Böckler Impuls Ausgabe 10/2017

Soziales

Kinderarmut weiter gestiegen

Amtliche Daten liegen noch nicht vor, doch bereits jetzt ist klar: Die Kinderarmut hat im vergangenen Jahr zugenommen.

Kinderarmut weiter gestiegen

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Die starke Einwanderung, insbesondere von Flüchtlingen, im Jahr 2015 wird sich in der Armutsstatistik für das Jahr 2016 durch einen weiteren Anstieg der Kinderarmut in Deutschland bemerkbar machen. Das zeigt eine aktuelle Vorausberechnung des WSI. Die amtlichen Daten für 2016 liegen noch nicht vor, die WSI-Berechnungen ergeben aber, dass über 150.000 Einwandererkinder als armutsgefährdet in die 2016er-Statistik eingehen werden, die bislang noch nicht erfasst waren. Gleichzeitig dürfte die Zahl der von Armut betroffenen einheimischen Minderjährigen – mit und ohne Migrationshintergrund – aufgrund des moderaten wirtschaftlichen Aufschwungs um 72.000 niedriger ausfallen als 2015. Per Saldo ist die Armut unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland gegenüber dem Vorjahr demnach um rund 82.000 auf 2.629.000 Personen angestiegen. So ergibt sich für 2016 eine Zunahme der Kinderarmutsquote um 0,5 Prozentpunkte auf 20,2 Prozent.

Weitere Berechnungen zeigen, dass das Armutsrisiko von Kindern, die mit ihren Eltern oder allein in die Bundesrepublik eingewandert sind, um knapp 10 Prozentpunkte auf über 58 Prozent angestiegen sein dürfte. Damit erhöht sich zugleich der Anteil der Einwandererkinder unter den armen Kindern. Da Einwandererfamilien durchschnittlich mehr Kinder haben als einheimische Haushalte, ist damit zu rechnen, dass sich der Wiederanstieg der Armut unter kinderreichen Familien in der Statistik für 2016 fortsetzen wird.

Für den WSI-Forscher Eric Seils ergeben sich daraus drei Konsequenzen für eine Politik zur Armutsbekämpfung:

  • Erstens mache die steigende Kinderarmut deutlich, dass die Anstrengungen in der Armutspolitik und die damit verbundenen Aufwendungen nicht nachlassen dürfen. Selbst wenn die Kinderarmut in den kommenden Jahren wieder etwas sinken wird, sei das „kein Grund zur Entwarnung“, sagt Seils. „Wenn wir die jugendlichen Einwanderer heute nicht ausreichend qualifizieren, werden sie als junge Erwachsene unter den armen Erwerbstätigen oder Arbeitslosen wieder auftauchen.“ Hier biete sich die Chance, künftige Armut durch die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen zu vermeiden.
  • Zweitens sei der steigende Anteil der Einwandererkinder unter den armen Minderjährigen zu beachten. Ein wichtiger Aspekt der Kinderarmutspolitik der kommenden Jahre werde darin bestehen müssen, die eingewanderten Eltern und insbesondere Mütter zu befähigen, Arbeit zu Konditionen und Löhnen zu finden, die es ihnen ermöglicht, ihre Familien selbst über die Runden zu bringen.
  • Schließlich dürften die einheimischen Kinder bei aller Aufmerksamkeit für die Einwanderer nicht vergessen werden. „Trotz Rekordbeschäftigung hat sich das Armutsrisiko der einheimischen Kinder nur wenig verringert“, so Seils.