Böckler Impuls Ausgabe 12/2017

Vermögen

Erbschaften größer als bislang erwartet

In den kommenden Jahren wird erheblich mehr vererbt als bisher angenommen. Die Politik sollte über eine Reform der Erbschaftssteuer nachdenken.

Erbschaften größer als bislang erwartet

Download (jpg)

Die Nachkriegsgenerationen konnten in Deutschland über Jahrzehnte hinweg große Vermögen aufbauen, die sie in den nächsten Jahren an die Nachkommen vererben werden. Die Summen, um die es dabei geht, dürften deutlich höher sein als bislang angenommen. Das zeigt eine Studie, die Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und WSI-Expertin Anita Tiefensee im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung erstellt haben.

Die Wissenschaftler haben – anders als bei früheren Untersuchungen – nicht nur auf den aktuellen Vermögensbestand geschaut, sondern erstmalig eingerechnet, wie sich Wertsteigerungen und regelmäßiges Sparen in den kommenden Jahren auf die zu erwartenden Erbschaften auswirken. Ergebnis: Im Zeitraum bis 2027 wird das jährliche Erbvolumen in Deutschland inklusive Schenkungen bis zu 400 Milliarden Euro betragen. Damit fällt es etwa 28 Prozent größer aus als in früheren Analysen geschätzt. Die Datengrundlagen für die Vorausberechnung bilden das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) mit dem Erhebungsjahr 2012 und die Sterbetafeln 2010/2012 des Statistischen Bundesamtes.

Amtliche Statistiken darüber, wie viel genau vererbt oder verschenkt wird, existieren nicht. Das Statistische Bundesamt weist nur die steuerlich veranlagten Fälle aus, während über das Gros der Erbfälle nichts bekannt ist. Auch zur Höhe der Übertragungen an steuerlich begünstigte Organisationen – beispielsweise Kirchen, Parteien oder gemeinnützige Organisationen – liegen in Deutschland keine Informationen vor. Ermitteln lässt sich die Höhe des Erbvolumens daher nur über einen Umweg – indem man das Vermögen der potenziellen Erblasser betrachtet und anhand dessen auf die künftigen Erbschaften schließt.

Die Forscher konzentrieren sich auf Personen ab 70 Jahren in Deutschland, da ab diesem Alter die Sterbewahrscheinlichkeit deutlich zunimmt. Das Vermögen, das die über 70-Jährigen vererben werden, beträgt aktuell 1,3 Billionen Euro. Unter der Annahme, dass die Menschen in ihrer noch verbleibenden Lebenszeit weiter so sparen wie zuvor, erhöht sich das Vermögen der Studie zufolge bis 2027 auf 1,46 Billionen Euro. Nimmt man außerdem eine Wertsteigerung von jährlich zwei Prozent an, wächst das Vermögen sogar auf 1,68 Billionen Euro.

Wer bereits über ein großes Vermögen verfügt, kann mit größeren Zuwächsen rechnen und entsprechend mehr an seine Nachkommen vererben. Die im Einzelnen zu erwartenden Erbschaften betragen laut Studie im Mittel rund 79.500 Euro – im obersten Fünftel der Verteilung gut 248.000 Euro, im untersten Fünftel 12.000 Euro.

Ob sich aus dem steigenden Erbvolumen deutlich höhere Steuereinnahmen ergeben, sei fraglich, schreiben Grabka und Tiefensee. Die Mehrzahl der Erbschaften könne aufgrund hoher Freibeträge steuerfrei übertragen werden. Das gelte auch für sehr große Vermögen, die als Betriebsvermögen weitgehend steuerfrei bleiben. Die Politik sollte diese Praxis im Sinne der Chancengleichheit überdenken, raten die Forscher. Zudem sollten Erbschaften und Schenkungen statistisch besser erfasst werden. Einbezogen werden sollten sämtliche Fälle, auch wenn es zu keiner Steuerveranlagung kommt, so Grabka und Tiefensee. Die Öffentlichkeit würde dadurch genauere Informationen über Erbschaften in Deutschland erhalten.

Quelle

Anita Tiefensee, Markus M. Grabka: Das Erbvolumen in Deutschland dürfte vermutlich gut ein Viertel größer sein als bisher angenommen (pdf), DIW-Wochenbericht 27/2017