Böckler Impuls Ausgabe 02/2019

Studium

Was ein dualer Abschluss wert ist

Ein duales Studium erleichtert den Berufseinstieg. An einheitlichen Standards für das Lernen im Betrieb hapert es allerdings.

Was ein dualer Abschluss wert ist

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Immer mehr Studierende verbringen die Zeit zwischen den Vorlesungen auch an der Werkbank oder im Büro: Im Rahmen eines dualen Studiums lernen sie parallel zur akademischen Ausbildung die betriebliche Praxis kennen. Was solche Studiengänge den Teilnehmern bringen, haben Sirikit Krone, Iris Nieding und Monique Ratermann-Busse vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Ihrer Analyse zufolge fällt der Übergang in den Beruf Absolventen dualer Studiengänge generell leichter als Bewerbern mit einem herkömmlichen Bachelor. Was die Rahmenbedingungen in den Ausbildungsbetrieben angeht, gibt es zum Teil allerdings erhebliche Unterschiede. Hier wären nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen gesetzliche oder tarifliche Vorgaben hilfreich.

Krone und ihre Kolleginnen haben 2015 knapp 9300 dual Studierende online befragt. Gut 2300 dieser Studierenden haben 2017 – und damit nach Abschluss und Berufseinstieg – erneut an einer Befragung teilgenommen. Zusätzlich wurden im Rahmen betrieblicher Fallstudien ausführliche Interviews mit Personalverantwortlichen sowie Mitgliedern von Betriebsräten und Ausbildungsvertretungen geführt.

Von den Befragten waren 30 Prozent in „ausbildungsintegrierenden“ Studiengängen eingeschrieben, die das Hochschulstudium mit einer Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule verknüpfen. Die übrigen 70 Prozent hatten sich für „praxisintegrierende“ Formate entschieden, bei denen das Studium mit betrieblichen Praxisphasen verzahnt, aber nicht mit einer Abschlussprüfung in einem Ausbildungsberuf verbunden ist. Einen „Ausbildungsvertrag“ mit dem beteiligten Unternehmen hatten 62 Prozent abgeschlossen, auch ein großer Teil derjenigen, die keine Berufsausbildung im engeren Sinne absolviert haben. Für etwa ein Drittel galten Studienverträge. Seltener waren Praktikums- oder  Werkverträge. Wer im öffentlichen Dienst oder bei der Bundeswehr dual studiert, ist in der Regel Beamter auf Widerruf. Die Autorinnen plädieren in diesem Zusammenhang dafür, die Vertragsstrukturen per Gesetz zu vereinheitlichen. 
Was ein dualer Abschluss wert ist - Teil 2

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Die Vielfalt bei den Verträgen geht der Studie zufolge mit systematischen Unterschieden bei der Einbindung in betriebliche Arbeitsprozesse einher: Teilnehmer ausbildungsintegrierender Studiengänge mit gesetzlich geregelten Ausbildungsverträgen durchlaufen diverse Abteilungen. Hier gelten die Vorgaben des Ausbildungsrahmenplans. Unternehmen, die im Rahmen praxisintegrierender Studiengänge ausbilden, haben bei der Gestaltung der Praxisphasen dagegen weitgehend freie Hand. Da kann es auch vorkommen, dass Studierende von Beginn an auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld festgelegt sind. Die IAQ-Forscherinnen sehen das kritisch: Dem Durchlaufen verschiedener Einsatzfelder und Bereiche bescheinigen die Befragten den größten Nutzen für die Karriere.

Der Berufseinstieg sei ähnlich wie die Studiengänge selbst wenig standardisiert, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Weit verbreitet sind ihrer Analyse zufolge Übernahmeregelungen, teilweise mit Bindungsklauseln, die schon während des Studiums vereinbart werden. Nur 20 Prozent der Befragten geben an, dass es entsprechende Absprachen gar nicht gab. Für fast ein Fünftel war bereits vor dem Abschluss eine konkrete Einstiegsposition vorgesehen, bei etwa einem Drittel war die Übernahme an Voraussetzungen wie beispielsweise einen bestimmten Notenschnitt gebunden.
Was ein dualer Abschluss wert ist - Teil 3

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Tatsächlich sind zwei Drittel der Befragten nach dem dualen Studium ihrem Ausbildungsbetrieb treu geblieben. Die übrigen Absolventen sind größtenteils bei anderen Betrieben untergekommen, ein Viertel von ihnen hat ein Masterstudium aufgenommen, nur drei Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung arbeitslos. Akademiker mit dualen Abschlüssen stehen damit deutlich besser da als diejenigen mit „normalem“ Bachelor, bei denen die Arbeitslosenquote anderthalb Jahre nach dem Studium sechs Prozent beträgt. Das gilt auch in anderer Hinsicht: In Vollzeit arbeiten 93 Prozent der Absolventen dualer Studiengänge, beim regulären Bachelor sind es 80 Prozent. Eine unbefristete Stelle ergattern nach dem dualen Studium drei Viertel der Berufseinsteiger, nach dem regulären Fachhochschulstudium die Hälfte, nach der Uni ein Drittel.

Beim Einkommen können die IAQ-Mitarbeiterinnen hingegen keine auffälligen Unterschiede ausmachen: Nach anderthalb Jahren verdienen Akademiker unabhängig von ihrem Abschluss  zu etwa 70 Prozent zwischen 2000 und 4000 Euro brutto. Im Hinblick auf die hierarchische Position erleben Absolventen dualer Studiengänge offenbar regelmäßig Enttäuschungen: 69 Prozent fangen als einfache Angestellte ohne Führungsverantwortung an, obwohl das nur ein Viertel so geplant hatte. Für dieses Missverhältnis machen die interviewten Unternehmensvertreter und Betriebsräte auch die Informationspolitik vieler Hochschulen verantwortlich, die gern mit guten Karriereaussichten für ihre Studiengänge werben. Immerhin verdoppelt sich der Anteil der Chefs unter den Absolventen nach anderthalb Jahren. 

Auch mit der Rolle der betrieblichen Mitbestimmung haben sich die Forscherinnen auseinandergesetzt. Demnach kümmern sich Betriebsräte regelmäßig um Themen wie die Vertragsgestaltung, die Vergütung und Kostenübernahmen sowie Regelungen zur Übernahme nach dem Abschluss. Auch an Bewerbungsverfahren sind sie üblicherweise beteiligt. Wünschenswert wäre es nach Ansicht der Autorinnen allerdings, Arbeitnehmervertreter bereits an der Planung dualer Studiengänge mitwirken zu lassen. 

Quelle

Sirikit Krone, Iris Nieding, Monique Ratermann-Busse: Dual studieren – und dann? ­ Eine empirische Studie zum Übergangsprozess Studium-Beruf dualer Studienabsolvent/innen (pdf), Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 413, Januar 2019

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