Böckler Impuls Ausgabe 04/2014

Verteilung

Vermögen: Jeder Vierte hat nichts

Die Vermögen in Deutschland sind weiterhin sehr ungleich verteilt. Wer zum reichsten Zehntel gehört, besitzt nach Abzug aller Schulden mindestens 217.000 Euro. Über ein Viertel der Bevölkerung hat dagegen netto nichts oder ist sogar im Minus. Auch mit Blick auf die Altersvorsorge ist das bedenklich.

Auf den privaten Reichtum in Deutschland scheint sich die Finanzkrise nicht nennenswert ausgewirkt zu haben: Das durchschnittliche individuelle Nettovermögen ist seit zehn Jahren weitgehend unverändert – und die Ungleichheit auf konstant hohem Niveau. Das zeigt eine Analyse von Markus M. Grabka und Christian Westermeier vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), welche die Hans-Böckler-Stiftung gefördert hat. Die Forscher haben die neuesten Daten des Sozio-oekonomischen Panels zur Vermögenssituation der erwachsenen Bevölkerung ausgewertet.

Den Berechnungen zufolge besaßen die privaten Haushalte 2012 brutto rund 7,4 Billionen Euro, etwa 500 Milliarden mehr als 2002. Abzüglich aller Verbindlichkeiten ergibt sich ein Nettovermögen von insgesamt 6,3 Billionen Euro. Pro Erwachsenen waren das 83.000 Euro. Der Median, also der Wert, der die reichsten 50 Prozent von den ärmsten teilt, lag dagegen nur bei 17.000 Euro – ein Indiz für erhebliche Ungleichheit. Um zum reichsten Zehntel zu gehören, musste man 2012 mindestens 217.000 Euro sein Eigen nennen. Gut ein Fünftel aller Erwachsenen kam dagegen netto auf Null, bei weiteren 7 Prozent waren die Schulden höher als das Vermögen.

Als Maß für die Ungleichheit der Vermögensverteilung haben Grabka und Westermeier den Gini-Koeffizienten berechnet. Je höher dieser Koeffizient, desto größer die gemessene Ungleichheit. Mit 0,78 befand sich der deutsche Wert 2012 auch im internationalen Vergleich „auf einem hohen Niveau“, stellen die DIW-Wissenschaftler fest. Deutlich darunter lagen etwa Frankreich mit 0,68, Italien mit 0,61 oder die Slowakei mit 0,45. Gegenüber den Jahren 2002 und 2007 hat sich an der Vermögensungleichheit in Deutschland kaum etwas geändert.

Auch die Struktur der Privatvermögen haben die Forscher untersucht. Demnach besaßen im Jahr 2012 knapp 51 Prozent der Deutschen private Versicherungen oder Bausparverträge und 47 Prozent Geldvermögen. 38 Prozent verfügten über selbst genutzte Immobilien, die durchschnittlich 141.000 Euro wert waren. Nur 4 Prozent waren dagegen im Besitz von Betriebsvermögen, das im Schnitt mit mehr als 190.000 Euro zu Buche schlug. Fast ein Drittel der Bevölkerung hatte 2012 Schulden, spürbar mehr als 2002. Insbesondere der Anteil der Personen mit Konsumentenkrediten ist deutlich gewachsen, von 12 auf 16 Prozent.

Beim privaten Reichtum gibt es laut der DIW-Studie zum Teil erhebliche Differenzen zwischen West und Ost, Männern und Frauen, Unternehmern und Beschäftigten. So war das durchschnittliche Nettovermögen der Westdeutschen 2012 mit 94.000 Euro mehr als doppelt so hoch wie das der Ostdeutschen, die nur auf 41.000 Euro kamen. Männer besaßen im Schnitt 97.000 Euro, Frauen 27.000 weniger. Azubis und Praktikanten verfügten durchschnittlich über 8.000, einfache Angestellte über 45.000 und Meister sowie qualifizierte Angestellte und Beamte im einfachen und mittleren Dienst über rund 80.000 Euro. Angestellte mit umfassenden Führungsaufgaben kamen netto auf über 209.000 Euro. Selbstständige ohne Mitarbeiter besaßen 172.000, Unternehmer mit mehr als zehn Mitarbeitern knapp eine Million Euro.

Drastische Einbußen mussten im Laufe der Zeit die Arbeitslosen hinnehmen: Im Jahr 2002 belief sich ihr durchschnittliches Nettovermögen noch auf 30.000 Euro, 2012 waren es nur noch 18.000. Laut den Autoren dürften dabei die Hartz-Gesetze eine wichtige Rolle gespielt haben, die unter anderem vorsehen, dass vor dem Bezug von Arbeitslosengeld II zunächst das Vermögen aufzubrauchen ist. Die Folge: Fast zwei Drittel der Personen ohne Job hatten 2012 unter dem Strich kein Vermögen oder sogar Schulden.

Grabka und Westermeier halten ihre Ergebnisse vor allem mit Blick auf die Altersvorsorge für problematisch. Zwar hätten immer mehr Deutsche private Versicherungen, im Schnitt seien die 2012 aber nur 19.000 Euro wert gewesen. Ob damit die Lücken in der Gesetzlichen Rente geschlossen werden können, sei fraglich – zumal auch der Anteil der Personen mit Schulden zugenommen habe. Insbesondere Ostdeutsche, warnen die Wissenschaftler, hätten drohender Altersarmut mit ihren Privatvermögen kaum etwas entgegenzusetzen.

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Quellen

Markus M. Grabka, Christian Westermeier: Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, in: DIW-Wochenbericht 9/2014.

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