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Portrait Laura von Grumbkow am Schreibtisch sitzend Magazin Mitbestimmung

Wahlforschung: Wähler wählen, wen sie kennen

Ausgabe 01/2026

Laura von Grumbkow erklärt im Interview, wie Betriebsräte Beschäftigte mobilisieren und warum es wichtig ist, eigene Erfolge hervorzuheben. Die Fragen stellte Andreas Schulte

Sind Betriebsratswahlen eigentlich beliebt?

Das kann man so sagen. Die Wahlbeteiligung ist insgesamt erstaunlich hoch. Sie lag zuletzt, also 2022, im Durchschnitt der Betriebe bei rund 72 Prozent. In kleinen Betrieben, wo Beschäftigte leichter zu erreichen sind, kann sie auch mal über 90 Prozent betragen. In manchen Betrieben, wo zum Beispiel Schichtdienst und Homeoffice üblich sind, fällt sie schon mal unter 50 Prozent.

Was sind die Gründe für die insgesamt doch hohe Wahlbeteiligung?

Hier lässt sich ein ganzes Bündel an Ursachen vermuten. Die meisten Menschen nehmen die Geschehnisse in ihrem Betrieb sehr unmittelbar wahr, weil sie fünf Tage die Woche dort arbeiten. Die Arbeitswelt ist zudem schnell veränderlich. Es gibt im Unternehmen also viel zu entscheiden. Und dann kommt noch hinzu, dass die Beschäftigten sich ohnehin am Arbeitsplatz befinden, wenn sie wählen können. Das ist bequem. Der Weg zum Wahllokal entfällt oder ist sehr kurz. 

Wer geht denn nicht zur Betriebsratswahl?

Das wissen wir nicht. Denn an Befragungen wie meiner beteiligen sich üblicherweise diejenigen, die dem Thema Betriebsratswahlen positiv gegenüberstehen und damit eben auch Wähler sind. Was man aber sagen kann: Die Gruppe der Verwaltungskräfte aus dem öffentlichen Dienst ist die mit der niedrigsten Beteiligungsquote. Beschäftigte aus dem Baugewerbe und aus Industriebetrieben sind die treuesten Wähler. Darüber hinaus konnte ich in meiner Befragung einige Faktoren identifizieren, die eine Stimmabgabe wahrscheinlicher machen. 

Welche sind das?

Da haben wir zunächst eine lange Betriebszugehörigkeit. Je länger jemand im Betrieb beschäftigt ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er sich beteiligt. Diese Menschen fühlen sich ihrem Arbeitsplatz positiv verbunden, deshalb wollen sie mitbestimmen. Darüber hinaus gehen diejenigen zur Wahl, die den Betriebsratskandidaten oder ein Mitglied des Betriebsrates persönlich kennen oder zumindest kennengelernt haben. Sie glauben eher als andere daran, dass die Arbeit des Betriebsrats einen positiven Einfluss auf ihre Arbeitswelt hat. Auch Beschäftigte, die mit der Arbeit eines Betriebsrats bislang zufrieden waren, gehen mit höherer Wahrscheinlichkeit zur Wahl als andere.

Wir wissen aus der Forschung, dass Wähler dort eher ein Kreuz machen, wo sie mit einem Namen auch ein Gesicht verbinden.“

LAURA VON GRUMBKOW, Referentin beim DGB Bildungswerk NRW

Sollte man nicht eher vermuten, es gingen vor allem diejenigen zur Wahl, die mit der Betriebsratsarbeit unzufrieden waren, also aus Frust oder aus Protest?  

Auch das ist möglich und ein bekanntes Phänomen bei politischen Wahlen. In meiner Befragung konnte ich das nicht beobachten, weil es in den befragten Betrieben aktuell keine Krisen gab, in denen ein Betriebsrat eine schlechte Figur gemacht hätte. 

Wie stehen Gewerkschaftsmitglieder zur Betriebsratswahl?

Auch sie zählen zu der Gruppe mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu wählen. Sie sind von sozialen Normen wie zum Beispiel Solidarität geprägt. Eine Wahl ist ein gruppendynamischer Prozess. Daran teilzunehmen, das gehört sich in ihren Augen einfach so. Aber neben diesem ideologischen Hintergrund gibt es einen weiteren, praktischen Grund: Sie fühlen sich von den üblichen gewerkschaftlichen Mobilisierungskampagnen im Vorfeld von Wahlen verständlicherweise besonders angesprochen. 

Wenn es doch vornehmlich die Beschäftigten mit langer Betriebszugehörigkeit sind, die ohnehin zur Urne gehen: Sind Betriebsräte gut beraten, sie in ihrer Kampagne in den Fokus zu rücken?

Nein, das wäre in meinen Augen ein fataler Fehler. Man muss alle mitnehmen. Aber es empfiehlt sich durchaus, die mitbestimmungsaffinen Beschäftigten und die erfahrenen Hasen als Multiplikatoren in die Wahlaktivitäten einzubeziehen, um andere zu begeistern.

Wie genau sollte das aussehen?

Die Menschen, die lange im Betrieb arbeiten und ein gutes Netzwerk in der Belegschaft haben, kennen häufig mehr Kollegen als neue Betriebsratskandidaten dies tun. Auf gemeinsamen Touren mit den Kandidaten können die erfahrenen Kollegen ein Türöffner sein und persönlichen Kontakt herstellen. Ihr Wort hat oft Gewicht.

Welche weiteren Tipps für eine erfolgreiche Kandidatur leiten Sie aus Ihren Forschungen ab?

Ganz wichtig ist es, authentisch zu sein. Wenn jemand etwas sagt, wozu er nicht steht, wird das bemerkt. Eigene Themen und Erfolge müssen zudem ansprechend kommuniziert werden. Das kommt häufig zu kurz. Beides bleibt besser bei den Beschäftigten hängen, wenn es häufig wiederholt wird. Und genauso wichtig ist es, möglichst oft ansprechbar und präsent zu sein. Dazu zählt, das äußere Erscheinungsbild mit dem eigenen Namen und den eigenen Themen zu verknüpfen. Wir wissen aus der Forschung, dass Wähler dort eher ein Kreuz machen, wo sie mit einem Namen auch ein Gesicht verbinden. 

Portrait von Laura von Grumbkow, DGB vor Bücherregal stehend
Sozialwissenschaftlerin Laura von Grumbkow arbeitet als Referentin beim DGB Bildungswerk NRW. Für ihre Doktorarbeit hat sie zu betrieblicher Partizipation geforscht.

Empfiehlt sich für Betriebsräte die Zusammenarbeit mit einer Gewerkschaft?

In jedem Fall. Betriebsratskandidaten sollten sie unbedingt einbinden. Davon profitieren beide Seiten. Zum einen, weil Gewerkschaften bei Kampagnenplanung und Umsetzung gut beraten können. Zweitens wissen wir, dass Gewerkschaften stark mobilisierend wirken können. Man sollte sie also unbedingt mit ins Boot holen.

Wie sollten Betriebsräte Inhalte kommunizieren?

Grundsätzlich kurz und klar, ohne betriebsverfassungsrechtliche Sprache. Wer nachts um drei geweckt wird, muss seine wichtigsten drei Inhalte in eigener Sprache in wenigen Sätzen und mit voller Überzeugung rüberbringen können. Viele unterschätzen das freie Sprechen, weil es ihnen schwerfällt. Dann lernen sie stattdessen lieber Programme auswendig, aber das ist weniger glaubhaft.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Sie gewinnen stark an Relevanz. Ein Beispiel: In einem Betrieb hat ein Betriebsrat eine WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen, die mittlerweile 2000 Mitglieder umfasst. Darüber werden wichtige betriebliche Themen kommuniziert, aber auch witzige Sachen. Das ist für den Betriebsrat eine gute Möglichkeit, mit der Belegschaft zu interagieren, wenngleich es immer noch besser ist, wo möglich das persönliche Gespräch zu suchen. Allerdings muss man sich für Social Media zunächst das richtige Handwerkszeug draufschaffen und wissen, wie diese Medien funktionieren. Auch hier gilt es, authentisch zu bleiben. Besonders im betrieblichen Kontext ist es zudem wichtig, seine Kommunikation über soziale Medien kritisch zu reflektieren und juristisch sauber zu arbeiten.

Wie sieht eine ideale Kampagne für einen Betriebsratskandidaten aus?

Zunächst ist es hilfreich, eine Strategie zu entwickeln: Wie will ich die Belegschaft erreichen und über welche Mittel und Medien? Für eine gezielte Abwägung wichtiger Themen ist es immer empfehlenswert, die Belegschaft einzubinden. Die Beschäftigten wissen am besten, wo sie der Schuh drückt. Sie wissen, welche Themen für sie eine hohe Bedeutung haben, wenn es darum geht, dass ihre Interessen vertreten werden sollen. Das kann man zum Beispiel über Befragungen erreichen, analog oder digital. Letztlich gilt es dann, Themen, Inhalte und vor allem seine Person überall im Betrieb zu platzieren. Wenn am Ende eines Wahlkampfes der Großteil der Belegschaft weiß, wer man ist, und etwas Positives mit einem verbindet, hat man einen guten Grundstein gelegt.

LAURA VON GRUMBKOW (35) ist Referentin beim DGB Bildungswerk NRW e. V.. Die Sozialwissenschaftlerin hat in der Politikberatung gearbeitet. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit „betrieblicher Partizipationsforschung“ und hat dafür die Betriebsratswahlen des Jahres 2022 analysiert. 

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