Böckler Impuls Ausgabe 04/2008

Vereinbarkeit

Wunsch vieler Eltern: Arbeitszeiten gleichmäßiger aufteilen

Die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern lassen kaum Chancen für eine moderne Balance von Beruf und Familie. Zwischen Zeitnot und Karriereverzicht müssen vor allem Mütter entscheiden. Ein neuer Arbeitszeitstandard für die Familienphase wird gebraucht.

Ein Drittel der Familien in Deutschland leidet unter Zeitnot. Hauptursache für das Dilemma sind die sehr langen Arbeitszeiten von Vätern: fast durchgehend Vollzeit unterwegs, oft überlang mit deutlich mehr als 40 Stunden pro Woche. Das zeigt eine WSI-Studie, die tatsächliche und gewünschte Arbeitszeiten von Eltern untersucht hat. Als Kernproblem machen die Forscherinnen die traditionelle Norm der lebenslang gleichen Vollzeitarbeit aus, die unterschiedliche Lebensphasen nicht berücksichtigt. Und Teilzeitarbeit ist längst nicht für alle Mütter und Väter ein Ausweg, zeigt die Analyse.

Das männlich geprägte Konzept von Vollzeit als Standardmodell rechnet mit dem "sorgelosen Arbeitnehmer", der sich mit ganzer Kraft dem Job widmen kann. Denn seine Frau hält ihm zu Hause den Rücken frei. Doch das traditionelle Ernährermodell mit nicht erwerbstätiger Mutter haben auch die Deutschen längst faktisch abgewählt, diagnostiziert das WSI. Nur ein knappes Viertel der Paare lebt in Westdeutschland noch in der klassischen Hausfrauenehe. In Ostdeutschland hat sie mit acht Prozent nur marginale Bedeutung. Eine klare Mehrheit der Deutschen befürwortet das Zweiverdienermodell.

Eine moderne Balance ermöglicht es Frauen und Männern gleichermaßen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Sie vermeidet Zeitnot und gibt Raum für die berufliche Entwicklung beider Eltern. Die Dauer der Arbeitszeit ist dafür ein Schlüsselfaktor. Wunsch und Wirklichkeit klaffen bei Müttern und Vätern oft erheblich auseinander. Das belegen die Ergebnisse der Studie auf Grundlage bislang unveröffentlichter Sonderauswertungen aus dem Mikrozensus 2005 sowie der WSI-Arbeitnehmer/innenbefragung 2003.

Die Arbeitszeiten von Eltern sind stark polarisiert. Sind Kinder zu versorgen, arbeiten in der Regel Mütter kürzer. Väter dagegen bleiben bei Vollzeit und arbeiten sogar länger als ohne Nachwuchs. Der Unterschied in den durchschnittlichen Arbeitszeiten von Müttern und Vätern ist nach wie vor beträchtlich. Besonders für Westdeutschland zeigen sich wenig Gleichstellungsfortschritte: Hier arbeiten Väter 17 Stunden pro Woche länger als Mütter.

Die Arbeitszeiten von Frauen mit Kindern gehen laut WSI-Befragung weit mehr auseinander als die der Väter. So arbeiten zwar mehr als die Hälfte der Mütter Teilzeit, darunter viele Minijobberinnen und geringfügig Beschäftigte. Gleichzeitig sind 42 Prozent der Mütter vollzeitbeschäftigt. Überraschend viele Frauen haben überlange Arbeitszeiten mit mehr als 40 Wochenstunden.

Nach wie vor müssen sich vor allem Frauen zwischen Vollzeit und Teilzeit entscheiden. Damit haben sie häufig nur die Wahl "zwischen Zeitnot einerseits und Karriereverzicht und wirtschaftlicher Benachteilung andererseits", stellen die Forscherinnen Christina Klenner und Svenja Pfahl fest.

Keine Umverteilung. Die langen Arbeitszeiten der Väter belegen, dass sie "im Beruf keinen Schritt zurückgegangen" sind, seit die Mütter häufiger erwerbstätig sind, so die Forscherinnen. "Wenn Mütter Vollzeit arbeiten, steht dem meist keine Arbeitszeitreduktion der Väter gegenüber." In allen familiären Konstellationen arbeiten Väter länger. Es überwiegt mit 45 Prozent die Variante einer so genannten modernisierten Ernährerkonstellation, in der zumeist Väter Vollzeit und Mütter Teilzeit arbeiten.

Von einer geschlechtergerechten Arbeitszeitverteilung kann bislang keine Rede sein, so die Autorinnen. Familienbedingte Teilzeit ist fast nur bei Müttern anzutreffen. Bei Vätern ist sie so selten, dass eine scheinbar für die Familie besonders zuträgliche Arbeitszeitkonstellation mit zwei Teilzeit arbeitenden Eltern fast nicht vorkommt. Lange und überlange Arbeitszeiten belasten die Familienzeit und setzen dem häuslichen Engagement enge Grenzen. Die faktischen Arbeitszeitverlängerungen der letzten Jahre haben zusätzlich dazu beigetragen, die Geschlechterungleichheit bei den Arbeitszeiten fortzuschreiben.

Arbeitszeitwünsche von Eltern, Pflegenden und Kindern. Mütter wie Väter haben ein Interesse daran, ihre Arbeitszeiten anzunähern. Um Familie und Beruf besser auszubalancieren, wünschen sich die abhängig beschäftigten Eltern mehrheitlich kürzere Arbeitszeiten. So würden drei Viertel der Väter und über die Hälfte der Mütter eine Reduzierung ihrer tatsächlichen Arbeitszeiten bevorzugen. Teilzeitbeschäftigte Mütter, vor allem diejenigen mit marginaler Teilzeit, möchten dagegen die Arbeitszeit erhöhen. Die Wunscharbeitszeiten von Eltern in Deutschland bewegen sich folglich zwischen hoher Teilzeit und gemäßigter Vollzeit.

Die Pflege von Angehörigen wird zunehmend eine Balance von Beruf und Familie erfordern. Die Studie berücksichtigt deshalb auch die Arbeitszeiten und Arbeitszeitwünsche von Beschäftigten mit Pflegeaufgaben. Sie sind danach zum überwiegenden Teil in ausgeprägte Pflegenetzwerke eingebunden und haben etwas seltener als Eltern Interesse an einer Arbeitszeitreduzierung. Insgesamt wünschen sie sich ähnliche Arbeitszeiten wie Eltern und lehnen überlange Vollzeitarbeit mit großer Mehrheit ab.

Zu den Wünschen der Kinder an die Arbeitszeiten ihrer Eltern gibt es bislang keine repräsentativen Befragungen. Die Autorinnen greifen deshalb auf eigene qualitative Forschungen zurück. Danach begrüßen Kinder durchaus eine Erwerbstätigkeit beider Eltern. Sie wünschen sich verlässliche Arbeitszeiten, die wichtige Sozialzeiten wie Wochenenden oder Feiertage freihalten und Familienrituale zulassen. Eine "nahtlose Betreuungskette" - vielleicht das Ideal der Eltern - favorisieren Kinder weniger. Hauptsache: Eltern sind dann da, wenn sie gebraucht werden. Der "Alltagsmix" muss stimmen, so die Forscherinnen.

Zeitnot unter Eltern ist keine Randerscheinung. Rund ein Drittel der abhängig beschäftigten Eltern hat nach vorsichtiger Schätzung mit Zeitknappheit oder sogar Zeitnot zu kämpfen. Das betrifft insbesondere diejenigen Eltern, die in der überlasteten Konstellation von doppelter Vollzeit oder überlanger Vollzeit leben. Sie bewerten ihre Vereinbarkeitssituation unter allen Paarkonstellationen am negativsten und äußern am deutlichsten Wünsche nach reduzierter Arbeitszeit. Aber auch Vollzeit arbeitende Alleinerziehende und Eltern mit stark gegensätzlichen Arbeitszeitkonstellationen (überlange Vollzeit des Vaters/Teilzeit der Mutter) dürften von Zeitdruck betroffen sein. "Die zeitliche Alltagsrealität in diesem beträchtlichen Teil von Familien mit Zeitnot findet bisher zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit", so die WSI-Studie.

Eckpunkte für ein modernes Arbeitszeitkonzept. Als Ausweg aus dem bestehenden Arbeitszeitdilemma plädieren die Autorinnen für ein erneuertes, familien- und gleichstellungsorientiertes Arbeitszeitkonzept.

Im Mittelpunkt: Die männlich geprägte Normalarbeitszeit auf den Prüfstand zu stellen und die lebenslange, immer gleich lange Vollzeit durch "ein Menü unterschiedlich langer Vollzeitstandards" für bestimmte Lebensphasen zu ersetzen. Betriebe und Politik müssen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Fürsorgeverpflichtungen als neue Norm anerkennen und Abschied nehmen vom gängigen Bild des "sorgelosen Arbeitnehmers", der weitgehend entlastet von Fürsorgearbeit jederzeit zur Verfügung steht. Zugleich raten die Wissenschaftlerinnen, die Anreize für eine partnerschaftlich egalitäre Arbeitszeitverteilung zu verbessern. Aufgreifen ließe sich ein Vorschlag aus Schweden: eine subventionierte Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern und Vätern um fünf Stunden pro Woche. Den vollen steuerlichen Vorteil soll es nur dann geben, wenn beide Eltern die Absenkung nutzen.


Quellen

Christina Klenner ist Referatsleiterin im WSI, Svenja Pfahl Forscherin im Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer, Berlin.

Christina Klenner, Svenja Pfahl: Jenseits von Zeitnot und Karriereverzicht - Wege aus dem Arbeitszeitdilemma. Analyse der Arbeitszeiten von Müttern, Vätern und Pflegenden und Umrisse eines Konzeptes (pdf), WSI-Diskussionspapier Nr. 158, Januar 2008


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