Arbeitszeit: Keine 40-Stunden-Woche bis zur Rente
Ältere Beschäftigte arbeiten mehr als vor einem Jahrzehnt. Dennoch ist ihre Wochenarbeitszeit kein geeigneter Ansatzpunkt für Strategien gegen den Fachkräftemangel.
Das Renteneintrittsalter steigt, Wege zu einem früheren Ruhestand werden versperrt, mit der Aktivrente soll das Weiterarbeiten attraktiver werden. Und noch eine Idee steht im Raum, um das sogenannte Erwerbspotenzial Älterer auszuschöpfen: Könnten Beschäftigte im letzten Jahrzehnt des Berufslebens nicht mehr Stunden pro Woche arbeiten? Schließlich sind die Kinder in dieser Phase meist aus dem Haus und familiäre Verpflichtungen nehmen weniger Raum ein. Ob dieser Plan aufgehen kann, haben Angelika Kümmerling und Susanne Drescher vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) mithilfe von Daten der Europäischen Arbeitskräfteerhebung analysiert. Dabei sind die Forscherinnen auf zum Teil überraschende Ergebnisse gestoßen:
- Entgegen dem allgemeinen Trend sind die Wochenarbeitszeiten der Über-50-Jährigen 2023 im Vergleich zu 2013 gestiegen.
- Der Anstieg der durchschnittlichen Arbeitszeit Älterer ist darauf zurückzuführen, dass Frauen – insbesondere geringer qualifizierte – länger arbeiten. Bei den älteren Männern ist die Arbeitszeit durch weniger Überstunden größtenteils etwas zurückgegangen und in der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen gleichgeblieben.
- Höher qualifizierte Männer arbeiteten 2023 etwas weniger als 2013.
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Jenseits dieser Detailentwicklungen gilt auch für Ältere: Frauen arbeiten viel häufiger in Teilzeit als Männer und kommen deshalb im Schnitt auf geringere Wochenarbeitszeiten. 50- bis 64-jährige Arbeitnehmerinnen brachten es 2023 auf 30 Stunden, gleichaltrige Arbeitnehmer auf 38,5.
Damit stellt sich vor allem die Frage: Warum finden so viele Frauen nach der Familienphase nicht in die Vollzeitarbeit zurück? Schließt sich an die Kinderbetreuung unmittelbar die Pflege älterer Angehöriger an, stecken sie in der sogenannten Teilzeitfalle und finden keinen Fulltimejob mehr, lohnt sich eine Ausweitung der Arbeitszeit aus steuerlichen Gründen nicht? Oder hat sich die Arbeitsteilung im Haushalt zu diesem Zeitpunkt so verfestigt, dass Männer nur noch im Erwerbsjob arbeiten und die Frauen für alles Übrige zuständig sind?
In der Arbeitskräfteerhebung wurden die älteren Teilzeitbeschäftigten nach Motiven für die Wahl des Arbeitsumfangs befragt. Dabei nennen 16 Prozent der Frauen ab 50 Jahren familiäre Gründe wie Pflegeverpflichtungen, 6 Prozent geben an, keine Vollzeitstelle zu finden. Mit zusammen fast 72 Prozent machen andere und persönliche Gründe den Löwenanteil aus.
Bei älteren Männern in Teilzeit sind die Werte ähnlich; auffällig ist vor allem, dass sie deutlich häufiger als Frauen Krankheit oder Behinderung als Grund für eine reduzierte Stundenzahl angeben.
Die Gründe für Teilzeitarbeit in der späten Erwerbsphase mögen vielfältig sein. Aber eines ist den Wissenschaftlerinnen zufolge vollkommen eindeutig: Fast niemand in dieser Gruppe möchte gern länger arbeiten. 97 Prozent der Frauen und fast 99 Prozent der Männer wollen ihre Arbeitszeit nicht erhöhen. Der Spielraum für eine Erhöhung der Arbeitszeit ist „bei den Älteren in Teilzeit also begrenzt“, so Kümmerling und Drescher. „Dieser Befund lässt vermuten, dass die politischen Bestrebungen zur Ausweitung der Arbeitszeit kaum erfolgreich sein werden.“ Eher erfolgversprechend sei es, die Erwerbsquote Älterer weiter zu erhöhen und „älteren Arbeitslosen den Weg zurück in Beschäftigung zu erleichtern“. Um eine „nachhaltige Erwerbsteilhabe“ älterer Frauen sicherzustellen, müsse man außerdem viel früher ansetzen. Hier seien eine gleichmäßigere Aufteilung von Care-Verpflichtungen zwischen den Geschlechtern und bessere Angebote zur Kinderbetreuung gefragt. Dann könnten Frauen bereits im mittleren Erwerbsalter in höherem Umfang erwerbstätig sein und dürften dies auch aufrechterhalten.
Mit Blick auf die Erhöhung der Regelaltersgrenze und eingeschränkte frühere Verrentungsmöglichkeiten bemerken die Forscherinnen zudem: Teilzeit am Ende des Erwerbslebens sei in vielen Fällen nicht als „Rückzug aus dem Arbeitsleben“ zu verstehen, sondern vielmehr als „Anpassungsstrategie, die eine längere und zugleich gesundheitlich tragfähige Erwerbsbeteiligung ermöglicht“.
Angelika Kümmerling, Susanne Drescher: Arbeitszeiten von älteren Beschäftigten in Deutschland: Trends und Präferenzen,
Altersübergangs-Report 3/2026, September 2026