Systemrelevant Podcast: Umverteilung unter Druck: Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Mehr Schulden für Verteidigung, mehr Druck auf den Sozialstaat, mehr Streit über Investitionen: Auf dem IMK Forum wurde deutlich, warum sich die eigentliche Debatte nicht ums Sparen dreht – sondern um die Frage, welche Wirtschaft Deutschland künftig haben möchte.
[09.06.2026]
Deutschland diskutiert wieder über Geld. Genauer: darüber, wofür es ausgegeben wird – und wer am Ende die Rechnung trägt. Dahinter steht jedoch eine größere Frage: Wie viel Staat braucht wirtschaftlicher Erfolg? Und was passiert, wenn Investitionen gegen soziale Sicherheit ausgespielt werden?
Im Podcast geht es um das IMK Forum 2026 und um die Folgen der Reformen rund um Schuldenbremse, Sondervermögen und Verteidigungsausgaben. Sebastian Dullien, Direktor des IMK, beschreibt das Forum als einen Ort, an dem nicht nur über Haushaltsregeln gesprochen wurde, sondern über die grundsätzliche Ausrichtung der Wirtschaftspolitik
Ein zentraler Gedanke zieht sich durch das Gespräch: Wachstum entsteht nicht automatisch durch Kürzungen. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi formuliert es beim unserem Forum deutlich: „Wir werden durch Reformvorschläge, die in Wahrheit reine Leistungskürzungskataloge und -programme sind, kein Wirtschaftswachstum generieren. Das ist in sich unlogisch.“ Für Fahimi reicht es nicht, darauf zu vertrauen, dass „der Markt das regelt“. Staatliches Handeln bleibe ein zentraler Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft.
Daran knüpft Sebastian Dullien an. Wirtschaftliches Wachstum entstehe nicht automatisch durch niedrigere Kosten oder einen schwächeren Sozialstaat. Gute Infrastruktur, funktionierender Wettbewerb und ein handlungsfähiger Staat seien ebenso entscheidend. Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Debatte längst über finanzpolitische Fragen hinausgeht: „Es geht hier um die Verfasstheit unserer Wirtschaft und dann am Ende über die Verfasstheit unserer Gesellschaft“.
Konkret wird die Diskussion bei der Frage, wie die Rechnung bezahlt werden soll. Die Bundesregierung setzt auf Einsparungen, Reformen bei den Sozialversicherungen und zusätzliche Einnahmen. Dullien beschreibt indirekt die Konsequenz: Wenn Beiträge nicht steigen sollen, bleiben häufig nur geringere Leistungen.
Besonders kritisch bewertet er die Entwicklung bei den Verteidigungsausgaben. Nicht das Sondervermögen für Infrastruktur sei langfristig das größte Risiko für die Staatsfinanzen, sondern die dauerhaft ausgeweitete Kreditaufnahme für Verteidigung. Dullien sagt: „Wenn wir der Meinung sind, dass wir so viel für Verteidigung ausgeben müssen und auf Dauer, dann muss irgendjemand mehr bezahlen oder weniger bekommen.“
Im weiteren Verlauf der Folge bleib die Frage: Wofür wird Geld ausgegeben und nach welchen Prioritäten. Am Ende steht auch ein Gedanke von Pippa Kolmer (Direktorin von Fiscal Future), zusammengefasst sagt sie auf dem diesjährigen IMK Forum: Investitionen brauchen Zeit. Entscheidend ist, dass Öffentlichkeit und Politik kontrollieren, ob das Geld tatsächlich dort ankommt, wo Fortschritt entstehen soll.
[Moderation: Marco Herack]
Alle Informationen zum Podcast
In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
Systemrelevant hören / abonnieren:
Sebastian Dullien auf Bluesky & auf LinkedIn
Ernesto Klengel auf LinkedIn
Bettina Kohlrausch auf Bluesky & auf LinkedIn
Daniel Hay auf LinkedIn
Christina Schildmann auf LinkedIn