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Frank Werneke Magazin Mitbestimmung

Jubiläum: „Für Sozialabbau gibt es keine gesellschaftliche Mehrheit“

Ausgabe 02/2026

Verdi feiert 25 Jahre. Frank Werneke, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, blickt auf ein Vierteljahrhundert Gewerkschaftsgeschichte zurück und spricht über künftige Herausforderungen. Das Gespräch führten Fabienne Melzer und Andreas Schulte

Verdi entstand als Zusammenschluss von fünf Einzelgewerkschaften. Woran erinnern Sie sich spontan, wenn Sie an die Verdi-Gründung vor 25 Jahren denken?

Da ist vor allem der Gründungskongress in Berlin selbst. Tausende Delegierte und unglaublich viele Gäste trafen dort zusammen. Ich erinnere mich an die Aufbruchstimmung, aber es herrschte auch Nervosität, ob die Fusion reibungslos verläuft. Als dann die entscheidenden Abstimmungen im Sinne der Gründung gelaufen waren, war das eine Erleichterung.

Lässt man auch etwas zurück, wenn man aus einer Einzelgewerkschaft kommt? Oder überwiegt die Vorfreude auf das Neue?

Natürlich hatten im Vorfeld viele Gewerkschafter Angst um die Identität der Branche und der eigenen Geschichte in so einer großen Gewerkschaft. Aber während des Gründungskongresses stand die Aufbruchstimmung im Vordergrund.

Hat der Zusammenschluss die Erwartungen erfüllt?

Die Erwartung war ja, gemeinsam stärker zu sein. Das hat sich erfüllt. Den Gewerkschaften wehte damals ein heftiger Wind ins Gesicht. Es war die hohe Zeit des Neoliberalismus mit erheblichen Arbeitslosenzahlen und der ersten großen Welle von Tarifflucht. In Ostdeutschland lag die Wirtschaft danieder. Die historische Trennung zwischen öffentlichen und privaten Dienstleistungen brach auf. Gleichzeitig war klar: Kleinere Gewerkschaften werden es schwer haben, Branchenumbrüche und Standortverlagerungen allein zu bewältigen. Deshalb mussten wir durch einen Zusammenschluss neue Stärke entwickeln. Mit Verdi entstand eine vielfältige Organisation, die den öffentlichen Dienst und privatwirtschaftliche Sektoren umfasste. Und, nicht zu vergessen, die seit 1949 bestehende Konkurrenz zwischen den DGB-Gewerkschaften und der Deutschen Angestelltengewerkschaft wurde überwunden. Das war ein wahnsinnig wichtiger Schritt.

In den Nullerjahren sah sich der Sozialstaat durch die Ankündigung der Hartz-Reformen heftigen Attacken ausgesetzt. Wie würden Sie die Situation von damals mit heute vergleichen?

Damals wie heute gerieten die Rente, Lohn­nebenkosten, Kündigungsschutz und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall unter Beschuss. Im Gegensatz zu heute herrschte Massenarbeitslosigkeit. Das schränkte die Handlungsspielräume der Gewerkschaften erheblich ein. Zumal damals die öffentliche Meinung über Gewerkschaften viel negativer war als heute. Sie wurden medial als Bewahrer, als Dinos abgeschrieben. Aber ansonsten ist die Situation absolut vergleichbar.

Damals sind die Menschen gegen die Angriffe auf den Sozialstaat auf die Straße gegangen. Ist dies auch heute denkbar?

Auf die Straße gingen die Menschen gegen die Agenda 2010. Dieser Protest war wesentlich durch die Gewerkschaften getragen. Wenn es zu einem zweiten Agenda-Moment kommen sollte, bleibt uns als Gewerkschaften auch heute gar nichts anderes übrig, als wieder gesellschaftlichen Widerstand zu organisieren.

Unterscheidet sich die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung im Vergleich zu der in den Nullerjahren?

Derzeit gibt es für eine Politik des Sozialabbaus keine gesellschaftliche Mehrheit. Die Mehrheit lehnt Angriffe auf die Rente, auf die Krankenversicherung, auf die Pflegeversicherung und auf den Achtstundentag ab.

Wann hat sich die Stimmung gedreht?

Ein echter Gamechanger war die Mindestlohnkampagne im Jahr 2006, für die es eine gesellschaftliche Mehrheit gab. Verdi, NGG und der DGB hatten sie ins Leben gerufen. Die Zehnerjahre waren dann wirtschaftlich stabiler und geprägt durch gute Tarifabschlüsse. Es gab in jener Zeit keine weiteren massiven Verschlechterungen bei Sozialstandards. Erst 2024 ging es dann mit den neuerlichen Angriffen auf den Sozialstaat wieder los.

Bietet die aktuelle Lage die Chance, wieder mehr Menschen hinter die Gewerkschaften zu bringen?

Ja, absolut. Verdi gelingt es heute besser als damals, junge Menschen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Es herrscht ein größeres Interesse, mehr Aufgeschlossenheit und weniger Skepsis gegenüber Gewerkschaften. Dafür haben wir auch einiges getan. Wir arbeiten heute in Tarifrunden sehr viel beteiligungsorientierter. Wir bieten Engagement für die Dauer einer Tarifrunde­ an. Junge Menschen sollen dort Verantwortung übernehmen, ohne sich jahrelang in Gremien­arbeit binden zu müssen. Heutzutage ist für neue Mitglieder der Eintritt in die Gewerkschaft keine Lebensentscheidung mehr. Sie entscheiden sich spontan, treten in der Tarifrunde ein und manchmal anschließend wieder aus. Deshalb ist das Ankommen in Verdi zu organisieren, Mitglieder stärker zu binden, eine große Aufgabe.

Wo sehen Sie die drei größten gewerkschaftlichen Herausforderungen?

Die Tarifauseinandersetzungen sind härter geworden. Die Zeiten sind vorbei, in denen große Teile des Kapitals ein Interesse an sozialpartnerschaftlichen Beziehungen hatten. Dem müssen wir uns stellen. Das zweite große Thema ist die rasante Veränderung der Arbeitswelt. In Dienstleistungsbranchen verschwindet einerseits Arbeit, aber sie entsteht an anderer Stelle im großen Umfang neu. Wo Arbeit entsteht, müssen wir sehr bald präsent sein. Und drittens brauchen wir mehr Diversität auf allen Ebenen der Organisation.

Wie müssen Gewerkschaften diese Herausforderungen angehen?

Wenn wir in neuen Bereichen der Arbeitswelt Fuß fassen wollen, müssen wir Kampagnenfähigkeit aufbauen und Methoden entwickeln, diese Unternehmen von außen anzugehen. Hier in Berlin vernetzen wir beispielsweise erfolgreich Tech-Worker im Netz und in Präsenz überwiegend in Englisch. Mehrsprachige Bildungsangebote sind wichtig. Solche neuen Formate probieren wir aus, um uns in jungen Unternehmen ohne gewerkschaftliche Vorgeschichte zu etablieren.

Was uns wieder in die Zeit der Nullerjahre bringt mit ihren damals neuen Unternehmen der New Economy. Auch vor 25 Jahren haben die Gewerkschaften große Anstrengungen unternommen, um in die aufstrebende IT- und Softwarewirtschaft reinzukommen.

Ja, das stimmt. Auch damals war es schwierig. Aber die heutige Start-up-Szene wächst jetzt allmählich aus der euphorischen Phase heraus. Dort sind Beschäftigte grundsätzlich aufgeschlossen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Da setzen wir an. 

25 Jahre Verdi

Ein Vierteljahrhundert Verdi – Lust auf mehr

25 Jahre Verdi – ein Grund zum Feiern. Aus diesem Anlass kamen am 19. März rund 200 geladene Gäste aus Politik, ­Sozialpartnerschaft und Gewerkschaftswelt im Berliner Futurium zusammen. Dabei richtete sich der Blick der Rednerinnen und Redner nicht nur in die ­Vergangenheit.

Die Botschaft der DGB-Vorsitzenden Yasmin Fahimi war bestimmt und unmissverständlich. „Wir brauchen euch!“, rief sie den Anwesenden zu – als starke Gegenstimme zu einer Kahlschlags­rhetorik. Denn darin werde der stete Vorwurf „zu faul, zu krank, zu teuer“ laut. Die Gewerkschaften hingegen werden weiterhin eine „starke Stimme für Solidarität sein“, kündigte Fahimi an. Sie knüpfte daran eine klare Ansage in Richtung Politik an: „Hände weg vom Arbeitszeitgesetz!“

Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) brachte eine persönliche Perspektive ein. Als einstiges ÖTV-Mitglied, das „das große Experiment“ der Fusion von fünf Einzelgewerkschaften selbst miterlebte, würdigte sie Verdi. Aus ­diesem Wagnis sei „eine der größten Gewerkschaften der Welt“ hervorgegangen, „bunt und vielfältig“.

Bas hob Errungenschaften hervor, an denen Verdi maßgeblich beteiligt war: die „Erfolgsgeschichte Mindestlohn“ etwa, dazu eine Gleichstellungspolitik, „die kein Feigenblatt ist“, sowie den unermüdlichen Einsatz für Demokratie in den Betrieben und in der ­Gesellschaft.

Jurist Pascal Annerfelt
Der Jurist Pascal Annerfelt erforscht am Hugo Sinzheimer Institut die rechtlichen Grundlagen der Verdi-Gründung

In der großen Gewerkschaft haben die Kleinen überlebt

Eine juristische Meisterleistung nennt Pascal ­Annerfelt die Gründung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vor 25 Jahren. Der Doktorand am Hugo Sinzheimer Institut erforscht die rechtliche Konstruktion, auf der die fünf Einzelgewerkschaften 2001 zu Verdi verschmolzen. Zwar gab es bereits in den 1990er Jahren Gewerkschaftsfusionen wie die zu der IGBCE und zur IG BAU. Doch diese seien von der Größe und der Komplexität nicht mit der Verdi-Gründung vergleichbar und mit vielen rechtlichen Unsicherheiten verbunden gewesen. Vor allem der Übergang von Verträgen von den fünf alten auf die eine neue Gewerkschaft musste rechtlich sicher sein. „Tarifverträge sind an Vertragspartner gebunden“, sagt Annerfelt, „sie können nicht einfach übergeben werden.“

Einen rechtssicheren Weg zur Weitergeltung der Tarifverträge und zum Übergang der Mitgliedschaften bot das neue Umwandlungsgesetz. Auf dieser Basis können eingetragene Vereine seit 1995 verschmelzen. Daher mussten sich die fünf Gewerkschaften, ÖTV, HBV, IG Medien, DPG und DAG, zunächst ins Vereinsregister eintragen lassen. Drei Jahre lang arbeiteten Juristinnen und Juristen in allen fünf Gewerkschaften an der Fusion, für die zunächst eine sechste, die Go-Verdi, gegründet wurde. „So konnten sich alle gleichberechtigt der neuen Gewerkschaft anschließen, und es gab nicht die eine Gewerkschaft, die die anderen vier aufnahm“, erklärt Annerfelt diese Gründungskonstruktion.

Eine Alternative zur Gründung der Multibranchen­gewerk­schaft sieht auch der Jurist in seiner Arbeit nicht. Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre wehte für Gewerkschaften ein rauer Wind. Die Wirtschaft stand unter Druck, ­immer mehr Arbeit­geber verabschiedeten sich aus der Tarifbindung, und viele Gewerkschaften kämpften mit ­finanziellen Problemen.

Heute sieht der Jurist die Dienstleistungs­gewerkschaft auf einem guten Weg: „Verdi hat sich modernisiert und führt erfolgreiche Tarifauseinandersetzungen.“ In der großen Gewerkschaft konnten kleine Bereiche überleben, die allein vielleicht untergegangen wären.

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