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Jobcenter Berlin Mitte Magazin Mitbestimmung

Arbeitsmarkt: Wir stellen nicht ein

Ausgabe 05/2026

Umbruch und Unsicherheit kennzeichnen den Arbeitsmarkt. Die Zahl der offenen Stellen ist an einem Tiefpunkt angelangt. Das trifft vor allem Berufseinsteiger, die bald dringend gebraucht werden könnten. Politik und Unternehmen müssen umdenken. Von Fabienne Melzer

Johanna Kayser erlebte eine Enttäuschung nach der anderen: fünf Monate, knapp zwei Dutzend Bewerbungen und nicht eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Nach ihrem Abschluss in Soziologie an der Uni Mainz war die 30-Jährige noch zuversichtlich. Die Uni hatte ihre Masterarbeit als eine der besten des Jahrgangs ausgezeichnet. Johanna Kayser bewarb sich auf Stellen im Personalwesen, in der Personalentwicklung, im öffentlichen Dienst und auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin – ohne Erfolg. Mit jeder Absage sinkt das Selbstvertrauen: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich überall sofort aussortiert werde und noch nicht einmal die Chance bekomme, mich persönlich vorzustellen.“

Vor allem Berufseinsteiger haben es zurzeit auf dem Arbeitsmarkt schwer. Der Anstieg der Arbeitslosenzahlen von knapp 2,3 Millionen im Jahr 2019 auf aktuell gut drei Millionen erklärt dies nur teilweise. Die Lage ist komplex und zum Teil auch widersprüchlich. Während gerade junge Menschen oft über Monate nach einem Job suchen, mangelt es in einigen Berufen und Branchen an Bewerbungen.

Zahl der offenen Stellen halbiert

Das liegt unter anderem an regionalen und branchenspezifischen Unterschieden. So beträgt etwa in Gelsenkirchen die Arbeitslosenquote rund 16 Prozent, im bayrischen Landkreis Roth herrscht dagegen mit rund 2,5 Prozent noch immer Vollbeschäftigung. In der Gebäudetechnik, bei Bauingenieuren, in pädagogischen und Gesundheitsberufen mangelt es an Fachkräften, in der Automobil- und Chemiebranche werden Stellen abgebaut.

Christian Schneemann, Arbeitsmarktforscher am IAB, sieht das Problem noch an anderer Stelle: „Die Unternehmen stellen viel weniger ein.“ Die Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit sei so niedrig wie noch nie seit die Rate gemessen wird. Die Zahl der offenen Stellen hat sich seit dem Hoch nach der Pandemie 2022 fast halbiert.

Die Gründe sind bekannt: Energiepreisschocks, Zollpolitik und wegbrechende Märkte. Doch Schneemann nennt noch einen anderen Grund. Es fehle Unternehmen einfach die Sicherheit, jetzt Menschen einzustellen. Eine Wirtschaft in der Transformation brauche politische Klarheit. „Damit sich Investitionen für die Energiewende rechnen, müsste es politisch mal länger als die nächsten vier Jahre in eine Richtung gehen“, sagt Schneemann.

Arbeitslosigkeit steigt unter Akademikern stärker
Arbeitslosigkeit steigt unter Akademikern stärker

Dominoeffekt bei Akademikern

Diese Zurückhaltung treffe Berufseinsteiger am härtesten. Das spüren inzwischen auch Akademikerinnen wie Johanna Kayser. Die Arbeitslosenquote unter Uni-Absolventen stieg in den vergangenen vier Jahren um 16 Prozent und damit um zehn Prozentpunkte mehr als die Arbeitslosenquote insgesamt. Betroffen sind viele Berufe. Wer vor ein paar Jahren ein Informatikstudium begann, hatte sicher nicht damit gerechnet, am Ende bei der Arbeitsagentur zu landen. Der Einstieg in die einstige Boombranche ist schwieriger geworden. Janosch Tillmann, Referatsleiter in der Abteilung Arbeitsmarkt- und Migrationspolitik beim DGB-Bundesvorstand in Berlin, stellt einen Dominoeffekt bei den akademischen Berufen fest: „Wer ganze Abteilungen schließt, wird irgendwann auch Ingenieure und Juristen entlassen und auch keine neuen einstellen.“

Unter Ingenieursberufen stieg die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen ging 2025 um 17 Prozent zurück. Auch für Soziologinnen wie Johanna Kayser hat sich der Arbeitsmarkt verschlechtert. Die Zahl der arbeitslosen Soziologen stieg um 14 Prozent, die Zahl der gemeldeten Stellen fiel sogar um ein Drittel. Es gibt für sie wenig einschlägige Bewerbungsmöglichkeiten, heißt es im Bericht der Bundesagentur für Arbeit (BA) vom August. Diesen Eindruck teilt Johanna Kayser. Sie hätte schon mehr Bewerbungen verschickt, aber es gibt wenig passende Angebote.

Sebastian Erkens von der Bundesagentur für Arbeit in Düsseldorf hält einen Hochschulabschluss trotz der derzeitigen Lage noch immer für eine gute Idee. „Man muss zwischen der aktuellen Einstiegssituation und dem langfristig niedrigen Arbeitslosigkeitsrisiko unterscheiden“, sagt Erkens. Unternehmen stellen
zurückhaltender ein und wählen bei Einstiegspositionen stärker aus. Zudem übernehme inzwischen Künstliche Intelligenz viele Aufgaben, die früher vor allem Berufseinsteiger erledigt haben. Das mache den Einstieg schwer. Ist er aber erst einmal geschafft, haben Akademiker immer noch die besseren Perspektiven. „Die aktuellen Einstiegsschwierigkeiten ändern nichts am langfristig niedrigen Risiko, als Akademikerin oder Akademiker arbeitslos zu werden“, sagt Erkens.

Zumal viele Unternehmen die jungen Menschen bald brauchen. Christian Schneemann vom IAB hat in einem Beitrag für die WSI-­Mitteilungen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit anderen analysiert, warum sich der Fachkräfte­mangel zukünftig verschärfen dürfte. „Die Industrieunternehmen bauen auf der einen Seite zwar Stellen ab, sie brauchen aber wiede­rum Leute, weil der Abgang über Verrentung in einigen Branchen und Berufen stärker ist.“ Allein bis 2029 werden laut IAB vier bis fünf Millionen Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Dann könnte es selbst im Fahrzeugbau eng werden, Stellen zu besetzen, heißt es in der Studie.

Gegensteuern ließe sich zum einen durch eine weitere Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen, Menschen mit Behinderung, mit Migrationshintergrund und durch Zuwanderung. ­Janosch Tillmann vom DGB sieht auch bei den an- und ungelernten Beschäftigten noch Fachkräfte­potenzial. „Viele Unternehmen werden in absehbarer Zeit weniger Beschäftigte für solche Tätigkeiten brauchen“, sagt Tillmann, „aber sie könnten bei entsprechender Förderung als zukünftige Fachkräfte für den Arbeitsmarkt wichtig werden.“ Weiterbildung wäre hier der Schlüssel. Doch gerade Menschen mit geringer Qualifizierung bekommen diese selten, laut DGB-Index Gute Arbeit 2024 nur gut ein Fünftel.

In der derzeitigen Lage brauche es eine aktive Arbeitsmarktpolitik, sagt Tillmann. „Es geht um mehr, als Arbeitslose um jeden Preis zu vermitteln. Wir müssen diese Transformationsprozesse flankieren.“ Aber auch Betriebs- und Personalräte könnten einiges tun. Tillmann verweist auf das Betriebsverfassungsgesetz, das ihnen Möglichkeiten gebe, Weiterbildungen anzustoßen – von der Anpassungsqualifizierung über Personalplanung oder Beschäftigungssicherung.

Über viele Berufsjahre aufgebautes Erfahrungswissen, gerade im technischen Bereich, übergibt man nicht in zwei, drei Gesprächen.“

Carsten Pitschke, Personalleiter Stadtwerke Düsseldorf

Denn über Nacht ließen sich Stellen nicht wieder besetzen, wenn Beschäftigte in Rente gehen. Carsten Pitschke, Personalleiter bei den Stadtwerken Düsseldorf, erklärt es an einem Beispiel: „Wenn wir in sechs Jahren einen Kraftwerker brauchen, müssen wir heute beispielsweise den Mechatroniker einstellen, der anschließend bei uns die Ausbildung zum Betriebswärter und Kraftwerker absolviert.“ Das Unternehmen geht schon seit vielen Jahren bei der Personalplanung strategisch vor und stellte kontinuierlich ein. Rund ein Drittel der Belegschaft kam in den vergangenen sechs Jahren ins Unternehmen. „Dabei haben wir auch darauf geachtet, Menschen unterschiedlichen Alters neu einzustellen“, sagt Pitschke, „damit nicht in 20 Jahren die nächste Welle an Mitarbeitenden geschlossen in den Ruhe­stand geht.“

Zur strategischen Personalplanung gehört für Pitschke auch, den Stellenplan nicht einfach die kommenden 20 Jahre fortzuschreiben. Arbeit werde sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zunehmend schneller verändern. Im internen Projekt „Future Workforce Navigation“ analysieren Personalabteilung und Fachbereiche des Stadtwerke-Konzerns darum gemeinsam, wie sich Aufgaben in Zukunft entwickeln und welche Fähigkeiten weiterentwickelt oder erst aufgebaut werden müssen.

Für kritische Funktionen haben die Stadt­werke Demografiestellen eingerichtet. „Über viele Berufsjahre aufgebautes Erfahrungswissen, gerade im technischen Bereich, übergibt man nicht in zwei, drei Gesprächen. Daher arbeiten neue Kolleginnen und Kollegen bis zu einem Jahr lang mit Menschen zusammen, die in Rente gehen“, sagt Pitschke. „Der Wissens­austausch funktioniert in beide Richtungen. Die Neuen bringen neue Methoden und Ideen aus Ausbildung, Studium oder vorheriger Tätigkeit mit.“

  • Arbeitsdirektor Jens Loock
    Herausforderung demografischer Wandel: Arbeitsdirektor Jens Loock sucht Lösungen für ältere Beschäftigte.
  • Johanna Kayser
    Auf der Suche nach dem Einstiegsjob: Die Soziologin Johanna Kayser bewirbt sich seit Monaten vergeblich.
  • Produktion des Elektro-Bullis
    Produktion des Elektro-Bullis bei VW Nutzfahrzeuge: Die Autoindustrie durchlebt schwere Zeiten.
  • Radiologie
    Während in der Industrie jeden Monat Tausende Stellen verloren gehen, mangelt es unter anderem in der ­Gesundheitsbranche an Fachkräften.

Die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung und demografischem Wandel trifft in den kommenden Jahren viele Unternehmen. Beim Stahlhersteller Salzgitter Flachstahl kommt eine weitere Herausforderung hinzu. Arbeitsdirektor Jens Loock nennt es die Drei-D-Strategie: Dekarbonisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel. Das alles muss Salzgitter zurzeit bewältigen. Das Unternehmen hat Milliarden Euro investiert und will bereits im kommenden Jahr ein Drittel CO2-freien Stahl produzieren. Gleichzeitig ist der Altersdurchschnitt in der Belegschaft hoch. Bis 2029 werden rund 20 Prozent der etwa 6000 Beschäftigten 60 Jahre und älter sein. Das Unternehmen will die Menschen halten und sucht für ältere Beschäftigte Arbeitsplätze abseits der Schichtarbeit, etwa in den Service-betrieben.

Kritisch sieht Loock Pläne der Bundesregierung zu einer längeren Lebensarbeitszeit oder Änderungen bei der Altersteilzeit. Sie erschweren aus seiner Sicht einen fließenden Übergang von der alten zur jungen Generation. „Wenn ich die Älteren nicht gehen lassen kann, kann ich die nachwachsende Generation nicht ins Unternehmen holen“, sagt Loock. Doch gerade das sei für die Dekarbonisierung und Digitalisierung wichtig. Ältere Beschäftigte seien oft nicht mehr so IT-affin wie die jüngeren. In der Ausbildung gibt es heute viel mehr digitale Inhalte. „Da wächst eine ganz andere Generation heran“, sagt Loock.

Auch Christian Schneemann vom IAB findet die verunsichernden politischen Debatten um Rente­ und Arbeitszeit wenig hilfreich. Mehrarbeit sei keine Lösung. „Das geleistete Arbeitsvolumen und die Zahl an Erwerbstätigen befinden sich immer noch auf einem Höchststand“, sagt er. Auch für junge Menschen sei politische Klarheit wichtig, in welche Richtung es die nächsten zehn Jahre geht. Insgesamt blickt Christian Schneemann noch recht zuversichtlich auf den Arbeitsmarkt: „Man kann optimistisch bleiben, ohne die Lage schönzureden.“

Sebastian Erkens von der BA in Düsseldorf rät Einsteigern, bei Bewerbungen nach Alternativen jenseits des Wunschberufes zu schauen. Die Zeit der Arbeitssuche sollten sie nutzen, um ihr Wissen zu erweitern und bei Trends und technischen Entwicklungen am Ball zu bleiben. Ähnlich geht Soziologin Johanna Kayser vor. Sie interessiert sich für eine Weiterbildung zum Thema Changemanagement. „Das wäre allerdings in Vollzeit“, sagt sie, „dann könnte ich nur noch am Wochenende Geld verdienen.“ Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie zurzeit mit einem Job in einem Café. Sie muss schauen, ob sie beides unter einen Hut bekommt.

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