Systemrelevant Podcast: Der Grönland-Effekt
Die jüngsten Drohungen von Donald Trump gehen weit über eine weitere Eskalation hinaus. Sie stellen Europas Verhältnis zu den USA auf eine harte Probe – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und strategisch. Sebastian Dullien analysiert die Situation in einer Sonderausgabe von Systemrelevant.
[20.01.2026]
Ein Jahr nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump zeigt sich, wie schnell geopolitische Gewissheiten ins Wanken geraten können. Was zunächst wie ein weiterer Trump-Moment erscheint, trifft Europa im Kern: Handelssicherheit, politische Verlässlichkeit und selbst Fragen territorialer Integrität stehen plötzlich zur Disposition. Viele reagieren mit jenem Gefühl, das IMK-Direktor Sebastian Dullien im Gespräch mit Marco Herack offen formuliert: „Das hätte ich so nicht erwartet.“
Auslöser ist Trumps Drohung, Grönland mithilfe wirtschaftlichen Drucks zu erzwingen. Strafzölle sollen zum 1. Februar in Höhe von zehn Prozent in Kraft treten und zur Jahresmitte auf 25 Prozent steigen, falls Grönland nicht verkauft wird – so fasst Dullien die Lage zusammen. Bereits die Erklärung einer Handvoll europäischer Länder, dass das Schicksal Grönlands allein Sache der Grönländer und Dänen sei, reiche offenbar aus, um neue Drohkulissen aufzubauen, so Dullien weiter.
Schnell richtet sich der Fokus auf die wirtschaftlichen Folgen. „Die Hoffnung, dass man mit Donald Trump in der Handelspolitik doch wieder eine Vertrauenssicherheit, eine Verlässlichkeit im transatlantischen Handel hinbekommen kann, ist ziemlich eindeutig gescheitert“, so Dullien. Aus der aktuellen Situation lassen sich mehrere Lehren ziehen:
- Die zentrale Botschaft trifft viele unmittelbar: „Der US-Markt ist nicht mehr sicher für europäische Exporteure. Es hilft auch nicht irgendwas zu vereinbaren. Vereinbarungen sind nur so lange gut, bis Donald Trump sich etwas anderes einfallen lässt,“ so Dullien.
- Doch die Sorge reicht weit über ökonomische Fragen hinaus. Wenn Unberechenbarkeit zum Prinzip wird, stellt sich zwangsläufig die Sicherheitsfrage: „Sich auf die USA sicherheitspolitisch zu verlassen ist wahnsinnig gefährlich, denn Donald Trump ist beim Handel nicht verlässlich und wir wissen nicht, ob er irgend woanders verlässlich ist. Er hat schon in der Vergangenheit damit gedroht, den militärischen Schutz zu entziehen, wenn man sich nicht so verhält, wie er es gerne möchte“, führt der IMK-Direktor weiter aus.
Daraus wächst der Druck, europäische Handlungsfähigkeit neu zu definieren. „Deutschland und Europa müssen bestimmte Dinge alleine und selber tun können in Zukunft und das wird Geld kosten“, so Dullien – nicht irgendwann, sondern bald.
Ein reines Aussitzen sei keine Option mehr. Entscheidend sei vielmehr, „die Gegenmaßnahmen auszuwählen, die dem anderen möglichst viel Schmerzen zufügen und möglichst geringen Schaden für dich selber“, denn sonst lasse sich das „wirtschaftlich nicht durchziehen“.
Dass in diesem Zusammenhang sogar über das in den USA gelagerte Gold der Deutschen Bundesbank diskutiert wird, zeigt, welche Dimensionen die politische Lage inzwischen angenommen hat. Mehr dazu im weiteren Verlauf der Folge.
[Moderation: Marco Herack]
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In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
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