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Foto zeigt, wie Beschäftigte von Abfallbetrieben in Potsdam streiken. Magazin Mitbestimmung

Gesellschaft: Mit klarem Kompass gegen rechts

Ausgabe 01/2026

Mit ausgeklügelten Strategien nehmen Mitbestimmungsakteure radikalen Kräften den Wind aus den Segeln. Von Fabienne Melzer und Andreas Schulte

Stefan Bornost fühlt sich in einer Zweckgemeinschaft. Der eine Partner heißt Verdi. Für die Gewerkschaft betreut der Sekretär die Beschäftigten der Abfallwirtschaft in Berlin-Brandenburg. Der andere Partner, das sind die Belegschaften mit ihren vielen AfD-Wählern. Das Verblüffende: Die Zweckgemeinschaft hält.

„Die Belegschaften wissen, dass sie ohne Verdi nicht streiken können. Und wir wissen, dass wir ohne AfD-Wähler deutlich weniger Menschen zu vertreten hätten“, sagt Bornost. Denn in den mittelständischen
Abfallbetrieben der Region dürfte, statistisch betrachtet, ein erheblicher Teil der Beschäftigten die AfD wählen.

Für Bornost ist die Arbeit mit AfD-Wählern Pflicht. „Ein Rückzug der Gewerkschaften aus AfD-starken Beschäftigtensegmenten wäre verheerend“, sagt er. Er will diese Menschen zurückgewinnen. Sein Hebel dafür ist der gemeinsame Kampf gegen das Establishment. „Ich sage den Kolleginnen und Kollegen, dass ein gemeinsamer Kampf gegen die da oben besser ist, als sich unten gegenseitig in die Pfanne zu hauen.“

Denn dies geschehe, sobald man sich als Niedriglohnempfänger gegen Ausländer oder Bürgergeldempfänger wendet. Durch seine Ansprachen ändere sich das Denken von AfD-Wählerinnen und -wählern zwar nicht sofort, aber: „Die verstehen das, und wir bleiben im Gespräch, und sie bleiben Gewerkschafter.“ Eine rote Linie zieht er, sobald Rechte ein Gewerkschaftsamt anstreben.

Die Belegschaften wissen, dass sie ohne Verdi nicht streiken können. Wir wissen, dass wir ohne AfD-Wähler deutlich weniger Menschen zu vertreten hätten.“

STEFAN BORNOST, Verdi-Sekretär

Nicht nur Stefan Bornost hat einen Weg gefunden, sich gegen rechte Tendenzen im Betrieb zu wehren. Ob im Betrieb, in der Gewerkschaft oder in der Wissenschaft – auf allen Ebenen stemmen sich Akteure der Mitbestimmung gegen rechts. Eine repräsentative Umfrage der Initiative „Gesicht zeigen“ im Jahr 2024 ergab,  dass jeder Dritte rechtsextreme Einstellungen am Arbeitsplatz wahrgenommen hat.

Diese Stimmung versuchen rechte Betriebsratskandidaten seit Jahren in Wahlerfolge umzumünzen. Einer von ihnen ist Oliver Hilburger. Das ehemalige Mitglied der Rechtsrock-Band „Noie Werte“ hat im Mercedes-Benz-Werk in Untertürkheim das „Zentrum“ mitgegründet, ein rechtspopulistisches Projekt, das sich als alternative Gewerkschaft verkauft. Die Nähe des Zentrums zu rechtsextremen Netzwerken und der AfD zeichnet die Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber nach. Sie hat, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, Wahlkampagnen des Zentrums untersucht und eine deutliche Professionalisierung des medialen Auftritts festgestellt.

Bislang blieb der Erfolg auf betrieblicher Ebene aus. Zentrums-Kandidaten konnten nur wenige Betriebsratsmandate erringen und verloren 2022 im Vergleich zur Wahl 2018 sogar wieder. Was das für die Wahlen in diesem Jahr bedeutet, können allerdings auch Experten wie Björn Allmendinger, stellvertretender Geschäftsführer bei Arbeit und Leben Niedersachsen, nur schwer abschätzen.

Klare Kante gegen rechte Positionen und Akteure

Einerseits entpuppen sich die großen Ankündigungen des Zentrums immer wieder als Luftnummer. So misslang zum Beispiel ein groß angekündigter Versuch, im Pflege- und Gesundheitsbereich Fuß zu fassen. Verharmlosen möchte Allmendinger die Ambitionen allerdings nicht. Eine Gefahr sieht er unter anderem in Kandidatinnen und Kandidaten mit rechtsextremen Einstellungen, die auf den Listen der Gewerkschaften antreten. „Wenn Gremiumsmitglieder rechte Narrative verbreiten, könnten sie auch in der Belegschaft leichter verfangen“, sagt Allmendinger, der selbst Schulungen für Betriebsräte anbietet. Im Umgang mit extrem rechten Einstellungen im Betrieb verweist Daphne Weber auf eine Empfehlung von Hans-Jürgen Urban,  geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Er spricht von der Politik der „klaren Kante“: klare Kante gegen rechte Positionen und Akteure, aber offene Türen für berechtigte Sorgen vor Arbeitsplatzabbau und Unsicherheiten der Globalisierung.

In die Hände spielen könnte den Rechten die wirtschaftliche Lage. Gerade in Krisenzeiten verfangen einfache Antworten leichter. Etwa die Erzählung des Zentrums, der Wechsel zur Elektromobilität sei ökologisch und ökonomisch Unsinn. Dahinter stecke eine Verstrickung von Großkonzernen und linken Gewerkschaften. Inhaltlich sieht Christina Schildmann auch hier wieder die Nähe zur AfD. Die Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung verweist in einem gemeinsamen Podcast mit Daphne Weber darauf, dass die AfD immer wieder von Klimahysterie spreche, die Arbeitsplätze koste. Mit dem Vordringen in die Betriebe wolle die Partei ihre Thesen im Alltag verankern. „Es geht immer gegen die Gewerkschaften oder Migranten, nie gegen die da oben“, sagt Schildmann.

Immer wieder rückt das Zentrum DGB-Gewerkschaften in die Nähe der Arbeitgeber und stellt sich selbst als die wahren Kümmerer dar. Dabei zeigen Zentrumsvertreter oft selbst eine ideologische Nähe zu Arbeitgeberpositionen. Auch Björn Allmendinger beobachtet: „Wenn man sich die Aussagen einiger Zentrums-Vertreter anschaut, dann wird eine Betriebsgemeinschaft gezeichnet, in der der Interessengegensatz nicht als strukturelles Merkmal anerkannt, sondern zugunsten eines vermeintlichen Gemeinschaftsinteresses negiert wird.“ So zitiert die Tageszeitung taz Jens Keller, Zentrums-Personalrat beim Zweckverband Abfallwirtschaft in Hannover, mit den Worten, er erwarte von Zentrums-Mitgliedern eine Liebe zum Arbeitgeber.

Betriebsräte müssten wegen der Propaganda der Rechten nicht verzagen, findet Allmendinger. Durch gute Betriebsratsarbeit, erfolgreiche Streiks und Tarifabschlüsse sowie positive Erfahrungen von Beteiligung und Solidarität lassen sich rechte Erfolge verhindern. „Auch in Krisen kann die Erfahrung von Selbstwirksamkeit helfen“, sagt Allmendinger. Diese Erkenntnis nutzt auch Stefan Bornost. Er will Menschen nicht aufgeben. „Gewerkschaften können bei denen, die mit dem Politikbetrieb abgeschlossen haben, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit erzeugen.“

Mehr zum Thema:

Studie von Daphne Weber: Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts. Narrative, Netzwerke und Kommunikation von Zentrum (Automobil) im Kontext der Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Mit einer Einschätzung der AfD-Bundestagswahlkampagne 2024/2025. Working Paper Forschungsförderung Nr. 393. Düsseldorf, 2026, 70 Seiten

Zum Reinhören: Im Podcast Systemrelevant erklären die Wissenschaftlerin Daphne Weber und Christina Schildmann, die Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, die Strategien von rechten Betriebsratskandidaten wie dem Zentrums-Mitglied Oliver Hilburger.

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