Arbeitszeitpolitik: Mehr Zeit für Demokratie
Wer die Demokratie schützen will, muss den Menschen Zeit für demokratische Teilhabe verschaffen, argumentiert Yvonne Lott in unserem neuen Newsletter.
[12.10.2026]
Wir sehen es jeden Tag in den Nachrichten oder auf Social Media: Unsere Demokratie ist nicht mehr so sicher und selbstverständlich, wie sie lange schien. Neben der Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik steigt auch ein Misstrauen gegenüber dem demokratischen System insgesamt. Doch eine funktionierende Demokratie ist kein Zuschauer*innensport, sie lebt von Bürger*innen, die sich engagieren: sei es im Verein, bei der Elterninitiative der Schule oder in der Kommunalpolitik. Dafür brauchen sie Zeit. Zeit ist eine zentrale demokratische Ressource.
Eine Arbeitszeitpolitik, die auf die Verlängerung der Erwerbsarbeitszeiten setzt und Teilzeit erschwert, verknappt diese Zeit. Unsere neue Studie zeigt: Das soziale und politische Engagement ist geringer, je länger täglich im Job gearbeitet wird. Unter Beschäftigten mit durchschnittlichen Arbeitstagen ab 8,5 Stunden engagieren sich nur 5,7 Prozent, unter denen mit Arbeitstagen von weniger als 5,5 Stunden knapp 15 Prozent. Zudem engagiert sich häufiger, wer die Lage seiner Arbeitszeit selbst bestimmen kann: 13 Prozent gegenüber 9 Prozent bei festen Arbeitszeiten.
Der Blick in die Daten zeigt auch die Bedeutung der Lebenslage fürs Engagement. Insbesondere in der Rushhour des Lebens, also dann, wenn berufliche Entwicklung und Familiengründung zusammenfallen, ist das soziale und politische Engagement gering. Besonders knapp ist die Zeit für Mütter, die nach wie vor den Löwenanteil an unbezahlter Arbeit leisten. Sie geben laut Daten des WSI Projekts „Soziale Lebenslagen und Demokratische Integration“ am häufigsten an, nicht die gewünschte Zeit für soziales und politisches Engagement zu haben.
Die Frage nach dem Engagement ist damit auch eine Frage nach der politischen Repräsentation: Schon heute wird nur jedes zehnte Rathaus von einer Frau geführt. Zukünftig könnte sich auch der Rückgang des Frauenanteils im Bundestag verschärfen, sollten die zeitlichen Ressourcen noch knapper werden.
Wir brauchen daher eine Arbeitszeitpolitik, die die zeitlichen Bedarfe der Beschäftigten berücksichtigt und Zeit für Engagement fördert. Das gelingt durch kürzere Erwerbsarbeitszeiten und durch eine Stärkung der Arbeitszeitsouveränität. Dies ist unabdingbar für den Erhalt der Demokratie und für eine gleichberechtigte politische Teilhabe. Sie darf nicht denen vorbehalten bleiben, die frei von Sorgeverpflichtungen sind und sich Zeit leisten können.
Dr. Yvonne Lott leitet das Referat Geschlechterforschung im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.
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