Arbeitszeit: Darf es ein bisschen mehr sein?
Beschäftigte sollen länger arbeiten. Dafür will Kanzler Merz den Achtstundentag kippen. Studien der Hans-Böckler-Stiftung belegen: Das ist ein Irrweg. Von Andreas Schulte
Die Bundesregierung versucht sich am Spagat: Um die Wirtschaft nach vorne zu bringen, blickt sie tief in den Rückspiegel der Geschichte. Berlin will zurück in die Zeit vor 1918. Denn damals wurde die tägliche Arbeitszeit von acht Stunden gesetzlich verankert. Doch Kanzler Friedrich Merz scheint dies zu fortschrittlich. Er fordert stattdessen eine Wochenarbeitszeit von bis zu 48 Stunden. Sein Mantra, „Wir müssen in diesem Land wieder mehr arbeiten“, wiederholt er hartnäckig bei vielen Gelegenheiten seit seinem Regierungsantritt im vergangenen Jahr.
Die Gewerkschaften stemmen sich dagegen. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi warnte bereits bei der Vorlage des Koalitionsvertrags vor „Beliebigkeit und Aktionismus bei der Änderung des Arbeitszeitgesetzes“. Im Sommer startete der DGB die Kampagne „Mit Macht für die 8“ mit Diskussionsrunden und Protestaktionen. Die Debatte um die Höchstarbeitsdauer und die Verteilung der Stunden, sie reißt bis heute nicht ab. Dabei zeigen Studien der Hans-Böckler-Stiftung, dass das aktuelle Arbeitszeitgesetz die Wirtschaft keineswegs ausbremst. Und sie belegen auch: Der Ruf des Kanzlers nach Mehrarbeit stößt beim Gros der Bevölkerung auf taube Ohren.
Yvonne Lott, Leiterin des Referats Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, hat die aktuelle Arbeitszeitdebatte eingehend untersucht. Sie kommt zu dem Schluss: „Beschäftigte brauchen im Durchschnitt kürzere und nicht längere Arbeitszeiten.“
Die von Merz geplante wöchentliche Höchstarbeitszeit – statt der bislang täglichen – dürfte bei den meisten nicht gut ankommen. Denn dadurch würden längere Höchstarbeitszeiten pro Tag möglich. Laut WSI befürchten aber zwei Drittel der Beschäftigten negative Folgen von Arbeitstagen mit mehr als zehn Stunden Länge.
Zudem geht aus Zahlen des WSI hervor, dass abhängig beschäftigte Männer in Deutschland im Schnitt wöchentlich mehr als 41 Stunden arbeiten. Dabei wünschen sie sich nur 37 Stunden. Bei Frauen ist es ähnlich. Sie arbeiten im Schnitt 35 Stunden. Das sind vier zu viel, wenn es nach ihnen ginge.
Die Bundesregierung will dagegen Mehrarbeit attraktiver machen, zum Beispiel mit steuerfreien Überstundenzuschlägen und Prämien für Teilzeitbeschäftigte, die ihre Arbeitszeit verlängern. In Lotts Augen springt Kanzler Merz zu kurz. „Finanzielle Anreize für Mehrarbeit bringen wenig“, sagt sie. „Sie beseitigen keine strukturellen Hürden.“
Viele Frauen sitzen in der Teilzeitfalle fest. Die Karriere stockt. „Beschäftigte brauchen eher Anreize für die Umverteilung von Arbeit als zusätzliches Geld für Mehrarbeit. Kürzere Arbeitszeiten von Männern etwa würden Frauen mehr Spielraum zur Verlängerung der Arbeitszeit geben“, nennt Lott ein Beispiel für verbesserte Strukturen. „Umverteilung stärkt die Produktivität eher als ein höheres Arbeitsvolumen, das Unfallrisiken und Ausfallzeiten erhöht.“
Ohnehin bieten gängige Tarifverträge genügend Flexibilität, um die Bedürfnisse von Unternehmen und von Beschäftigten zu erfüllen. Auch das hat das WSI herausgefunden. Erst im vergangenen Jahr hat das Institut untersucht, welche Grenzen und Möglichkeiten Tarifverträge heute bei Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit vorsehen, und dazu Tarifverträge in 25 verschiedenen Branchen analysiert. Das Ergebnis: „Eine Abschaffung der gesetzlichen täglichen Arbeitszeitgrenze ist weder sinnvoll noch erforderlich, wie die Analyse der tariflichen Regelungen unterstreicht“, sagt Bettina Kohlrausch, Wissenschaftliche Direktorin des WSI.
Ein wirkungsvolles Instrument zur Flexibilisierung der Arbeitszeit sind sogenannte Arbeitszeitkorridore. Damit können die Tarifparteien auf Krisen reagieren. In der chemischen Industrie beispielsweise kann die Wochenarbeitszeit mit Zustimmung der Tarifparteien zwischen 32 und 40 Stunden betragen. Ähnliches ist auch langfristig möglich. Meist sind dabei Grenzen vorgegeben, beispielsweise eine Höchstarbeitszeit von zehn Stunden täglich in der Papierverarbeitung oder eine Spanne von 34 bis 60 Stunden pro Woche in der bayerischen Landwirtschaft. Innerhalb von sechs Monaten oder von einem Jahr wird Mehrarbeit oder zu wenig geleistete Arbeit wieder ausgeglichen.
Auch Samstagsarbeit ist in den meisten Tarifverträgen vorgesehen, wie der Studienautor Reinhard Bispinck herausgefunden hat. Der ehemalige Leiter des WSI-Tarifarchivs resümiert: „Unter dem Strich zeigt sich, dass den Unternehmen eine breite Palette von tarifvertraglichen Instrumenten zur Verfügung steht, mit denen sich Arbeitszeit gestalten lässt.“