Jugend: Total normal
Anspruchsvoll soll sie sein und wenig belastbar – über die Generation Z und ihr Verhalten am Arbeitsmarkt gibt es viele Vorurteile. Die meisten sind falsch. Von Kay Meiners
Früher die Null-Bock-Generation, heute die 100-Prozent-Homeoffice-Generation: Wenn man will, findet sich immer eine Schublade, um die Menschen hineinzustopfen. Und die passenden Belege auch. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist. Ich möchte aufhören und pfeifen auf das Scheißgeld“, sang 1971 die Polit-Band „Ton Steine Scherben“. Damit lieferte sie den Deutschen den Soundtrack, um eine ganze junge Generation als Gammler abzustempeln. Doch die vermeintlichen Gammler wollten Klassenkampf statt Karriere machen.
Und heute? Glaubt man alle Geschichten, die über die Gen Z erzählt werden, jene Geburtsjahrgänge von Mitte der 1990er Jahre bis zum Jahr 2010, ist es seitdem nicht besser geworden, nur die Gründe für die Bockigkeit sind weniger politisch: Verträge werden gecancelt, weil sie nicht mehr zum Leben passen, Telefonate als zu stressig abgelehnt, Berufseinsteiger verlangen Traumgehälter und 100 Prozent Homeoffice. Angeblich.
Dieser Artikel ist der Versuch einer Ehrenrettung. Denn die Wissenschaft zeichnet ein ganz anderes Bild der Jugend und widerlegt das Bild einer Gen Z, die viel fordert, aber wenig arbeitet, als ein verbreitetes Vorurteil. „Die jungen Leute sind fleißig wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, erklärt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereiches Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.
Weber hat die Erwerbsbeteiligung Jüngerer untersucht. Sie ist zuletzt gestiegen, vor allem durch einen wachsenden Anteil von Studierenden mit Nebenjobs. So hat die Erwerbsquote unter Studierenden im Alter von 20 bis 24 Jahren allein zwischen 2015 und 2023 um 19,3 Prozentpunkte auf 56 Prozent zugenommen. Webers Forschung rückt das zurecht, was er „Generationenmythen“ nennt, pauschale Zuschreibungen, die meist Ältere den Jüngeren verpassen, Etiketten wie „Generation Z“.
„Mit dem Wort ‚Generation‘ ist man umgangssprachlich immer schnell bei der Hand“, sagt der Arbeitsmarktforscher: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine Generation mehr als nur eine Altersgruppe, sie muss sich durch ein bestimmtes Merkmal auszeichnen, das charakteristisch und prägend für diese Altersgruppe ist und das diese Altersgruppe absetzt von anderen Menschen, die zur selben Zeit leben, oder von jungen Leuten einer früheren Zeitepoche.“
Hier zeigen sich die Probleme allzu einfacher Generationenkonzepte. Oft prägen zudem nur einige extreme Vertreter das Generationenbild. Denn die Menschen einer Altersgruppe sind im Detail sehr unterschiedlich und gar nicht so homogen, wie ihnen oft angedichtet wird. „Mit vielen Generationszuschreibungen ist es oft nicht so weit her“, sagt Weber.
Man nimmt in einer ungerechten Welt mit, was geht – und will sie dabei trotzdem verändern.
Sicherheit und Geld schlagen alles
Einen Wandel der Lebensverhältnisse hat es dennoch gegeben. So hat das Alleinverdienermodell an Bedeutung verloren. In Partnerschaften arbeiten sehr häufig beide. Deswegen fordern Jüngere häufig mehr zeitliche Flexibilität oder mehr Homeoffice als in den Arbeitszeitregimes der Vergangenheit. Doch nicht nur sie – Ältere passen sich ebenfalls an.
Junge Menschen sind zahlenmäßig zu schwach, um den Arbeitsmarkt insgesamt zu prägen. Sie reagieren eher ökonomisch rational auf die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt, den sie vorfinden. Die wichtigen Faktoren, die am Arbeitsplatz alles schlagen, haben sich dabei kaum verändert. Es sind weiterhin Jobsicherheit und Gehalt. Das zeigte schon die Shell-Jugendstudie 2024. Hier gaben 91 Prozent der Jugendlichen an, einen sicheren Arbeitsplatz für wichtig oder sehr wichtig zu halten. Ein hohes Einkommen war 83 Prozent wichtig. Gute Aufstiegsmöglichkeiten stiegen gegenüber der Befragung fünf Jahre zuvor von 74 auf 80 Prozent. Gleichzeitig sank die Bedeutung von genügend Freizeit sogar leicht von 85 auf 82 Prozent.
Geld ist bei jungen Menschen meist knapp. Nach einer Auswertung des „Gen Z and Millennial Survey 2026“ von Deloitte, für den weltweit rund 22 500 Menschen in 44 Ländern befragt wurden, haben in Deutschland 45 Prozent der Gen Z wichtige Lebensschritte aus finanziellen Gründen aufgeschoben. Und für 62 Prozent der Gen Z beeinflusst die Bezahlbarkeit von Wohnraum ihre beruflichen Entscheidungen sowie die Wahl ihres Arbeitsortes und Lebensmittelpunkts.
Skrupel bei hohen oder sehr hohen Einkommen hat dabei kaum jemand – wenn sich nur die Chance bietet. Die Rapperin Ikkimel, ein Idol der Generation Z, klingt jedenfalls ganz anders als die Polit-Barden der 1970er, die vom „Scheißgeld“ sangen. In Ikkimels Song „Was jetzt“ heißt es: „Geld schmeckt, und ich werd noch ganz fett (…) Headliner, Mainstage, alles wird zum Fiebertraum 20.000 für ’ne Show, ich dreh mich lieber nochmal um.“ Auch nur ein Klischee und nicht typisch für die ganze Altersgruppe, kann man einwenden. Stimmt. Aber es ist bezeichnend, dass Ikkimel trotz solcher Zeilen systemkritisch denkt. Man nimmt in einer ungerechten Welt mit, was geht – und will sie dabei trotzdem verändern. Die Rapperin prahlt mit ihrem Einkommen, das Branchendienste wegen einer Textzeile im Song „Wanderhure“, die sie sehr wörtlich nahmen („Ich mach' fünf Cent die Sekunde“) auf 130.000 Euro monatlich taxierten. Zugleich trat sie am 1. Mai dieses Jahres auf einem Musikfest der Linken in Kreuzberg auf dem Mariannenplatz auf und erklärte: „Ich bin für die Viertagewoche und mehr Gehalt. Und ich finde es wichtig, dass wir dafür kämpfen.“
Privatheit und Individualität
Was andere denken, ist nicht so wichtig. Der soziale Status oder Titel sind jungen Menschen oft weniger wichtig als reale Entwicklungsmöglichkeiten oder das reale Einkommen, dafür liefert die Shell-Studie Indizien. Zudem wird eine offene, transparente Kommunikation geschätzt. Hierarchien, die nicht mit realer Kompetenz oder nachvollziehbaren Entscheidungen hinterlegt sind, werden von Jüngeren weniger akzeptiert als von Älteren. Ein Teil der Jüngeren scheint auch recht stark Privates und Arbeit zu trennen und reagiert ablehnend auf Bevormundung oder Indoktrination.
Auch in Gruppendiskussionen, die ein Wissenschaftlerteam für die Hans-Böckler-Stiftung 2026 organisierte, zeigt sich, dass Jüngere empfindlich auf Fremdzuschreibungen durch Ältere reagieren. Sie betrachten Arbeit häufig nicht als zentralen Lebensinhalt, sondern als Mittel zur Finanzierung des Privatlebens. Die Zugangschancen zu Erwerbsarbeit und Einkommen empfinden nicht wenige als ungerecht verteilt. Allerdings fällt auf, dass sie sich kaum organisieren, um etwas zu ändern. Die Strategien zur Bewältigung sind meist individuell.
Jobwechsel sind das Mittel der Wahl, um die persönliche Lage zu verbessern. Eine Forsa-Umfrage für das Karrierenetzwerk Xing zeigt, dass fast die Hälfte der Generation Z (48 Prozent) sich vorstellen kann, im laufenden Jahr den Arbeitgeber zu wechseln. Elf Prozent planen dies sogar bereits konkret. Aber auch diese Zahlen sind ein Stück Normalität und nicht generell höher als bei früheren Generationen. Die Wechselbereitschaft Jüngerer hat laut Xing-Arbeitsmarktexperte Julian Stahl vor allem mit Geld zu tun: „Zu Beginn des Berufslebens können die Gehaltssprünge bei einem Jobwechsel teilweise noch erheblich sein, weswegen jüngere Menschen einen starken Anreiz haben, zu wechseln.“
Arbeitslos durch KI?
Bleibt noch die hohe Digitalaffinität der Jüngeren, denen Smartphones, Computer und Künstliche Intelligenz (KI) so vertraut sind wie keiner Generation zuvor. Doch auch das bedeutet nicht automatisch eine Entfremdung von den Älteren. Es spiegelt eher den Stand der technischen Entwicklung wider als eine bewusste Vorliebe. Entsprechend nüchtern ist das Verhältnis zu KI. In Deutschland steht nach der Shell-Studie knapp die Hälfte der Jugendlichen dem Einsatz von KI positiv oder sehr positiv gegenüber – allerdings mehr Männer als Frauen. Eine breite Mehrheit der jungen Leute glaubt, dass KI den Alltag vereinfachen kann und die Welt in vielen Bereichen, zum Beispiel Medizin, Verkehr und Bildung, besser machen wird, sieht aber auch die Risiken. So rechnen 45 Prozent der Befragten mit einer steigenden Arbeitslosigkeit durch KI.
Die persönliche Angst vor Arbeitslosigkeit oder davor, keinen Ausbildungsplatz zu finden, ist allerdings mit 35 Prozent weniger groß. In der Zeitreihe der Shell-Jugendstudie von 2024 markierte sie sogar einen historischen Tiefstand. Seitdem hat sich der Arbeitsmarkt allerdings auch erkennbar eingetrübt.
Studien
Die Studie zu den Gruppendiskussionen gibt es hier: Kammerlander, Lukas; Anstätt, Alena; Schon, Milena; Krieg, Caroline; Schröer, Wolfgang; Walther, Andreas (2026): „Wir haben ein paarmal überlegt, alle gleichzeitig zu kündigen“ – Kollektive Herstellung arbeitsweltbezogener Positionierungen in Gruppendiskussionen
Forschungsförderung Working Paper Nr. 398, Düsseldorf, 79 Seiten
Dass junge Menschen Gewerkschaften aus ideologischen Gründen ablehnen, kommt vor, ist aber nicht die Regel. Viele sind für das Thema ansprechbar. So gaben im Jahr 2021 bei einer repräsentativen Befragung der IG Metall 25 Prozent der jungen Menschen zwischen 16 und 27 Jahren in Ausbildung, Studium und Beruf an, die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft sei eine lohnende Form des Engagements. Die Teilnahme an einer Demonstration schätzten 20 Prozent als lohnend ein, den Eintritt in eine politische Partei 14 Prozent. Unter studentischen Beschäftigten können sich laut einer neuen Studie aus dem Jahr 2025 sogar 59 Prozent der bislang nicht gewerkschaftlich Organisierten eine Mitgliedschaft vorstellen.