Praxistipp: Wandel als Chance
Das Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung wertet regelmäßig Betriebs- und Dienstvereinbarungen aus und veröffentlicht Themenmodule zu aktuellen Fragen der Arbeit von Interessenvertretungen. Mit der Reihe „Praxistipp“ stellen wir in jeder Ausgabe eine Auswertung oder Veröffentlichung vor.
Das I.M.U. gibt Erfahrungen weiter, etwa indem es analysiert, wie Betriebsratsgründungen ablaufen. Ende vergangenen Jahres hat das Institut zwei unterschiedliche Beispiele veröffentlicht.
Die Schön Klinik Group betreibt in Deutschland Krankenhäuser an 14 Standorten und 47 Ambulanzen. Als die Gruppe alle nicht-medizinischen Teile an eine Holding ausgliederte, geriet die etablierte Mitbestimmung zunächst unter Druck, denn an jedem Standort wurde ein Teil der Belegschaft in ein anderes Unternehmen überführt. Dadurch verkleinerten sich die Betriebsratsgremien. Doch die Akteure erkannten in der Bedrohung auch eine Chance. Sie nutzten die Übergangsphase des Unternehmens, um endlich einen Gesamtbetriebsrat (GBR) zu gründen. Dabei ließen sie sich juristisch beraten. Nach nur sechs Monaten stand der GBR.
Die Gründung des Konzernbetriebsrats folgte wenige Wochen darauf – ein kluger Schachzug, denn Zuständigkeiten mussten zunächst geklärt werden. So etwa bei einer ersten Diskussion um die Einführung einer neuen Software: Dabei erklärte die Geschäftsleitung nicht den GBR, sondern den Konzernbetriebsrat für zuständig Heute erhalten die 14 000 Beschäftigten der Gruppe durch die gestärkte Mitbestimmung mehr Rückendeckung denn je. „Der Bereichsleiter Personal hat verstanden, dass es besser ist, wenn uns die Geschäftsführung mit ins Boot holt und als Partner behandelt“, sagt Felicitas Neuhaus, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats.
Ein Unternehmen im Wandel liefert auch im zweiten Beispiel die Grundlage für die Betriebsratsgründung. In der Coronazeit wechselte bei Viba Sweets die Geschäftsführung. Die ohnehin verunsicherte Belegschaft des Süßwarenherstellers im thüringischen Schmalkalden nutzte die Zäsur und initiierte ihre Betriebsratswahl. Dabei half die NGG. Wegen der Coronaeinschränkungen fanden Treffen für die Wahlversammlung teils im Freien statt. Das Ansinnen der Betriebsratsgründung stieß bei der neuen Geschäftsführung auf Wohlwollen. Bei der Vorstellung des Wahlvorstands im Oktober 2021 sicherte sie die Produktion ab, damit möglichst die gesamte Belegschaft teilnehmen konnte.
Das Miteinander existiert bis heute. „Es geht uns nicht darum, das Unternehmen umzukrempeln, sondern darum, positive Veränderungen zu erreichen: bessere Arbeitsbedingungen, faire Arbeitszeiten und transparente Urlaubsregelungen. Das sind die Themen, die uns antreiben“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Katja Marschke.
Die Porträts in voller Länge gibt es hier:
Porträt über die erfolgreiche Neugründung eines Betriebsrats bei der Viba sweets GmbH
Weitere Fragen an: betriebsvereinbarung[at]boeckler.de