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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) Magazin Mitbestimmung

Arbeitsmarkt: Zu alt für Vollzeit, zu jung für die Rente

Ausgabe 05/2026

Wer mit Mitte 50 seine Stellung verliert, hat als Jobsuchender schlechte Karten. Unternehmen lehnen Ältere ab. Dabei gäbe es genügend zu tun, wenn dort die Arbeits­bedingungen stimmen würden. Von Gunnar Hinck

Fast 40 Jahre lang hat Thorsten Schrader im Bosch-Werk im ostsächsischen Sebnitz als Facharbeiter für Werkzeugmaschinen gearbeitet. Schon zu DDR-Zeiten war der Betrieb als VEB Elektrowerkzeuge Sebnitz ein Begriff. Noch Mitte des Jahres 2023 feierte man ein Jubiläum, die Produktion des 75-millionsten Elektrowerkzeuges. Der CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer kam zu Besuch. Doch in diesem Sommer hat Bosch das kleine Werk zugemacht, in dem zuletzt noch 280 Beschäftigte unter anderem Bohrmaschinen fertigten. Angeblich war es nicht mehr rentabel, ein Teil der Produktion wurde nach Ungarn verlagert.

Schrader, der in Wirklichkeit anders heißt, weil die Beschäftigten nichts über ihren ehemaligen Arbeitgeber sagen dürfen, hat damit einen scheinbar sicheren Arbeitsplatz mit gutem Tariflohn verloren. Die Abfindung – deshalb die Schweigepflicht –, die Transfergesellschaft, die ihn betreut, und die 80 Prozent seines letzten Gehaltes, das er für ein Jahr bekommt, können das nicht aufwiegen. Es gebe neue Arbeit, aber keine gute, sagt Schrader. „Es fehlen Arbeitsplätze, wo ich annähernd das Gleiche verdienen würde.“

Ein neuer Job für weniger Lohn

Zwar bekommt er über Leiharbeitsfirmen befristete Stellenangebote für maximal 17 Euro die Stunde im rollierenden Schichtsystem. „Das würde ungefähr 60 Prozent meines letzten Gehaltes bedeuten“, sagt er. „Ich möchte mit meiner Qualifikation nicht wieder unten einsteigen.“ Er hat neben seiner Ausbildung eine Weiterbildung zum Elektromaschinenbauer gemacht, Planungsaufgaben übernommen und kann mit dem PC umgehen. Schrader wäre bereit, Abstriche beim Gehalt zu machen – aber nicht in dieser Höhe.

Was Schrader berichtet, passt zu den Analysen von Eike Windscheid-Profeta, Leiter des Referats Wohlfahrtsstaat und Institutionen der sozialen Marktwirtschaft bei der Hans-Böckler-Stiftung. „Es geht den Unternehmen darum, neben der Kernbelegschaft eine günstige und flexible Randbelegschaft aufzubauen – und dazu gehören viele Ältere in Teilzeit oder Minijobs.“ Wer über 50 Jahre alt ist, hat es demnach schwer, wieder in ein normales Arbeitsverhältnis zu kommen, also wieder Teil der Kernbelegschaft zu werden.

Der Widerspruch zwischen den offiziellen Behauptungen von Unternehmen sowie Unternehmensverbänden und der Realität ist offensichtlich. Windscheid-Profeta sagt: „Einerseits fordern sie, dass mehr und länger gearbeitet wird, andererseits wollen die Unternehmen in Wirklichkeit keine älteren Beschäftigten.“

Trotzdem ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen in Deutschland zwischen 2013 und 2023 von 64 Prozent auf 75 Prozent gestiegen. Das hat mit der Verschärfung von Frühverrentungsregeln, aber auch mit dem demografischen Wandel zu tun: Ältere Beschäftigte werden grundsätzlich mehr gebraucht als vor 20 Jahren. Die Zahlen bedeuten aber umgekehrt, dass ein Viertel der Älteren eben nicht erwerbstätig ist. Und deren Zahl dürfte in Zukunft eher steigen, geht doch in wichtigen Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie die Zahl der Beschäftigten zurück. Hinter der Formel „sozialverträglicher Stellenabbau“ verbergen sich dann meist Abfindungsprogramme, die sich in erster Linie an Ältere richten.

Viele Ältere müssen im produzierenden Gewerbe aus Belastungsgründen reduzieren. Das kommt Arbeitgebern gelegen.“

Eike Windscheid-Profeta, Leiter des Referats Wohlfahrtsstaat und Institutionen der sozialen Marktwirtschaft bei der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung

Eike Windscheid-Profeta

Persönliche Empfehlung hilft

Eike Windscheid-Profeta sagt: „Viele ältere Beschäftigte­ müssen gerade im produzierenden Gewerbe aus Belastungsgründen reduzieren. Und das kommt den Arbeitgebern gelegen.“ Es gibt Branchen mit einem akuten Mangel an Arbeitskräften, dazu gehören besonders soziale Dienste und die Gastronomie. Theoretisch wäre es also kein Problem für Ältere, einen Job zu finden. Nur: „Gerade in diesen Branchen ist die Belastung sehr hoch, das macht sie für Ältere oft unattraktiv. Und gerade in diesen Branchen fehlen besonders häufig altersgerechte Arbeitsbedingungen“, sagt Windscheid-Profeta. Hinzu kommt: Die derzeitige Beschäftigungssituation erschwert es, die Stereotype gegenüber Älteren aufzubrechen. Wenn eingestellt wird, dann werden Jüngere bevorzugt, die aus der Sicht der Unternehmen als günstiger und formbarer gelten.

Martin Dietz ist Wissenschaftler beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und arbeitet gerade an einem Forschungsprojekt über die Chancen älterer Arbeitsloser. Er und sein Team führen Interviews mit Vermittlern von Arbeitsagenturen und Arbeitslosen. Er sagt: „Vermittlungshemmnisse wie eine mangelnde Affinität zu digitalen Prozessen sind immer individuell und gelten nicht pauschal für ältere Arbeitssuchende.“ Zu hohe Lohnerwartungen sind laut Dietz auch nicht das Problem. Es gibt ältere Arbeitssuchende, die klar sagen, dass sie sich weniger Geld im Vergleich zur früheren Tätigkeit vorstellen können. Das eigentliche Problem ist: „Es gibt bei Unternehmen häufig keine Bereitschaft, überhaupt die Tür für ältere Bewerber aufzumachen.“

Die Chancen steigen allenfalls, wenn Vermittler persönlich bei Unternehmen anklopfen: Hier ist ein guter Kandidat, schaut euch den mal an. Das, sagt Dietz, sei ein wichtiger Schritt, um Vorurteile gegenüber Älteren abzubauen. Das Problem dabei: „Das Verfahren ist sehr aufwendig und hängt stark von den Ressourcen der Arbeitsagenturen ab.“

Thorsten Schrader will dennoch nicht aufgeben. Er sagt: „Wegen meiner Zusatzqualifikationen habe ich noch relativ gute Chancen.“ Ein riesiges Problem hätten Kollegen, die nur in der Montage gearbeitet haben. „Denen wird von der Arbeitsagentur und der Transfergesellschaft signalisiert, dass sie frühzeitig in Rente gehen sollen.“

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