Böckler Impuls Ausgabe 01/2009

Verteilung

Vermögen: Nur jeder Dritte hat Reserven

Der Wohlstand in Deutschland konzentriert sich zunehmend am oberen Ende der Skala: Das reichste Zehntel der erwachsenen Bevölkerung besitzt inzwischen mehr als 60 Prozent des gesamten Privatvermögens. Dagegen haben zwei Drittel fast gar nichts.

Auf gut 6,6 Billionen Euro summierte sich das private Vermögen in Deutschland im Jahr 2007. Netto, also nach Abzug aller Schulden. Damit besaß jeder Einwohner über 17 Jahren im Durchschnitt rund 88.000 Euro als Nettogesamtvermögen. Das waren knapp 8.000 Euro oder rund zehn Prozent mehr als 2002, haben Joachim R. Frick und Markus M. Grabka in einer neuen, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie ermittelt. Die beiden Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben dazu die neuesten verfügbaren Vermögensdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) ausgewertet.

Über die reale Verteilung des Wohlstandes sagen die Durchschnittswerte jedoch wenig aus. Das zeigt schon der Blick auf den Median, der die reichere Hälfte der Bevölkerung von der ärmeren trennt. Mit lediglich 15.288 Euro lag der Median nach Berechnung der Verteilungsforscher weitaus niedriger als der Durchschnitt. Und gegenüber 2002 stieg er um nicht einmal 300 Euro. Das zeigt: Die Vermögen konzentrieren sich zunehmend am ­oberen Ende der Verteilungsskala - bei den reicheren Gruppen der Bevölkerung. Zudem beruht der gesamtdeutsche Zuwachs ausschließlich auf einer deutlichen Steigerung im Westen. In Ostdeutschland schrumpften die Vermögen.

Die breite Datenbasis des SOEP erlaubt es Frick und Grabka auch noch genauer zu sagen, wo die Vermögen wachsen, und wo nicht: So baute das wohlhabendste Zehntel der erwachsenen Bevölkerung  seinen Anteil am privaten Gesamtvermögen auf 61,1 Prozent aus. Jeder Erwachsene in dieser Gruppe verfügt damit über mehr als 222.000 Euro. Knapp 23 Prozent des Nettovermögens konzentrieren sich allein auf das reichste Hundertstel, wo jeder Einzelperson mehr als 817.000 Euro gehören. Zum Vergleich: Die weniger wohlhabenden 70 Prozent der Erwachsenen besaßen 2007 nur knapp neun Prozent des Gesamtvermögens - weniger als 2002. Rund zwei Drittel haben netto kein oder nur ein geringes Geld- oder Sachvermögen. 27 Prozent aller Erwachsenen besitzen netto gar nichts, oder sie haben unter dem Strich sogar Schulden. Diese Anteile haben sich trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs in den letzten Jahren gegenüber 2002 kaum verändert.

Neue Erbschaftsteuer verstärkt Ungleichheit. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Schere bei der Vermögensverteilung künftig weiter öffnen wird - auch in der Finanzkrise. Zwar hätten zahlreiche Geldanlagen, etwa Aktien, an Wert verloren. Finanzstarke Anleger seien aber oft nicht gezwungen, in der gegenwärtigen Baisse zu verkaufen und damit Verluste wirklich zu realisieren, argumentieren die Forscher. Dagegen treffe Arbeitslosigkeit häufiger Menschen mit geringerem Vermögen, die dieses im Verlaufe der Arbeitslosigkeit dann aufzehrten.

Gleichzeitig werden die Abgeltungssteuer und die Reform der Erbschaftsteuer Vermögende begünstigen und "die ökonomische Ungleichheit in Deutschland weiter verstärken", so die Forscher. Sie halten es für geboten, insbesondere die Ausgestaltung der Erbschaftsteuer neu zu überdenken, "um das Prinzip der Chancengleichheit in Deutschland zu stärken."

Größte Vermögen bei Selbstständigen. Analysiert man die Vermögensentwicklung nach Berufsgruppen, dann haben Selbstständige und Unternehmer das höchste durchschnittliche Nettovermögen. Es reichte 2007, je nach Zahl der Mitarbeiter, von rund 177.000 bis zu 1,1 Millionen Euro. Das zweitgrößte durchschnittliche Nettovermögen haben Beamte des gehobenen oder höheren Dienstes, gefolgt von Angestellten in Führungspositionen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass die DIW-Analyse das Sozialversicherungsvermögen, also Ansprüche an die Rentenversicherung oder an die betriebliche Altersvorsorge mangels aussagekräftiger Daten nicht berücksichtigen kann. Würde man sie hinzurechnen, fiele der Vermögensvorsprung der Selbstständigen kleiner aus.

Am anderen Ende der Vermögensskala liegen un- oder angelernte Arbeiter und Angestellte sowie Arbeitslose und Nichterwerbstätige. In diesen Gruppen ist auch der Anteil der Menschen ohne Vermögen oder mit mehr Schulden als Besitz mit Abstand am höchsten. Unter den Arbeitslosen wuchs ihr Anteil im Vergleich zu 2002 deutlich an: von 41 Prozent auf 49 Prozent. Rentner und Pensionäre besaßen 2007 netto im Schnitt gut 113.000 Euro.

Selbstständige und Unternehmer verzeichneten von 2002 bis 2007 auch den höchsten Vermögensanstieg. Qualifizierte und leitende Angestellte sowie höhere Beamte erreichten kleine Zuwächse. Bei geringer qualifizierten Arbeitern, Angestellten und Beamten schrumpfte das Durchschnittsvermögen dagegen leicht. Deutliche Einbußen erlitten Nichterwerbstätige und Arbeitslose - in dieser Gruppe sank das durchschnittliche Nettovermögen um 13 Prozent.

Das gleiche Muster ergibt sich, wenn man Vermögen und Einkommen in Beziehung setzt: Das durchschnittliche Nettovermögen der 30 Prozent mit den geringsten Einkommen ging zwischen 2002 und 2007 zurück. Im mittleren Einkommenssegment stagnierten die Vermögen. Dagegen wuchsen sie ab dem achten Einkommenszehntel. Wer in der Einkommenshierarchie zu den obersten zehn Prozent zählte, besaß 2007 durchschnittlich 60.000 Euro mehr als 2002.

Verluste in Ostdeutschland. Auch im Ost-West-Vergleich ging die Entwicklung auseinander. Während in Westdeutschland die Nettovermögen zwischen 2002 und 2007 um durchschnittlich rund 10.000 Euro stiegen, sank der Mittelwert im Osten: von rund 34.000 auf weniger als 31.000 Euro.

Dieser Rückgang hat nach Analyse der DIW-Forscher zwei Ursachen: Einerseits verlieren Immobilien in vielen ostdeutschen Regionen deutlich an Wert. Andererseits habe die hohe Arbeitslosigkeit dazu beigetragen, dass in den Altersgruppen zwischen 35 und 65 Jahren die durchschnittlichen Vermögen um mehr als zehn Prozent gesunken sind. Frick und Grabka vermuten, dass die Einführung des Arbeitslosengeldes II ein Grund für diesen deutlichen Rückgang ist. Die Regelungen des ALG II dürften "zu einem stärkeren Entsparen im Falle von Arbeitslosigkeit beigetragen haben, da eigenes Vermögen zunächst weitgehend aufgezehrt werden muss, bevor diese staatliche Unterstützung in Anspruch genommen werden kann", schreiben die Forscher. Dieser Schwund sei "auch sozialpolitisch besorgniserregend", warnt das DIW: Arbeitslosigkeit und niedrigere Einkommen dürften etlichen Menschen mittleren Alters künftig vergleichsweise geringe Renten bescheren - ohne Vermögenspolster drohe ihnen Altersarmut.


Quellen

Joachim R. Frick und Markus M. Grabka: Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland, DIW-Wochenbericht 4/2009 (pdf), Projekt gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung

zum Projekt Vermögens- und Einkommensverteilung in Deutschland


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