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80 Jahre WSI: 80 Jahre Forschung für eine faire Arbeitswelt

Arbeitszeit, Sozialstaat, Demokratie: Beim Jubiläum des WSI wurde deutlich, wie eng wissenschaftliche Forschung und gewerkschaftliche Praxis miteinander verbunden sind. Und warum kritische Wissenschaft gerade dann besonders wertvoll ist, wenn sie nicht immer bequem ist.

[28.07.2026]

Von Jeannette Goddar 

In Berlin kursieren erste Reformentwürfe unter anderem zur Arbeitszeit, als Bärbel Bas das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) als „Wegweiser, aber auch als Impulsgeber“ würdigt. „Die Politik kann sich auf Institute verlassen, die nicht nur Fakten und Zahlen liefern, sondern auch eine Haltung haben“, sagt die Bundesarbeitsministerin. Gefragt, zu welchem Thema sie sich mehr Forschung wünsche, kommt die Antwort ohne Zögern: „Arbeitszeit“. 

Es ist der 24. Juni. Rund 180 geladene Gäste sind in den Berliner Spreespeicher gekommen, um den 80. Geburtstag des WSI zu feiern. Wissenschaftler*innen, Gewerkschafter*innen, Politiker*innen sowie langjährige Wegbegleiter*innen quittieren Bärbel Bas Satz mit zustimmendem Lachen. Nicht so die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi. „Dazu wurde genug geforscht“, kontert sie in ihrer Rede. „Finger weg vom Arbeitszeitgesetz!“ 

Der Schlagabtausch hätte nicht besser zum Anlass des Tages passen können: Seit acht Jahrzehnten liefert das WSI die empirische Grundlage für genau jene politischen Auseinandersetzungen, die an diesem Nachmittag auf der Bühne sichtbar werden. Mit klarer Perspektive, aber wissenschaftlich unabhängig – so beschreibt Direktorin Bettina Kohlrausch den Anspruch des Instituts: „Wir machen arbeitnehmer*innenorientierte Forschung.“ 

Zur Begrüßung spannt sie den Bogen von den Anfängen bis heute. Nach den Erfahrungen von Weimarer Republik und Nationalsozialismus sei für Hans Böckler klar gewesen, dass Interessenvertretung allein nicht ausreiche. Wer Gesellschaft gestalten wolle, brauche Wissen. Gewerkschaftspolitik müsse deshalb wissenschaftlich fundiert sein. Deswegen knüpften Böckler und der Ko-Initiator Viktor Agartz bewusst an eine bereits bestehende Tradition der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Wissenschaft an. 

Bärbel Bas Arbeitsministerin am Podium

Bescheidene Anfänge

Die Anfänge waren bescheiden. Als 1948 die erste Ausgabe der WSI-Mitteilungen erschien, dokumentierte sie vor allem Preise, Löhne und Versorgungsdaten in den Besatzungszonen. Doch schon 1954 kam das WSI-Tarifarchiv hinzu, bis heute die zentrale Dokumentationsstelle für Tarifpolitik in Deutschland. Seit 1997 spürt die zweijährliche Betriebsrätebefragung der Realität in deutschen Betrieben und insbesondere dem Stand der Mitbestimmung nach. Seit 2020 begleitet das WSI politische und gesellschaftliche Debatten mit aktuellen Daten zu Arbeits- und Lebensbedingungen aus der Erwerbspersonenbefragung. Das Selbstverständnis des Instituts hat sich dabei nicht verändert. „Wir liefern Fakten für eine faire Arbeitswelt“, zitierte Kohlrausch einen alten Leitspruch der Hans-Böckler-Stiftung.  

Auch richtet sich der Blick längst nicht mehr nur auf Tarifpolitik und Mitbestimmung. Geschlechtergerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt gehören zu den Schwerpunkten, seit 2025 auch ein eigener Forschungsbereich „Arbeit und Demokratie“. Dass beides zusammengehört, ist für Kohlrausch selbstverständlich: „Wir sehen, wie Menschen eine Krise nach der anderen bewältigen. Das sägt an dem Fundament einer demokratischen Gesellschaft.“ Wer dauerhaft Unsicherheit, Kontrollverlust oder mangelnde Anerkennung im Arbeitsleben erfahre, verliere auch Vertrauen in politische Institutionen. Deshalb sei die Frage aktueller denn je, „wie man Arbeit demokratisch organisieren kann“. 

Bettina Kohlrausch Eröffnung 80 Jahre WSI Jubiläum

Nicht immer konfliktfrei

Wie notwendig diese Forschung ist, machte Yasmin Fahimi deutlich. Die DGB-Vorsitzende zeichnete das Bild einer Gesellschaft unter dem Druck multipler Krisen: geopolitische Konflikte, soziale Ungleichheit, technologische Umbrüche und eine zunehmende Konzentration wirtschaftlicher Macht. Mit Blick auf große Technologiekonzerne sprach sie von einer neuen Qualität ökonomischer Dominanz. Gewerkschaften würden ausgegrenzt, Tarifbindung verhindert und Mitbestimmung als Hindernis betrachtet. „Wir erleben eine massiv neue Denkweise und Radikalisierung des Kapitalismus.“ Entsprechend scharf kritisierte Fahimi die aktuelle Debatte über Sozialstaat und Arbeitnehmer*innenrechte. „Seit zweieinhalb Jahren vergeht quasi keine Woche, in der wir nicht mit dem Abbau von Schutzrechten konfrontiert werden.“ Die umlagefinanzierte Rente sei weit mehr als eine Versicherung. „Rentenpolitik ist eben nicht einfach nur Demografie und Mathematik“, erklärte sie in Anspielung auf Friedrich Merz’ Auftritt beim DGB-Bundeskongress im Mai, „sondern eine Frage der Gerechtigkeit und der gesellschaftlichen Verabredung.“ 

Dass wissenschaftliche Arbeit eigenen Regeln folgt und nicht automatisch mit politischen Positionen übereinstimmt, wurde in einer Diskussionsrunde mit Heide Pfarr deutlich, die das WSI von 1995 bis 2011 leitete. Nicht immer sei das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Institut konfliktfrei gewesen, erzählte sie, Als Beispiel nannte sie die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Lange bevor dieser in den 2010er-Jahren mehrheitsfähig wurde, hatten WSI-Forscher*innen die empirische Grundlage für die Debatte geliefert – und mussten damit nicht nur Kritiker außerhalb der Gewerkschaften überzeugen. „Mindestlohn können wir ohne das WSI nicht denken“, sagt Pfarr.

Yasmin Fahimi spricht in einer Podiumsrunde des WSI-Jubliäums 80 Jahre WSI

Unabhängigkeit bleibt entscheidend

Heute sei das Verhältnis deutlich entspannter, erklärte Fahimi. Sie könne sich kaum an Konflikte erinnern. Im Gegenteil: Häufig trügen die Gewerkschaften selbst neue Entwicklungen an das Institut heran und bäten um wissenschaftliche Einordnung, nach dem Motto: „Da bricht etwas auf, von dem wir noch nicht so genau wissen, was es bedeutet. Das müsst ihr euch mal genauer anschauen.“  

Genau darin liegt für Kohlrausch der Mehrwert arbeitnehmer*innenorientierter Forschung. Der Austausch eröffne Perspektiven, zu denen die Wissenschaft allein nicht komme. „Ich finde es sehr hilfreich, auf diesen Datenwust, den wir oft vor uns haben, mit Menschen zu schauen, die nicht nur forschen, sondern die Praxis aus erster Hand kennen.“ Entscheidend bleibe jedoch die wissenschaftliche Unabhängigkeit. „In dem Moment, in dem wir sie verlieren, können wir auch für die Gewerkschaften nicht mehr von Wert sein.“ 

Auch die Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, Claudia Bogedan, betonte diesen Anspruch. Wissenschaftliche Offenheit sei die Voraussetzung dafür, dass Forschung überhaupt politisch wirksam werden könne.

WSI Gruppenfoto zum 80. Jubiläum

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