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Righeira: Vamos a la playa (1983) Magazin Mitbestimmung

Das politische Lied: Apokalyptischer Sommerhit

Ausgabe 02/2026

Righeira: Vamos a la playa (1983)

Vamos a la playa

La bomba estalló

Las radiaciones tostan

Y matizan de azul


Es ist noch ein bisschen früh in der Saison, als Manuel Fraga Iribarne und Angier Biddle Duke im März 1966 schwimmen gehen. Hier, am Strand von Quitapellejos, kommen die meisten Bade­gäste erst ab Mai. Doch die beiden Herren sind nicht zu Spaß am Mittelmeer. Fraga ist spanischer Tourismusminister unter Diktator Franco, Biddle Duke der US-amerikanische Botschafter in Spanien. Vor den Augen von Fotografen und Reportern wollen sie zeigen: Hier ist das Baden ungefährlich. Würden sie es sonst selbst tun?

Am 17. Januar 1966, zwei Monate vor dem hochrangigen Strandtermin, waren 10 690 Meter über dem benachbarten Küstenort Palomares ein B-52-Langstreckenbomber und ein Tankflugzeug bei einem verunglückten Andockmanöver zusammengestoßen und abgestürzt. Damals, in der Hochphase des Kalten Kriegs, sind nuklear bestückte US-Bomber ständig in der Luft, um die Abschreckung aufrechtzuerhalten.

Auch die B-52 hat vier Wasserstoffbomben an Bord. Keine explodiert. Allerdings bleibt die Gegend um Palomares nicht komplett verschont, denn aus den Zündern der Bomben treten mehrere Kilo radioaktives Plutoniumdioxid aus. Es verteilt sich als Staub.

Die spanische Regierung räumt einen Unfall ein, verschweigt aber das radioaktive Material an Bord. Auch die USA würden die Sache am liebsten unter den Teppich kehren. Als entlang der Küste jedoch US-Soldaten in Schutzanzügen unterwegs sind, weil sie die letzte der vier Bomben noch nicht gefunden haben, lässt sich das Problem nicht mehr verheimlichen, und Franco schickt seinen Minister zum Strandgang mit dem US-Botschafter.

17 Jahre später liefern die italienischen Popmusiker Stefano Rota und Stefano Righi vermutlich unbeabsichtigt den perfekten Soundtrack zu dem Badetermin. Die Titelzeile „Vamos a la playa, oh, oh, oh, oh, oh“ versteht 1983 in ganz Europa jeder. Der Text des Songs ist aber bei Weitem nicht so unbeschwert, wie es der sommerliche Refrain suggeriert: „Vamos a la playa! Die Bombe ist hochgegangen, die Strahlung bräunt und färbt alles blau.“ Die zweite Strophe lautet: „Vamos a la playa! Alle mit Hut, der radio­aktive Wind bringt die Frisuren durcheinander.“ Und die dritte: „Vamos a la playa! Endlich ist das Meer sauber. Keine stinkenden Fische mehr, nur noch fluoreszierendes Wasser.“ Voilà, alles gut! Das ist perfekt zugespitzter 1980er-Jahre-Endzeitzynismus.

„Ich wollte einen postatomaren Strandsong schreiben, in dem vor allem elektronische Instrumente vorkommen“, erzählt Righi in einem Interview. Erst im Rückblick sei ihm klar geworden, wie sehr die Gefahr eines Atomkrieges zwischen den USA und der UdSSR, die wie ein Damoklesschwert über allen hing, den Text geprägt habe. Die Verbindung zum Unfall von Palomares ist in den vergangenen Jahren vor allem deutschsprachigen Journalisten aufgefallen.

Die Folgen des Unfalls beschäftigen die Region Palomares bis heute. Ihre Bewohner werden über Jahre regelmäßig zu gesundheitlichen Untersuchungen nach Madrid eingeladen. Die genauen Resultate bekommen sie nicht mitgeteilt, nur, dass sie gesund seien. Und obwohl die USA bereits Tausende Tonnen kontaminierten Boden und Pflanzen abtransportiert haben, fordern Umweltaktivisten und Bewohner, den nach wie vor verseuchten Boden weiter zu dekontaminieren.  

Von Martin Kaluza

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