80 Jahre WSI: Demokratie braucht Wissen
Vor achtzig Jahren aus der Idee entstanden, Gewerkschaften mit fundiertem Wissen zu stärken, liefert das WSI auch heute Orientierung in bewegten Zeiten. Warum ihr Auftrag wichtiger denn je ist, beschreibt Bettina Kohlrausch.
[22.06.2026]
Von Bettina Kohlrausch
Wie bleibt eine Gesellschaft in Zeiten rasanter Veränderungen handlungsfähig? Eine Antwort darauf beginnt mit Wissen. Wissen mit dem Bestreben, wissenschaftliche Erkenntnisse für gesellschaftliche Debatten beizusteuern.
Vor 80 Jahren legten Hans Böckler und Viktor Agartz den Grundstein für das heutige Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut – kurz: WSI. Ihre Idee war klar: Gewerkschaften brauchen eine wissenschaftliche Basis, um ihre wirtschafts- und gesellschaftspolitische Handlungsfähigkeit zu stärken. Dieser Auftrag ist auch heute noch von großer Bedeutung. Denn auch wenn sich die Themen und Rahmenbedingungen verändert haben, ist der Anspruch geblieben. Von der Zeit der Nachkriegsgesellschaft bis hin zur durch Polykrisen geprägten Gegenwart steht das WSI für fundierte Analysen, die Orientierung geben – mit einer klaren normativen Orientierung und einem hohen wissenschaftlichen Anspruch
Arbeitsbeziehungen, Tarifpolitik und Mitbestimmung im Betrieb zählen weiterhin zu den zentralen Forschungsfeldern des Instituts. Zugleich ist das Themenspektrum gewachsen: Soziale Ungleichheit, Geschlechtergerechtigkeit oder die Zukunft des Sozialstaats sind längst feste Bestandteile der Arbeit des WSI. Gerade diese Verbindung von Kontinuität und Wandel ist eine seiner größten Stärken. Sie ermöglicht, langfristige Entwicklungen zu verstehen und neue Herausforderungen frühzeitig in den Blick zu nehmen.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Verbindung im Konzept der Wirtschaftsdemokratie. Aus den Erfahrungen von Diktatur und Krieg entstand die Einsicht, dass politische Demokratie ohne demokratische Strukturen in der Wirtschaft unvollständig bleibt. Der Gedanke, dass Menschen nicht „vor dem Werkstor Bürger und dahinter Untertanen“ sein können, hat nichts an Relevanz verloren – im Gegenteil. In Zeiten tiefgreifender Transformationen, von Digitalisierung bis Dekarbonisierung, stellt sich die Frage nach demokratischer Teilhabe in der Arbeitswelt mit neuer, wachsender Dringlichkeit.
Gleichzeitig steht auch die Demokratie insgesamt unter Druck. Umso wichtiger sind Institutionen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich aufbereiten und in gesellschaftliche Debatten einbringen. Das WSI hat diesen Anspruch in den vergangenen Jahren bewusst gestärkt – auch mit neuen Formaten der Wissenschaftskommunikation und Kooperationen mit kulturellen Einrichtungen, die den Dialog mit einer breiten Öffentlichkeit fördern.
Gerade in einer Zeit, die oft als Polykrise beschrieben wird, braucht es Orte, die Orientierung schaffen. Unabhängige, fundierte und gesellschaftlich relevante Forschung wird mehr denn je gebraucht.
Mit 80 Jahren Erfahrung im Rücken ist das WSI gut aufgestellt. Entscheidend bleibt, die eigenen Wurzeln nicht aus dem Blick zu verlieren – und gleichzeitig den Mut zu haben, neue Wege zu gehen sowie weitere Brücken zu schlagen: zwischen Wissenschaft und Praxis, Analysen und politischer Gestaltung.
Prof. Dr. Bettina Kohlrausch ist die Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung.
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