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: Unser soziales Projekt

Ausgabe 12/2011

AKTIV IM EHRENAMT Ein intensives Berufsleben haben sie hinter sich gelassen. Jetzt engagieren sie sich gemeinsam mit anderen für Kultur- und Entwicklungsprojekte. Von Annette Jensen und Cornelia Girndt

Bildungsarbeit in Kenia

Ehepaar Schmid mit der Familie eines Patenkindes in Kenia/Foto: Child Development Fund


Barbara und Günther Schmid lernten Kisuaheli und haben eine Stiftung gegründet, die in Kenia mehr als 20 Jugendliche fördert. Sie helfen auch Großmüttern, damit deren Enkel, größtenteils Aidswaisen, eine Ausbildung bekommen.

Nein, geplant hatten sie das alles nicht – und doch hat es eine gewisse Folgerichtigkeit, dass Barbara und Günther Schmid vor zwei Jahren eine Stiftung gegründet haben. Ihr Child Development Fund (CDF) ermöglicht insbesondere Mädchen in Kenia und Sansibar den Besuch einer Schule oder den Abschluss einer Ausbildung. Ohne die Hilfe hätten die Kinder und Jugendlichen dazu keine Chance.

Alles begann vor 25 Jahren. Damals übernahm das Ehepaar aus Berlin die finanzielle Patenschaft für zwei Kinder in Kenia und Uganda. „Weil wir beide immer berufstätig waren und deshalb nur einen Sohn haben, wollten wir gerne weitere Kinder unterstützen“, erklärt Barbara Schmid, die bis zu ihrer Pensionierung die Redaktion eines großen Schulbuchverlags leitete. Dass sie sich auf Afrika konzentrierten, begründet ihr Mann, seit vier Jahren emeritierter Arbeitsmarktwissenschaftler, der viele Projekte im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung machte und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat war, mit ihren Sprachkenntnissen. Außerdem habe er selbst schon immer ein „Faible“ für Afrika gehabt. Die Bücher, die er als Kind über den Burenkrieg gelesen hatte, die Bilder versklavter Schwarzer, all das hatte in ihm schon früh das Gefühl geweckt, wie abgrundtief ungerecht der Kolonialismus gewesen ist und welche Spuren er in Afrika hinterlassen hat. „Ein bisschen was Kitschiges hatte das alles aber auch – die Vorstellung von den armen Negerkindern“, bekennt er mit leichter Ironie – was typisch ist für den Umgang der Schmids mit dem Thema: Sie versuchen zu vermeiden, ihre eigene Person in den Vordergrund zu stellen. Viel lieber reden sie über das, was sie vor Ort erleben und welche Form von Entwicklungsarbeit sie angemessen finden.

Mitte der 80er Jahre hatten die beiden eine Weile lang gesucht, bis sie eine ihnen passende Organisation gefunden hatten. Anders als viele andere Nichtregierungsorganisationen fixiert sich das Kinderhilfswerk ChildFund nicht auf einzelne Mädchen oder Jungen, sondern fördert größere Gruppen von Familien, die Waisenkinder aufgenommen haben. 1990 reisten die Schmids dann erstmals nach Kenia, besuchten ihre Patenkinder und lernten dabei auch die Mitarbeiter der Organisation vor Ort kennen.

Und so wurde die Verbindung langsam immer intensiver. Weil die Verständigung auf Englisch doch auf Dauer recht oberflächlich blieb, begannen die beiden bei einem Aufenthalt in Sansibar, Kisuaheli zu lernen, die am weitesten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas. Zwar mussten sie mit zunehmenden Fortschritten feststellen, dass sie damit in vielen Landesteilen Kenias aufgrund der dortigen Sprachenvielfalt nicht viel weiterkommen; nach wie vor sind sie deshalb auf Übersetzer angewiesen. Doch die Kenntnisse eröffneten Barbara Schmid schon wieder ein neues Fenster: Je ein Kinder- und ein Fabelbuch hat sie inzwischen übersetzt und veröffentlicht; gerade arbeitet sie an der Übersetzung eines Romans des tansanischen Autors William E. Mkufya über das Thema Aids.

Irgendwann kam ihnen dann die Idee mit der Stiftung. Die haben sie unter das Dach von ChildFund gebaut, weil ihnen die gute Verankerung und Kontrolle vor Ort wichtig sind. Der CDF unterstützt inzwischen je zehn Kinder in Mutonga und Nyanza in Kenia – überwiegend Mädchen, wie Barbara Schmid betont. Darüber hinaus ermöglicht er einer jungen Frau auf Sansibar die Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin; eine andere lernt, Frauen bei Geschäftsideen zu unterstützen. Auch zwei hochwertige Nähmaschinen sind in diesem Jahr finanziert worden. Summa summarum kalkulieren die Schmids mit einem jährlichen Etat von 6000 Euro; einen Teil bekommen sie aus Spenden von Freunden und Bekannten, den größeren Teil legen sie selbst dazu.

Natürlich wünschen sie sich weitere Unterstützer. Doch zugleich ist den beiden wichtig, dass sie überschauen können, was sie initiieren. Aus Erfahrung wissen sie, dass die tragfähigsten Projekte oft nicht mit viel Geld, sondern mit Geduld zu tun haben. So haben sie bei ihrer letzten Projekt-Rundreise Ende 2010 zahlreiche Gruppen in Kenia besucht, die das spezifisch afrikanische Mikrokreditsystem betreiben. Dabei setzen sich Gruppen von zehn bis 25 Menschen gemeinsam das Ziel, freiwillig zu sparen. Die Beträge sind winzig – oft nur ein bis zwei Euro im Monat; doch durch die gemeinsame Anstrengung kommen Summen zusammen, mit denen sich junge Ziegen oder gutes Saatgut kaufen lässt. Die Gruppe gewährt einzelnen Mitgliedern Kredit, der mit zehn Prozent Zinsen zurückgezahlt werden muss. So vermehrt sich das gemeinsame Vermögen, die Solidarität wächst, und zugleich bekommen viele erstmals eine Chance, eine eigene Existenz aufzubauen. „Das ist vom Prinzip her ähnlich wie das Selbsthilfesystem von Raiffeisen“, fasst Günther Schmid zusammen.

Entwicklungshilfeorganisationen wie der CDF wollen bei alledem nur die Rolle von Hebammen spielen: Sie verbreiten die Idee und geben Anfangsunterstützung, weil viele Teilnehmerinnen nicht lesen und schreiben können. So in einem Großmütterprojekt, in dem viele Frauen die Kredite nicht zum Aufbau einer eigenen Existenz nutzen, sondern um den Schulbesuch ihrer Enkel – darunter viele Aidswaisen – zu finanzieren. In solchen Fällen soll künftig der CDF zum Einsatz kommen. Wie genau, das wollen die Schmids mit den Betroffenen bei ihrem nächsten Besuch im Januar besprechen.
Annette Jensen

Infos zur Stiftung Child Development Fund (CDF)
Spenden können Sie an den Child Development Fund (CDF), Barbara und Günther Schmid, Bank für Sozialwirtschaft, Stuttgart, BLZ 601 205 00, Konto-Nr. 778 1826

Eine Weltbücherei am Borsigplatz

Ehepaar Krüger ist von Gütersloh in ein gemischtkulturelles Dortmunder Stadtviertel gezogen/Foto: Dirk Hoppe


Die Krügers lebten ein knappes Jahr in Dortmund und engagierten sich im Projekt „2–3 Straßen“ zusammen mit Nachbarn aus vielen Kulturen für Verbesserungen im Quartier.

Es war ein spontaner Impuls: Ein knappes Jahr vor ihrem Rentenbeginn erfuhr Barbara Krüger aus einer Fernsehsendung von einem geplanten Kultur- und Kunstprojekt: Anlässlich des Kulturjahrs 2010 im Ruhrgebiet sollten 78 Menschen ihre angestammte Bleibe verlassen und leer stehende Wohnungen in drei Straßen in Mülheim, Duisburg und Dortmund beziehen. Ihre Aufgabe: Kontakt mit den Nachbarn und im Stadtteil aufnehmen und dabei sich selbst und ihre Umgebung verändern. Das Ganze würde in einem riesigen kollektiven Tagebuch dokumentiert, kündigte der Konzeptkünstler Jochen Gerz an, der das Projekt „2–3 Straßen – eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets“ initiiert hat.

Barbara Krüger versuchte sofort, ihren Mann Peter für die Idee zu begeistern. Fast ihr gesamtes Leben hatten die beiden in Gütersloh verbracht; beim Übergang vom Berufsleben ins Rentnerdasein „die Spur zu wechseln“ erschien der gelernten Friseurin und später in vielen Büros tätigen Barbara Krüger als sehr interessant. Ihr Mann, der 48 Jahre lang bei Miele gearbeitet hatte, davon über 20 Jahre als Betriebsratsvorsitzender, war einverstanden. Den Ruhrpott mal von innen heraus kennenzulernen fand er reizvoll – schließlich kannte er als aktiver IG-Metaller und Mitglied der Tarifkommission in NRW viele Kollegen von ThyssenKrupp, hatte ihre Sorgen bei den Entlassungswellen mitbekommen, aber auch ihren Stolz auf das ganz besondere Kohlenpottgefühl. Das mal selbst zu erleben fand er spannend.

Tatsächlich wurden die beiden aus 1457 Bewerbern ausgewählt. Und so zogen sie im Februar 2010 aus ihrer Eigenheimsiedlung im beschaulichen Gütersloh weg und in eine 65-Quadratmeter-Wohnung in Dortmunds Norden in der Nähe vom Borsigplatz, einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil und vielen leer stehenden Wohungen. „Am meisten erstaunt hat uns die Offenheit der Menschen hier. Man wird so akzeptiert, wie man ist“, berichtet Barbara Krüger. Welches Auto jemand fahre oder welchen Bildungsstand er oder sie vorweisen könne, sei unwichtig; worauf es ankomme, sei der Umgang mit anderen. Ihr Mann stimmt zu: „Hier achten die Leute mehr aufeinander. Bei uns in Gütersloh kommt man nur bis zur Haustür – aber nicht in die Wohnung.“

Schon bald hatten die beiden die Idee, eine „Weltbücherei“ aufzubauen, in der es Bücher in allen Sprachen geben sollte, die im Stadtteil gesprochen werden. Sie verteilten einen Flyer: „Mein Buch, dein Buch, unsere Bücher“, der auf Deutsch, Englisch und Türkisch verfasst war, eine Nachbarin stellte den Kontakt zu einer türkischsprachigen Zeitung her, und Peter Krüger besuchte den Imam und bat ihn um Unterstützung. „Erst haben alle gesagt: Hier liest sowieso keiner, da kriegt ihr nie was“, erinnert er sich. Doch innerhalb eines Vierteljahres hatte das Paar 650 Bücher gesammelt, die auf Arabisch, Türkisch, Russisch, Japanisch, Polnisch und in knapp zwei Dutzend weiteren Sprachen verfasst waren.

Sogar Dortmunds Oberbürgermeister kam zur Eröffnung; Peter Krüger hatte dafür seine Gewerkschaftskontakte spielen lassen. Trotzdem lief die Sache zunächst recht schleppend an; die als Tauschbörse konzipierte Bücherei war in einem Nachbarschaftstreff in einem Wohnhaus untergebracht und nur einmal wöchentlich zugänglich. Doch bald sprach sich das Angebot herum, und vor allem Kinder tauchten regelmäßig auf – zum Lesen und um sich vorlesen zu lassen.

Jeden Tag schrieben die Krügers über ihren Alltag ein paar Sätze in das Gemeinschaftsbuch – ein kollektiver Fließtext, in dem einzelne Autoren nicht erkennbar sind. Während Barbara Krüger zusätzlich in einer Grundschule den Bestand der Schulbücherei sortierte und durch ein Ausleihsystem zugänglich machte, nahm Peter Krüger Kontakt zu Künstlern in der Nordstadt auf, fotografierte, machte Linolschnitte und bildhauerische Werke. Auf Drängen seiner Nachbarn malte er außerdem eine Stadtlandschaft auf vier Stahlplatten, die ihm Kollegen von ThyssenKrupp gespendet hatten. Über das Motiv ließ er die Hausgemeinschaft abstimmen, nachdem er mit einem Beamer verschiedene Vorschläge an die Hauswand geworfen hatte, die vom röhrenden Hirschen bis zu völlig abstrakter Malerei reichten. Heute hängt das Bild im Hinterhof der Schlosserstraße 12, wo sie wohnten.

Inzwischen sind die Krügers nach Gütersloh zurückgekehrt. Wenn sie dort kein Reihenhäuschen hätten, wären sie wohl in Dortmund wohnen geblieben so wie 17 andere aus dem Projekt. Die Erfahrungen, die sie rund um den Dortmunder Borsigplatz gesammelt haben, möchten sie auf keinen Fall missen. „Wir haben einen anderen Blick darauf bekommen, wie Menschen leben.“ Vor allem der intensive Kontakt zu Migranten war neu für sie. Dabei machten sie auch traurige Entdeckungen. „Viele türkische Arbeitnehmer, die lange bei ThyssenKrupp oder im Bergbau gearbeitet haben, sind krank, körperlich verbraucht. Sie wären gerne in ihre Heimat zurückgegangen und bleiben eigentlich nur hier, weil die medizinische Versorgung in Deutschland besser ist“, berichtet Peter Krüger. Seine Frau Barbara ergänzt: „Durch diese Erfahrungen können wir erst ermessen, wie gut doch unsere eigene Lebenslage ist.“ Durch den von ihnen mitgegründeten Verein „Borsig11“, der sich um soziale Belange im Stadtteil kümmert, bleiben sie den Menschen in Dortmund nahe; etwa alle sechs Wochen zieht es sie hierhin zurück. Ihre Bibliothek existiert nicht nur weiter, sondern verfügt inzwischen sogar über etwa 1000 Bücher und ist jetzt mehrmals pro Woche geöffnet.

Auch daheim engagieren die beiden sich weiter ehrenamtlich. Peter Krüger versucht, den Gütersloher AWO-Ortsverein wiederzubeleben und Angebote für Senioren, Migranten, Frauen und Ratsuchende zu organisieren. Barbara Krüger hat bereits an einer Fortbildung zur Lesepatin teilgenommen und bringt im Moment einer Männergruppe das Kochen bei. Die Arbeit wird den beiden auch in der dritten Lebensphase nicht ausgehen – davon sind sie überzeugt.
Annette Jensen

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Vom Daimler an den Amazonas

Rathgeb verteilt Solarlampen an die Leiter einer Kooperative am Amazonas/Foto: Rathgeb, POEMA


Ex-Betriebsrat Rathgeb und der POEMA-Verein organisieren Unterstützung für die Regenwaldbewohner, deren Lebensräume großindustrielle Projekte und ein rücksichtsloses Wachstum zu vernichten drohen.

Gerd Rathgeb ist eben zurück von einer vierwöchigen Reise durch das riesige Projektgebiet im Norden Brasiliens. Zu den weit verstreuten Dörfern und Reservaten rund um die Amazonasmündung kämpft man sich durch – selbst in der Trockenzeit. In Belém hat er eines dieser überfüllten Passagierschiffe bestiegen, seine Hängematte aufgehängt und ist über Nacht nach Oeiras do Pará gefahren – zusammen mit armen Menschen, denn die Reichen in Brasilien nehmen ein Flugzeug. In Oeiras hat Gerd Rathgeb seine Projektpartner getroffen, darunter Bena Castro, die gute Kontakte zur Stadtverwaltung und darüber ein Schnellboot organisiert hat. Mehrere Stunden sind sie den schmaler werdenden Rio Oeiras hochgefahren, mussten hin und wieder Baumstämme beiseiteräumen, um in drei Dörfer zu kommen. Danach hat den 67-Jährigen ein Motorradtaxi auf den Rücksitz genommen, und am Schluss der Projektreise hat ein Allradfahrzeug, durch tiefe Schlaglöcher schaukelnd, sie an die Dörfer am Unterlauf des Rio Tocantins gebracht. Wenn Rathgeb und seine brasilianischen Partner in die Dörfer der Flussbewohner und Kleinbauern kommen, „sind die Menschen glücklich, dass jemand sich überhaupt für ihre Probleme interessiert“. Das tun weder die brasilianischen Behörden noch die internationalen Konzerne. Seit 1993 war der Ex-Daimler-Betriebsrat rund 20-mal am Amazonas, manches Mal auch mit seiner Frau Elisabeth, die seine Arbeit begleitet und unterstützt.

Beim Sozialforum in Belém 2009 konnte man erleben, wie die Rathgebs von vielen Einheimischen herzlich umarmt und als Freunde der Familie begrüßt wurden. Diesmal hat Gerd Rathgeb allein in der Region Oeiras zwölf Dörfer besucht. Er hat die solarbetriebenen Wasseraufbereitungsanlagen begutachtet, geschaut, ob die 500 Solarlampen bei den Familien am Oberlauf des Rio Tocantins gut angekommen sind und in einem Reservat im Norden nachgefragt, wie die Gesundheitskurse für junge Indios laufen.

Was der Verein, den Gerd Rathgeb leitet, für die Flussbewohner und Kleinbauern in den Projektgebieten leistet, hat eine beachtliche Dimension. „POEMA Deutschland ist ein großer Begriff in der ganzen Region“, sagt Rathgeb. Um gleich von sich weg und auf die Unterstützer zu verweisen: Einzelne Spender, Vereins- und Fördermitglieder oder Schüler, wie die von der Robert-Bosch-Schule in Langenau bei Ulm, die mit ihren Aktionen die 15.000 Euro für eine Wasseraufbereitungsanlage gesammelt haben. Werbung im Kollegenkreis für die Gesundheitsprojekte von POEMA macht auch das ver.di-Mitglied Johann Graf, er ist Personalrat der Uniklinik Tübingen und zweiter Mann im Vorstand. Manche Uniklinik-Mitarbeiter unterstützen Poema, indem sie sich regelmäßig zwei bis fünf Euro vom Gehaltskonto abbuchen lassen.

Der Maschinenschlosser Rathgeb ist einer jener sozial-ökologischen Schöpfungsbewahrer, die sich einem unmenschlichen Fortschritt in den Weg stellen. Und ihre Ideale kompromisslos verfolgen; zusammen mit dem 2003 verstorbenen Willi Hoss ist Gerd Rathgeb nach dem Ja zum Afghanistan-Einsatz aus der grünen Partei ausgetreten. In den wilden 70er Jahren gehörte er zusammen mit Hoss zur berühmten oppositionellen Plakatgruppe, deren Mitglieder erst aus der IG Metall ausgeschlossen, dann von Franz Steinkühler 1988 wieder aufgenommen wurden. Fast 30 Jahre war Rathgeb Betriebsrat beim Daimler in Untertürkheim, schob im Betrieb Diskussionen an um eine umweltgerechte Mobilität, statt das Auto auf Höchstleistungen zu trimmen. Debatten, die heute nichts an Aktualität verloren haben. Immerhin erreichten sie, dass Daimler die POEMA-Fabrik, die Kokosfasern für Autositze herstellte und zeitweise 5000 Familien in Amazonien ernährte, mit einer Million Mark förderte, bis sich der Konzern 2007 endgültig zurückzog.

Gerd Rathgeb sorgte dafür, dass POEMA weiterlebt. Als er 2004 in Rente ging, wollte er „sinnvolle Dinge machen, die mir am Herzen liegen“, und das waren die Amazonas-Projekte, die er schon als Betriebsrat betrieben hatte. Er hat sich damit einen Halbtagsjob eingehandelt, macht Vortragsreisen in Schulen und Weltläden, sammelt dabei Spenden und wirbt Unterstützer.

Anfang Dezember, gerade zurückgekommen aus dieser anderen Welt der Indiodörfer im Regenwald, die bedroht sind von den industriellen Großprojekten des aufstrebenden Brasiliens, von Staudämmen und „dem Wahnsinn des Biosprits“, hat sich Gerd Rathgeb sofort in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und den aktuellen Rundbrief fertiggemacht. Darin berichtet er den 1000 Unterstützern von POEMA, wie verzweifelt die Flussbewohner am Rio das Pedras sind, weil wegen des Staudamms Belo Monte der Fluss trockengelegt werden soll. „Sie nehmen uns unsere Straße weg und unsere Nahrung. Alles nehmen sie uns“, sagten sie ihm. Das war diesmal das bedrückendste Erlebnis, seufzt Gerd Rathgeb. Mit dem dort lebenden Bischof Kräutler hat er auch besprochen, ob die Firma Voith Hydro in Heidenheim, die am Staudammprojekt von Belo Monte beteiligt ist, auf die Proteste reagiert hat. IG-Metall-Mitglied Rathgeb hält die Gewerkschaften nach wie vor für unverzichtbar, „aber nicht nur als Besitzstandswahrer, sondern als Antreiber für neue Ideen im sozial-ökologischen Bereich“.

Morgen werden die Vorstandsmitglieder von POEMA bei den Rathgebs in Stuttgart vorbeischauen, und dann wird er ihnen neue Projekte vorschlagen: Solarlampen für die Xingú-Indianer und die Fortführung der Gesundheitskurse im Reservat der Waiapi-Indios. In Zukunft will Entwicklungshelfer Rathgeb nur noch einmal im Jahr die strapaziöse Reise an den Amazonas auf sich nehmen; Johann Graf, der Personalrat aus Tübingen, soll ihn entlasten. In seinem vorweihnachtlichen Rundbrief erinnert Rathgeb daran, dass unsere Glitzerwelt in krassem Gegensatz steht zur Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen. Und an ein Ziel, für das POEMA lebt: „Armut bekämpfen, Menschenwürde einfordern, den Regenwald schützen, nicht alles dem Wachstumsglauben unterordnen.“
Cornelia Girndt

Anschauliche Berichte über die Poema-Projekte und die Lebenswirklichkeit am Amazonas       
Spendenkonto POEMA e.V., Stuttgart, Landesbank BW,
BLZ 600 501 01, Konto 103 17 17

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