Quelle: Heinrich-Heine-Institut, Sammlung B. Traven (l. und m.) United Archives/ddp (r.)
Magazin MitbestimmungRätsel: Die Identität des Schriftstellers B. Traven
Die Identität des Schriftstellers B. Traven bleibt bis zu seinem Tod ein Geheimnis. Der Autor des Romans „Das Totenschiff“ unternimmt alles, um seine Herkunft zu verschleiern. Das gilt auch für seine Zeit als Gewerkschaftsfunktionär. Von Kay Meiners
Gelsenkirchen, die Stadt der tausend Feuer, wächst schnell. Überall schießen neue Fabrikschlote aus dem Boden. Überraschend wird hier im Sommer 1906 ein junger Mann Geschäftsführer der Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV): Otto Feige aus dem brandenburgischen Schwiebus, heute Świebodzin in Polen. Mit seinen kaisertreuen Eltern, dem Ziegelmacher Adolf Feige und der Fabrikarbeiterin Hermine Wienecke, hat er sich zerstritten. Feige träumt von einem neuen Leben, einer neuen Gesellschaft, liest sozialistische oder anarchistische Bücher.
Als Gewerkschaftsfunktionär wirbt Feige neue Mitglieder, organisiert einen zwölf Wochen dauernden Streik der Klempner- und Installateurgehilfen, der zu besseren Arbeitsbedingungen führt, gestaltet Kunstabende, hält Vorträge. Aber nach nur einem Jahr sucht er geordnet einen Nachfolger. Dann meldet er sich ebenso ordentlich ab, um kurz darauf für immer unterzutauchen. Nichts deutet darauf, dass dieser Mann 20 Jahre später ein weltbekannter Schriftsteller sein wird.
Der Wandel vollzieht sich in Stufen. Aus Feige wird zunächst der Schauspieler Ret Marut aus San Francisco. Die kalifornische Großstadt hat bei einem Erdbeben alle Meldeunterlagen verloren, was Feige sich zunutze macht. Sein neuer Name ist auch ein Wortspiel. Aus „Marut“ lassen sich die Anagramme, „Armut“ und „Traum“ bilden. Marut liebt es, in andere Rollen zu schlüpfen. Er spielt bei einem Tourneetheater für die Provinzen Pommern, Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien, später in Danzig und am Schauspielhaus Düsseldorf.
Ab 1917 gibt Marut in München die anarchistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ heraus, die gegen die Herrschenden, bald auch gegen die SPD austeilt. Er wird während der Münchner Räterepublik Leiter der Presseabteilung des Zentralrats. Als er 1919 als Rädelsführer verhaftet wird, flieht er und lebt, steckbrieflich gesucht, im Untergrund. Um das Jahr 1924 herum verschwindet Ret Marut für immer aus Europa.
Zeitgleich meldet sich aus Mexiko ein Schriftsteller zu Wort, der ein großes Geheimnis um seine Biografie macht: B. Traven. Sätze wie dieser aus dem Roman „Das Totenschiff“ machen ihn berühmt: „Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Pass bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermisst werden.“ Seine Bücher tragen Titel wie „Die Baumwollpflücker“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“; es sind proletarische Abenteuergeschichten mit einem Schuss Exotik.
Die Identität des Autors ist jahrzehntelang eines der großen Rätsel der Weltliteratur. Es gibt ein Meer von Spekulationen. Viele befeuert er selbst, damit die richtigen Spuren in diesem Meer untergehen. Der Mann, der einmal Otto Feige war, muss alles, was war, mit großer Härte von sich abschneiden, um der Mensch sein zu können, der er sein will. Als alte Weggefährten und seine leibliche Tochter nach ihm suchen, lässt er sich verleugnen. Durch seine Entscheidung, ein ganz anderer zu sein, äußerst misstrauisch gegenüber allem und jedem.
Er ist bei alledem keine edle Figur, sondern ein eher schwieriger Charakter. Schon im „Ziegelbrenner“ gibt es antisemitische Passagen, ebenso in B. Travens Korrespondenz mit der Büchergilde, die seine Bücher verlegt. Vielleicht werden seine Erfindungen, die als Schutz und als künstlerisches Konzept gedacht sind, am Ende mehr und mehr eine Last.
Das Verwirrspiel funktioniert über seinen Tod hinaus.
Erst Recherchen des BBC-Journalisten Will Wyatt und des Literaturwissenschaftlers Jan-Christoph Hauschild lösen posthum das Rätsel.Das Schlüsseldokument für die Enthüllung ist eine alte Akte der Londoner Polizei aus dem Jahr 1923. Unter der Drohung, abgeschoben zu werden, offenbarte Otto Feige seine wahre Herkunft wohl das letzte Mal. Danach tat er alles, diese Spur für immer zu verwischen.
Rätselfragen
1. 1948 verfilmte Hollywood den Roman „Der Schatz der Sierra Madre“. Wer führte Regie?
2. Im Jahr 1957 heiratete B. Traven seine Übersetzerin und Agentin. Wie hieß sie?
3. In welchem Jahr starb B. Traven?
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Auflösung der Rätselfragen 01/2026
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