in neue Abfüllanlagen investiert, und als das Exportland Russland Strafzölle auch auf Bier erhob, sei die Geschäftsleitung unvorbereitet gewesen. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Jahr 2022 seien zudem die Einkaufspreise für Gas, Paletten und Glas stark gestiegen. „So wurde Stück für Stück Marge aufgefressen“, sagt Schrah.

Es wäre ein Albtraum, wenn ein solcher Traditionsbetrieb zerschlagen wird, nur weil etwa der Grundstückswert finanziell attraktiver erscheint als die Fortführung.“

Stephanie Albicker, NGG-Sekretärin

In der Not verkaufte die Brauerei ihre wertvolle Marke Karamalz an Veltins. Dass der Konkurrent nicht nur die Markenrechte übernahm, sondern sofort auch die Produktion, sei so nicht abgesprochen gewesen, kritisiert Betriebsrat Umut As: „Dadurch hatten wir auf einmal eine große Lücke in der Auslastung.“

Berater Kürschner weiß Rat, wenn die Insolvenz droht. Sein erster Hinweis aus jahrzehntelangen Erfahrungen: „Betriebsräte haben die gleichen Rechte wie bei anderen Betriebsänderungen. Das Verfahren kann gestaltet werden, nur das Tempo und der Druck sind wesentlich größer.“ Juristischer und betriebswirtschaftlicher Sachverstand von außen seien deshalb absolut angebracht.

Zudem rät er, sich nicht nur auf Abfindungen zu fokussieren, zumal die in der Insolvenz gedeckelt sind. „Wichtiger ist die richtige Ursachenanalyse, um vielleicht doch noch eine Fortführung zu ermöglichen.“ Fast immer empfehlenswert seien Transfergesellschaften, „und zwar zusätzlich zu Abfindungen, nicht alternativ“. Die Rolle der Gewerkschaften – je nach Situation kooperativ oder offensiv – hält der Berater für äußerst wichtig. „Das wirkt nicht nur auf Arbeitgeber und Öffentlichkeit, sondern auch auf Insolvenzverwalter.“

Manchmal braucht es eben einen langen Atem. Unvergessen für ihn sind die monatelangen Verhandlungen über die Schließung eines profitablen Standorts eines metallverarbeitenden Konzerns. „Vormittags schien die Schließung noch unumstößlich. In ihrer Mittagspause berieten sich die Arbeitgeber dann offenbar mit Entscheidern auf höherer Ebene und kamen mit dem Einverständnis für die Fortführung des Standorts zurück.“ Das Werk gibt es heute noch.

Stephanie Albicker dürfte die plötzliche Besinnung auf die Bewahrung des Unternehmens gefallen. So wünscht sie es sich auch für Eichbaum. „Es wäre ein Albtraum, wenn ein solcher Traditionsbetrieb zerschlagen wird, nur weil etwa der Grundstückswert finanziell attraktiver erscheint als die Fortführung.“

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