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Corona: "Unsere Wirtschaft braucht Medizin"

Ausgabe 02/2020

IMK-Direktor Sebastian Dullien über die Folgen der Epidemie für die deutsche Wirtschaft, die richtigen Gegenmaßnahmen und eine Welt nach Corona. Das Interview führten Kay Meiners und Andreas Molitor

Herr Dullien, Deutschland steht still – geschlossene Geschäfte, leere Straßen. Viele Menschen haben Angst. Werden die Kosten von Corona alles übersteigen, was aus früheren Krisen bekannt ist?
Wir haben es mit einem tiefen Schock zu tun – aber unsere Szenarien gehen von nicht ganz so dramatischen Einbrüchen aus, wie manch andere in die Diskussion geworfen haben. Derzeit rechnen wir bei der Wirtschaftsleistung 2020 mit einem Minus von vier Prozent – allerdings nur für den Fall, dass die Beschränkungen spätestens im Mai aufgehoben werden. 

Sind Vorhersagen jetzt überhaupt möglich?
Wir haben keine historischen Präzedenzfälle für diese Krise. Deswegen haben wir es mit enormen Unsicherheiten zu tun. Hinzu kommt, dass wir es nicht nur mit der Ökonomie zu tun haben. Jede Prognose der Wirtschaftsentwicklung hängt ganz stark daran, wie sich die Infektionszahlen entwickeln und wie die Politik darauf reagiert. 

Wie lässt sich der Wachstumseinbruch erklären? Welche Rolle spielt die Psychologie?
Im Moment findet vielerorts kaum Wertschöpfung statt, weil weniger verkauft und produziert wird. Das hat erst einmal wenig mit Psychologie zu tun. Allerdings könnte es in der Folge zu einem sich selbst beschleunigenden Negativkreislauf kommen. Dann geht es immer weiter in die Tiefe. Das müssen wir mit gezielten Reha-Maßnahmen verhindern.

Wie geht das? 
Wir müssen die Wirtschaft stabilisieren und – um im medizinischen Jargon zu bleiben – die Blutungen stoppen. Zuerst müssen wir verhindern, dass Leute entlassen werden und dann weniger Einkommen haben. In einer zweiten Stufe müssen wir die Wirtschaft reanimieren.

Weisen die bisher beschlossenen Maßnahmen in die richtige Richtung?
Die Politik hat sehr deutlich reagiert und will Hunderte Milliarden für Unternehmen, auch Kleinstfirmen und Selbstständige, bereitstellen. Das ist richtig und gut. Damit stabilisiert man auch die Erwartungen an die Zukunft – und stoppt die Abwärtsspirale. 

Anders als bei einem Krieg oder einer Naturkatastrophe sind Fabriken und Verkehrsverbindungen vollkommen intakt. Muss man also nur den Stecker wieder in die Steckdose stecken, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden?
Es gibt die Hoffnung, dass das passiert. Die Wirtschaft liegt, wie mein Kollege Peter Bofinger sagt, im künstlichen Koma. Noch ist alles funktionsfähig. Aber je länger die Beschränkungen gelten, desto größer wird die Gefahr, dass die Reanimation nicht gelingt, weil Unternehmen, Banken oder Kunden dann einfach pleite sind.

Dass man die Wirtschaft aus dem künstlichen Koma wiederbelebt, ist das Best-Case-Szenario. Wie sieht das Worst-Case-Szenario aus?
Es würde so aussehen, dass ganz viele Unternehmen pleitegehen, dass viele Arbeitnehmer entlassen werden und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießt. Wir werden dann nach der Krise in einem Gleichgewicht landen, in dem das Bruttoinlandsprodukt um vielleicht zehn Prozent niedriger ist. Die Gefahr wäre, dass sich die Wirtschaft davon nicht so schnell erholt. 

Die Politik will viel Geld in die Hand nehmen. Wo müsste oder könnte jetzt noch nachgebessert werden?
Das Kurzarbeitergeld könnte, wo betriebliche oder tarifliche Lösungen nicht gefunden werden, noch weiter aufgestockt werden. Wir sollten auch darüber nachdenken, wie man nach der Krise die Auftragsbücher der Unternehmen füllt: mit staatlichen Aufträgen, etwa einer Abwrackprämie für Autos mit Verbrennungsmotoren, die durch E-Autos ersetzt werden. 

Die Finanzmärkte sind im Zuge der Corona-Krise kollabiert. Ist das nicht auch ein Signal, dass man bei der Absicherung fürs Alter nicht auf die volatilen Kapitalmärkte vertrauen sollte? 
Das IMK gehörte noch nie zu den vehementen Befürwortern kapitalmarktgedeckter Altersvorsorge. Jetzt zeigt sich wieder das Problem, dass die Kapitalmarkterträge extrem schwanken können. Da wird – leider – manche Kalkulation für den Ruhestand nicht mehr aufgehen.

Corona führt uns vor Augen, dass kein Gesundheitssystem der Welt für eine solche Pandemie gerüstet ist. In Deutschland können bald möglicherweise 200 000 Pflegebedürftige nicht mehr betreut werden, weil die Pflegekräfte aus Osteuropa nach Hause fahren und die Heime bis unters Dach voll sind. Müssen wir umsteuern?
Wir haben sehr stark auf Effizienz gesetzt und Sicherheitsmargen massiv reduziert. Vor allem im Pflege- und Gesundheitsbereich haben wir hart auf Kante genäht. Da müssen wir uns fragen, ob wir nicht bereit sind, ein bisschen weniger Wertschöpfung in anderen Teilen der Wirtschaft in Kauf zu nehmen und dafür Sicherheitspuffer für den Krisenfall zu schaffen – ganz abgesehen von einer dringend notwendigen besseren Bezahlung der Pflegearbeit.

Manche Leute sagen, man müsse systemrelevante Bereiche der Daseinsvorsorge wie das Gesundheitswesen dem privaten Profitstreben ganz entziehen und unter staatliche Kontrolle stellen.
Ich bin sehr skeptisch, ob wir in Deutschland wirklich einen kompletten Systemwechsel im Gesundheitssystem brauchen. Etliche Beispiele aus dem Ausland, wo man das Gesundheitswesen vollständig verstaatlicht hat, sind alles andere als ermutigend. Der staatliche britische National Health Service beispielsweise ist offensichtlich auf die Corona-Epidemie sehr viel schlechter vorbereitet als unser staatlich-privat gemischtes Gesundheitssystem. Allerdings sehe ich starke Indizien dafür, dass Kostendruck und Privatisierung im Gesundheits- und Sozialbereich in den vergangenen Jahrzehnten zu weit getrieben worden sind; da brauchen wir dringend Neujustierungen.

Momentan werden gigantische Mengen Geld in die Wirtschaft gepumpt, um die ärgsten Folgen der Epidemie zu lindern. Aber irgendwann müssen die Schulden ja auch wieder getilgt werden. Stehen uns viele magere Jahre bevor, weil künftige Regierungen auf eisernes Sparen setzen?
Das muss nicht so sein. In den vergangenen zehn Jahren war der Zins stets niedriger als die Wachstumsrate. In einer solchen Situation ist Verschuldung kein gravierendes Problem, der Staat kann sich quasi zum Nulltarif verschulden. Von daher sehe ich in der Staatsverschuldung wirklich die geringste aller Sorgen, die wir derzeit haben sollten.

Aber die Vergangenheit hat doch gezeigt, dass irgendwann Politiker auf den Plan kommen und sagen: Schluss mit der Schuldenmacherei, jetzt müssen wir sparen.
Wir haben ja Regeln, die verhindern, dass alles aus dem Ruder läuft. Und für die Schulden, die jetzt aufgenommen werden, sind bereits Tilgungspläne vereinbart. Beim Bund etwa ist eine Tilgung über 20 Jahre vorgesehen, Nordrhein-Westfalen will es über 50 Jahre strecken. Eine Tilgung über 50 Jahre, das ist nun wirklich keine spürbare Belastung. 

Manche Beobachter, darunter der Zukunftsforscher Matthias Horx, sehen die Krise ja sogar als Katalysator bei der Transformation der Gesellschaft zum Guten. Die Zeit der verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, sei vorbei, es werde wieder eine Lagerhaltung geben, lokale Strukturen, eine Renaissance des Handwerks. 
Ich bin mir nicht sicher, ob dies wirklich eine durchweg positive Vision ist. Und ich glaube auch nicht an die ganz großen Umwälzungen. Realistische Entwicklungen könnten sein, dass wir jetzt in der kleinteiligen Struktur des Einzelhandels eine Reihe von Verlusten sehen und sich die Nachfrage noch stärker als bisher in Richtung Onlinehandel verschiebt. Aus meiner Sicht ist das eher negativ. Andererseits scheint sich das Arbeiten im Homeoffice mehr zu bewähren, als viele Skeptiker glaubten. Das könnte ein positiver Trend sein.

Aber eine tief greifende Veränderung der Wirtschaftsstruktur wird es nicht geben? 
Ich hoffe nicht. Man wird bestimmte Dinge überdenken – beispielsweise ob jedes Land nicht doch eine Produktion von Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung vorhalten sollte. Aber wir dürfen nicht vergessen, welchen Wohlstandsgewinn die internationale Arbeitsteilung gebracht hat. Unsere Automobilindustrie wäre niemals so wettbewerbsfähig, wenn sie nicht auf die Zuliefernetzwerke in Mittel- und Osteuropa und Asien zurückgreifen könnte.

Wie könnte die Rolle der Gewerkschaften nach der Krise aussehen?
Wir haben schon in der Finanzkrise gesehen, dass die Sozialpartner sich sehr konstruktiv verhalten und Lösungen suchen, um die Beschäftigung zu sichern. Mitbestimmte Unternehmen sind im Schnitt übrigens besser durch die Krise gekommen. So könnte es auch jetzt sein. Meine Prognose ist, dass die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten viel stärker steigen wird als in Deutschland – unter anderem weil hierzulande eine weitaus stärkere gemeinsame sozialpartnerschaftliche Verantwortung gesehen und gelebt wird. 

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