Böckler Impuls Ausgabe 16/2016

Verteilung

Sozialer Aufstieg wird seltener

Armut und Reichtum verfestigen sich. Die Politik muss gegensteuern, indem sie im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt für Chancengleichheit sorgt.

Die Reichen in Deutschland können sich ihrer privilegierten Position immer sicherer sein. Wer hingegen arm ist, für den wird es schwieriger, aus der Armut herauszukommen. Das zeigt der WSI-Verteilungsbericht 2016. Darin analysiert Dorothee Spannagel, wie sich die Einkommensmobilität in West- und Ostdeutschland seit Anfang der 1990er-Jahre entwickelt hat.

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung änderte sich die Einkommensverteilung vor allem in Ostdeutschland stark. Die steigenden Löhne, die Ausweitung der sozialen Leistungen und die Übertragung des westdeutschen Rentensystems bedeuteten für viele einen Aufstieg. Diese Entwicklung kam aber bereits Mitte der 1990er-Jahre zum Stillstand. Seitdem gilt in Ostdeutschland wie auch im Westen: Wer arm ist, bleibt sehr wahrscheinlich arm.

Zum Vergleich: Zwischen 1991 und 1995 schafften es in Gesamtdeutschland rund 47 Prozent der Armen, in die untere Mitte aufzusteigen. Von 2009 bis 2013 gelang dies nur noch 36 Prozent. Auch für Personen direkt oberhalb der Armutsgrenze sind die Aufstiegs­chancen gesunken, während ihr Risiko, in Armut abzurutschen, gewachsen ist – und zwar ungeachtet der guten Konjunktur, der Reallohnzuwächse und der Rekordbeschäftigung. Die Absteiger gehören den bekannten Risikogruppen an: niedrig gebildet, geringfügig beschäftigt oder arbeitslos. Unter den Aufsteigern ist der Anteil der Vollzeitbeschäftigten und der Angestellten größer. Mit zunehmender formaler Qualifikation nimmt der Anteil der Aufsteiger deutlich zu.

Chancen hängen von der Herkunft ab

Reiche bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit reich: Zwischen 1991 und 1995 konnten sich rund 50 Prozent der sehr Reichen in der obersten Einkommensklasse halten, von 2009 bis 2013 stieg der Anteil derer, die sich behaupten konnten, auf fast 60 Prozent.

Im internationalen Vergleich zeigt sich: In kaum einem anderen Land hängen die Chancen so stark von der Herkunft ab wie hierzulande. „Das ist vor allem mit der sehr hohen Bildungsungleichheit zu erklären“, schreibt Spannagel. Bildung sei in Deutschland „stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses abhängig – und damit die soziale Position, die die Kindergeneration später einnimmt“. Auch das Schulsystem funktioniere wie eine große Sortiermaschine, die Kindern ihren späteren Platz in der Gesellschaft zuweist. Allerdings: Anders als noch in den Anfangsjahren der Bundesrepublik können auch gutsituierte Eltern nicht mehr davon ausgehen, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden.

Mehr Umverteilung durch Steuern

„All diese Entwicklungen gefährden den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft und stehen in einem klaren Gegensatz zum Ideal einer demokratischen, offenen Gesellschaft“, erklärt die Forscherin. Die Politik müsse gegensteuern, indem sie die Chancengleichheit fördert. Neben geringer Bildung sei Arbeitslosigkeit einer der Hauptgründe für sozialen Abstieg. Deshalb sollten Personen, die eher von Arbeitslosigkeit bedroht sind – etwa Geringqualifizierte oder Migranten –, durch Qualifikations-, Bildungs- und Beratungsangebote unterstützt werden.

Außerdem empfiehlt die Wissenschaftlerin eine stärkere Umverteilung über das Steuersystem: Die niedrigen Sätze bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer führten dazu, dass Ungleichheit über Generationen hinweg vererbt und damit verfestigt wird. Eine stärkere Besteuerung von hohen Erbschaften und Schenkungen sei notwendig, um diesen Mechanismus zu durchbrechen. Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer sei eine weitere Maßnahme, mit der sich eine Umverteilung von oben nach unten erreichen und die soziale Mobilität erhöhen lässt.

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Quellen

Dorothee Spannagel: Soziale Mobilität nimmt weiter ab (pdf), WSI-Verteilungsbericht 2016, September 2016


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