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Systemrelevant Podcast: Wie lässt sich die Tarifbindung stärken? Mit Johanna Wenckebach

In dieser Folge ist Johanna Wenckebach, Direktorin unseres Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeits- und Sozialrecht (HSI) im Podcast zu Gast. Sie erläutert, wie sich die Tarifbindung stärken lässt und warum das für die Gewerkschaften oft so schwer ist.

[22.10.2020]

Im Jahr 2019 konnten nur noch rund 52 Prozent der Beschäftigten in Deutschland von einem Tarifvertrag profitieren, wie eine neue Studie unseres WSI zeigt. Noch 1998 waren es 76 Prozent. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung erläutert HSI-Direktorin Johanna Wenckebach in einer neuen Podcastfolge die Bedeutung der Tarifbindung – für die einzelnen Arbeitnehmer*innen, aber auch die solidarische und demokratische Verfassung unseres Wirtschaftsmodells.  

Für die Beschäftigten haben fehlende Tarifverträge deutlich negative Auswirkungen, das zeigt unsere langjährige Forschung: Weniger Gehalt, mehr unbezahlte Überstunden, weniger Geschlechtergerechtigkeit beim Lohn, weniger Urlaub und insgesamt weniger Sicherheit lauten die wichtigsten Stichpunkte. 

Doch woher kommt dann die langsame Erosion der Tarifbindung? „Immer mehr Arbeitgeber sind nicht mehr in Arbeitgeberverbänden, oder in der sogenannten OT-Mitgliedschaft (ohne Tarifbindung). Sie nutzen die Vorteile eines Verbandes, ohne sich einem Tarifvertrag zu unterwerfen“, sagt Johanna Wenckebach. Dabei liegen die Vorteile von Tarifverträgen auch für die Arbeitgeber auf der Hand, etwa Billig-Konkurrenz zu verhindern und einheitliche Bedingungen in einer Branche herzustellen. „All das sollte auch ein Arbeitgeberverband wollen.“  

Konflikte bei Tesla und Amazon

Die Arbeitgeberseite sei jedoch zunehmend darauf aus, flexiblere Verträge abzuschließen, also modulare Tarifpolitik zu betreiben, die nur noch wenig auf die Arbeitnehmer-Kerninteressen Sicherheit und Stabilität Rücksicht nehmen, welche etwa in Regelungen zur Urlaubszeit oder Alterssicherung Ausdruck finden. Die weiter gewünschten Regelungen würden stattdessen in der Praxis immer öfter in einzelnen Betriebsvereinbarungen festgehalten. Auch die Auslagerung der Arbeitnehmer*innen in immer mehr Subunternehmen erschwere den Erhalt der Tarifbindung.  

Der Kampf um Gute Arbeit wird laut Wenckebach in den kommenden Jahren vor allem auch bei Startups und neuen Playern wie etwa Tesla oder Amazon geführt werden müssen, bei denen die Bereitschaft zur Mitbestimmung und zum Abschluss von sicheren Tarifen nur gering ausgeprägt sei. „Es wird eine entscheidende Frage, ob die Gewerkschaften da eine Rolle spielen werden. Da ist auch die Politik in der Pflicht.“ 

Auch die Beschäftigten seien gefragt, Solidarität zu zeigen und sich zu engagieren. Doch je schlechter und prekärer die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer*innen seien, desto schwieriger sei die Gewerkschaftsarbeit. Helfen könnte der Gesetzgeber etwa durch eine Stärkung der Allgemeinverbindlicherklärung – also die Möglichkeit, Tarifverträge für gesamte Branchen durchzusetzen. Auch Tariftreuegesetze können helfen. Öffentliche Aufträge würden damit nur noch an Auftragnehmer vergeben werden, die einen Tarifvertrag abgeschlossen haben. „Das sollte bundesweit gemacht werden“, so Wenckebach.  

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Über "Systemrelevant": Die Corona-Krise bedeutet auch wirtschaftlich eine nie dagewesene Herausforderung für unsere Gesellschaft. Wir besprechen die neuesten Entwicklungen und Debatten mit Prof. Dr. Sebastian Dullien, dem Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Moderation: Marco Herack

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