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Wo Teilhabe und Solidarität gelebt werden, haben rassistische Argumentationsmuster es schwer. Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Betrieb und Rassismus : Schutz gegen radikale Gedanken

Ausgabe 01/2021

Führt gelebte Teilhabe im Betrieb zu weniger Demokratiefeindlichkeit und Ausgrenzung? Ein Leipziger Soziologenteam fand eindeutige Antworten. Das Gespräch führte Andreas Molitor

Sie haben den Zusammenhang zwischen Anerkennung, Solidarität und Handlungsmöglichkeiten im Betrieb und politischen Einstellungen empirisch untersucht. Was war die zentrale Erkenntnis?

Kiess: Wir konnten tatsächlich einen signifikanten Zusammenhang zwischen den Erfahrungen am Arbeitsplatz und rechtsextremen Einstellungen, der Zustimmung zur Demokratie und der Neigung zur Abwertung von Muslimen und Geflüchteten feststellen. Je mehr Beteiligungsmöglichkeiten es im Betrieb gibt und je besser sie funktionieren und genutzt werden, desto eher werden rechtsextreme Positionen abgelehnt und desto positiver ist die Haltung zur Demokratie.

In Betrieben, in denen es einen Betriebsrat und eine Gewerkschaft gibt, sind die Beschäftigten also vergleichsweise immun – beispielsweise gegen rechtsextreme Argumentationsmuster?

Schmidt: Nein, den Schluss kann man nicht ziehen. Einen Zusammenhang zwischen Gewerkschaftsmitgliedschaft und der Einstellung zur Demokratie und zu rechtsextremen Einstellungen haben wir beispielsweise nicht feststellen können. Es geht nicht um die Mitgliedschaft in einer Organisation, sondern um gelebte Erfahrungen von Teilhabe und Solidarität und darum, inwiefern die konkret erlebte Arbeitswelt ein Ort für demokratische Sozialisation ist, ein Nährboden für politische Einstellungen.

Kiess: Da kommt es dann weniger darauf an, ob es einen Betriebsrat gibt oder nicht, sondern wie betriebliche Mitbestimmung mit Leben gefüllt wird, auf das Klima in der Belegschaft. Werden Lösungen für Probleme gemeinsam gesucht? Ziehen alle an einem Strang? Kann ich mit meinen Kollegen Dinge im Betrieb zum Besseren ändern? Wer solche Erfahrungen im Betrieb nicht macht, nimmt diese negativen Erfahrungsmuster nach Feierabend mit nach Hause.

Aber sind solche Erfahrungen nicht doch an Institutionen gebunden? Gemeinsames solidarisches Handeln fällt doch leichter, wenn es einen Betriebsrat oder Vertrauensleute gibt, an die man sich wenden kann.

Kiess: Ja, das stimmt, und das haben wir auch als berichtete Erfahrung in der Studie erfasst. Wenn in einem Betrieb ein Klima der Einschüchterung herrscht und die Initiatoren für eine Betriebsratsgründung schikaniert werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dort zu solchen positiven Beteiligungserfahrungen kommt, naturgemäß geringer.

Gibt es denn auch antidemokratische, rassistische oder andere menschenfeindliche Einstellungen, denen gelebte Teilhabe im Betrieb nichts oder nur wenig anhaben kann?

Schmidt: Ja, und das war für uns zunächst überraschend. Wir haben festgestellt, dass eine Kultur der Teilhabe im Unternehmen weder gegen chauvinistische Haltungen noch gegen die Abwertung von Langzeitarbeitslosen immunisiert.

Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit Chauvinismus?

Schmidt: Gemeint ist ein übersteigertes, aggressives Nationalgefühl. Wir vermuten, dass Standortnationalismus auch unter den Beschäftigten eine verbreitete Ideologie ist. Teilhabe in der Arbeitswelt wird häufig mit der Vorstellung verknüpft, dass man sie am besten erreichen kann, wenn man deutsche Interessen gegen jene von Beschäftigten in anderen Ländern durchsetzt. Das hat natürlich einen realen Kern, solange Standorte konkurrieren und internationale Arbeitnehmervertretungen schwach sind.

Und wie ist es bei den Langzeitarbeitslosen? Gilt da immer noch: Wer keinen Job findet, ist halt zu faul zum Arbeiten?

Kiess: So ähnlich ist das Muster. Man hat es den Leuten ja auch lang genug eingetrichtert. Diese Ideologie der sozialen Schließung hat sich im Bewusstsein abgelagert. Man versucht, seinen guten Status in der Arbeitswelt durch eine Form von Solidarität zu bewahren, die andere ausschließt – in dem Fall die Langzeitarbeitslosen.

Welches Signal geht von der Studie aus?

Kiess: Die Politik muss die Voraussetzung für Teilhabe und Solidarität im Betrieb stärken und mehr für den Schutz von Betriebsratsgründungen und Tarifverträgen tun. Warum bekommen Unternehmen staatliche Aufträge, die sich an keinen Tarifvertrag halten und keinen Betriebsrat haben? Warum ist der Mindestlohn so niedrig?

Und in Richtung Gewerkschaften und Betriebsräte?

Kiess: Von unseren Ergebnissen können sich die Aktiven bestärkt fühlen, die nah an den Beschäftigten dran sind und sich um eine mutige Mitbestimmungskultur bemühen. Dazu gehört auch, die Belegschaft kontinuierlich zu mobilisieren und den Beschäftigten die Erfahrung konkreter politischer Wirksamkeit zu ermöglichen.

Schmidt: Es gibt ja genug Beispiele, wie so etwas dann weit über das Werkstor hinaus ausstrahlt. In Sachsen etwa gab es im vorigen Jahr eine Reihe von Arbeitskämpfen in der Nahrungsmittelindustrie. Von dort wurden genau diese Erfahrungen von Anerkennung und Solidarität berichtet, das Gefühl, wir können doch etwas erreichen, wir sind den Entscheidungen des Managements nicht ausgeliefert. Das konnte man in ganzen Ortschaften sehen, wo die Beschäftigten berichteten, dass sie von ihren Nachbarn angesprochen wurden: „Toll, dass ihr euch jetzt mal gerademacht! Wir stehen hinter euch!“ Da spürt man die Wirksamkeit in jedem Satz. Und das sollte man sich unbedingt genauer anschauen.

  • Johannes Kiss Universität Leipzig
    Johannes Kiess ist Soziologe und Postdoc am Lehrstuhl für vergleichende Kultursoziologie und politische Soziologie Europas an der Universität Siegen sowie Stellvertreter des Direktors am Else-Frenkel-Brunswik-Institut für Demokratieforschung der Universität Leipzig.
  • Andre Schmidt Universität Leipzig
    Andre Schmidt ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Else-Frenkel-Brunswik-Institut für Demokratieforschung der Universität Leipzig.

Die Studie „Beteiligung, Solidarität und Anerkennung in der Arbeitswelt als Stärkung der Demokratie“ war Teil der Leipziger Autoritarismus-Studie 2020. Sie wurde von der Otto Brenner Stiftung gefördert.

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