Italien

Gegen das Verschwinden der Fabrik

Die fortschreitende Deindustrialisierung bedroht die Zukunft des Landes. Gewerkschaften und Arbeitgeber suchen eine gemeinsame Position gegenüber der neuen Regierung, um Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten. Von Michaela Namuth


In die Fabrik sind schon alle gekommen, auch Papst Woytila war hier“, erzählt Giancarlo Sagramola, Bürgermeister von Fabriano, einem Ort, der zwischen grünen Hügeln nahe der Adriastadt Ancona liegt. Die Fabrik ist seit 1930 der Sitz der Unternehmersfamilie Merloni, die hier und in der Umgebung seit 80 Jahren Industriewaagen, Kühlschränke, Küchenherde und Waschmaschinen produziert. Die Marken heißen Indesit und Ariston. Merloni war ein italienisches Modell. Die bäuerliche Region zwischen dem wohlhabenden Norden und dem armen Süden entwickelte sich zu einem industriellen Distrikt. Firmengründer Aristide Merloni war ein Verfechter des sozialen Fortschritts. „Wir verdienten gut, und wir arbeiteten gut. Hier gab es kaum Fehlzeiten“, sagt Fabrizio Bassotti von der Metallgewerkschaft FIOM-CGIL. Die Fabrik lieferte weiße Elektroware in die ganze Welt.

Jetzt sind die guten Zeiten auch für Fabriano vorbei. Die Fabrik entlässt ihre Leute, insgesamt 650, in die Kurzarbeitskasse CIG, die faktisch eine Arbeitslosenkasse ist. Die Herdplatten Indesit, die hier die letzten Jahre gefertigt wurden, sollen künftig in Polen oder der Türkei hergestellt werden, damit sie 100 Euro weniger kosten. Die Geschäftsleitung redet zwar davon, dass die Fabrik in ein paar Jahren wieder laufen soll. Doch dann sind die Maschinen veraltet, und das Know-how der Facharbeiter ist verloren gegangen. „Das ergibt keinen Sinn“, sagt Bürgermeister Sagramola, der mit den Bürgerinnen und Bürgern vor der Fabrik gegen die Entlassungen protestiert, die für seine Stadt den Todesstoß bedeuten.

Fabriano ist eines der jüngsten Beispiele für die fortschreitende Deindustrialisierung Italiens. Im Rest des Landes ist die Industrielandschaft schon weitgehend verödet. Allein 2012 haben nach Angaben der Gewerkschaft CGIL 104 000 Unternehmen zugemacht. Die Produktion ist auf das Niveau von 1990 zurückgefallen, das Auftragsvolumen sank um 7,9 Prozent. Nach einem Bericht der Gewerkschaft CISL sind 675 000 Industriearbeitsplätze seit 2007 verloren gegangen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt inzwischen bei über 40 Prozent und damit dicht hinter den Daten Griechenlands und Spaniens. Was Italien aber von den anderen beiden EU-Krisenländern unterscheidet, ist eine lange Industrietradition, unter anderem in der Elektro-, Textil- und Autoindustrie. Mit den Arbeitsplätzen, die derzeit gestrichen werden, schwinden auch das in Jahrzehnten angeeignete Know-how und die Chancen auf einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise.

ANNÄHERUNG DER SOZIALPARTEIEN

Deshalb wollen die Gewerkschaften und Arbeitgeber jetzt Spaltungen und Konflikte überwinden und sich an einen Tisch setzen; sie haben gemeinsame Forderungen an die Regierung. „Wir müssen etwas für die Arbeitsplätze, also auch für die Unternehmen tun. Die Zeichen für eine gemeinsame Diskussion stehen günstig“, erklärt Susanna Camusso, Chefin der größten italienischen Gewerkschaft CGIL. Damit meint sie das neue Klima im Arbeitgeberverband Confindustria. Der 2012 gewählte Präsident Giorgio Squinzi vertritt – im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die alle Großindustrielle waren – die kleinen und mittleren Unternehmen, die bis heute das Rückgrat der italienischen Wirtschaft sind. Er hat kein Problem damit, für „mehr Konzertierung in den Industriebeziehungen“ zugunsten des Erhalts von Industriearbeitsplätzen zu plädieren. Für seine beiden Vorgänger wäre dies undenkbar gewesen.

Diese Annäherung ist für viele Wirtschaftsexperten ein positives Zeichen. Es zeigt aber auch die Not, in der die Wirtschaft steckt. Italien gehörte einst zu den weltweiten Marktführern in der Chemie- und Büromaschinenindustrie. Es gab Montedison und Olivetti. Hier wurde die chemische Substanz für die ersten Plastikmöbel entwickelt und eine der best designten Reiseschreibmaschinen der Welt erfunden. Doch der Niedergang der italienischen Industrie ist nicht nur das Resultat der aktuellen Wirtschaftskrise. Er hat nach Meinung des Soziologen Luciano Gallino bereits in den 1960er Jahren begonnen und wurde systematisch betrieben von „Unternehmern, Managern, Politikern und ihren Wirtschaftsberatern“, wie er in seinem Buch „Das Verschwinden der italienischen Industrie“ schreibt. Gallino zählt folgende Ursachen auf: die Diversifizierung der Unternehmen durch die Manager, die das Kerngeschäft aus den Augen verloren haben; eine Unternehmerkultur, für die die Industrie ein unangenehmes Anhängsel der weit lukrativeren Finanzgeschäfte ist; Organisationsmodelle, die auf billige, unqualifizierte Arbeitskräfte setzen sowie mangelnde Investitionen in Forschung und Innovation – seitens der Unternehmen wie der Politik.

Dazu kommen jüngst zwei weitere Faktoren: die massive Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer, vor allem durch die Unternehmer des einst hochgelobten Nordostens des Landes und die teuren, für viele Kleinunternehmen oft unerreichbaren Bankkredite, deren Kosten durch den EU-Finanzausgleich, vor allem aber durch Korruption und Mafia in die Höhe getrieben werden. Über die Kosten der Kriminalität hat EZB-Präsident Mario Draghi 2009, als er noch Chef der italienischen Notenbank war, eine Studie anfertigen lassen. Das Ergebnis: In Gegenden mit hoher Kriminalität zahlen die Unternehmen rund 30 Prozentpunkte mehr Zinsen als anderswo. Das Phänomen breitet sich in Italien aus wie die Mafia.

HISTORISCHER MOMENT

Die im April gewählte Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta, eine Art große Koalition aus Sozialdemokraten und der Partei Berlusconis, hat sich dieser Probleme bislang nicht angenommen. „Das Regierungsdekret enthält kleine positive Signale, ist aber nicht der große Wurf, den das Land in Sachen Arbeit und Steuern dringend nötig hätte“, kommentiert CGIL-Chefin Camusso vorsichtig.

Um mehr zu bewegen, haben die Sozialparteien jetzt einen weiteren Schritt aufeinander zu getan. Im Juni einigten sich die Gewerkschaftsbünde CGIL, CISL und UIL, die in den vergangenen Jahren nur selten gemeinsame Vereinbarungen unterzeichnet haben, auf ein Abkommen mit dem Arbeitgeberverband, das die gewerkschaftliche Vertretung (RSU) in den Unternehmen regelt. Das Abkommen enthält außerdem zum ersten Mal in der Geschichte der italienischen Industriebeziehungen eine formale Vereinbarung über die Gültigkeit von nationalen Tarifverträgen, die von beiden Parteien anerkannt wird. Beobachter sehen in dem Abkommen die Grundlage für eine konzertierte Aktion. Alle Beteiligten sprechen von einem „historischen Moment“. Sogar Maurizio Landini, Vorsitzender der kämpferischen Metallergewerkschaft CGIL-FIOM, die vom Dialog mit den Arbeitgebern sonst wenig hält, urteilt positiv. „Ich erkenne an, dass Giorgio Squinzi ein Abkommen unterzeichnet hat, das gemeinsame Beschlüsse und somit neue demokratische Regeln festlegt“, so Landini. Eines ist sicher: Die Ära Berlusconis, der von Anfang an auf die Spaltung und Schwächung der Gewerkschaften setzte, geht zu Ende.

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