Rätsel: Proteste nach Hungerkatastrophe
Während des Ersten Weltkrieges kommt es in Deutschland zu einer Hungerkatastrophe. Der Staat erweist sich als schwach und unfähig. Hunderttausende sterben. Proteste entflammen. Sie sind der Keim für die spätere Novemberrevolution. Von Guntram Doelfs
Es ist eine Szene aus Berlin, aber sie könnte in diesem Sommer des Kriegsjahres 1916 überall in Deutschland spielen. Die zwei Jungen, die in der Menschenmenge ganz vorn am Suppentopf stehen, können es kaum erwarten, dass die Frau mit der Schöpfkelle ihre Essbecher mit Steckrübeneintopf füllt. Der knurrende Magen wäre dann für einen Moment vergessen. Wohl allen im Gedränge vor der mobilen Suppenküche geht es so.
Seit 1914 ist Deutschland ein Land im Krieg, verbündet mit Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und Bulgarien. Auch wenn die Kampfhandlungen außerhalb des Reichsgebietes stattfinden, ist das Elend an der sogenannten Heimatfront groß. Hilfsorganisationen wie der „Verein der Berliner Volksküchen von 1866“, der den Verkauf des Mittagessens organisiert, kommen dem Bedarf nicht mehr hinterher. Er herrscht Hunger. Dabei steht das Schlimmste den Menschen noch bevor: Der Winter wird viele auf eine lebensbedrohliche Probe stellen.
Manches, was sich damals in Deutschland ereignet, erinnert an Kriege von heute: Versorgungskrisen, Seeblockaden, steigende Düngemittelpreise, Elendsbilder auf den Straßen. Ein Grund für den Hunger ist die britische Seeblockade. Die Royal Navy blockiert die Ausgänge in den Atlantik und schneidet so das Deutsche Reich vom Welthandel und von der Versorgung mit wichtigen Lebensmitteln ab. Die Operation zielt darauf ab, Deutschland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Doch ebenso schwer wiegt das Versagen der eigenen Regierung. Die Reichsregierung und das Militär hatten mit einem kurzen Krieg gerechnet und keine Nahrungsmittelvorräte angelegt. Beide hatten völlig unterschätzt, wie sehr der moderne Krieg die Versorgung der Zivilbevölkerung behindert.
Darunter leiden vor allem die Ärmeren. Wurst und Fleisch gibt es kaum noch, und alles andere ist ebenfalls knapp und teuer. Zunächst klammern die Menschen sich an die Kartoffel, doch das treibt den Kartoffelverbrauch bis Anfang des Jahres 1916 auf das Zweieinhalbfache des Vorkriegsniveaus, wodurch das Grundnahrungsmittel ebenfalls knapp wird.
Ein verregneter Herbst 1916 wird eine Kartoffelfäule verursachen, die die Ernte etwa auf die Hälfte des Vorjahres reduziert. Den Bauern fehlen Zugtiere und Düngemittel, wichtige Grundstoffe wie Salpeter oder Stickstoffe erreichen Deutschland nicht mehr – oder werden für die kriegswichtige Sprengstoffproduktion benötigt. Ernährungswirtschaftlich ist der Krieg, wie später der Historiker Hans-Ulrich Wehler urteilt, für Deutschland schon 1916 verloren. Überall kommt es zu Streiks und Hungerprotesten. Ende Juni 1916 streiken allein in Berlin rund 50 000 Metall- und Rüstungsarbeiter gegen den Krieg, auch wenn die Gewerkschaften offiziell eine Politik des Burgfriedens verfolgen. Proteste wie dieser Streik sind ein Keim für die Novemberrevolution von 1918. Auch andere Staaten haben die Auswirkungen des modernen Krieges auf die Zivilbevölkerung unterschätzt. Der Weltkrieg macht allen klar, dass Zivilschutz und die Versorgung von Zivilisten für alle Kriegsparteien eine zentrale Rolle spielen müssen.
In Deutschland soll eine wenig geschätzte Pflanze den Ausweg aus der Katastrophe weisen: die Steckrübe. Sie ist in Deutschland ausreichend vorhanden und sehr robust. Als Lebensmittel ist sie aber unbeliebt, sie gilt als Schweinefutter. Nun jedoch wird die Knolle für viele das wichtigste Nahrungsmittel. Damit die Menschen auf den Geschmack kommen, wird sie in der Propaganda zur „Preußen-Ananas“ geadelt. Nun ernährt man sich von Steckrübensuppe, -auflauf, -koteletts, -pudding, -marmelade und Steckrübenbrot. Es gibt nur ein Problem mit ihr: Die Rübe liefert kaum Kalorien. Mangelernährung bekämpfen kann sie nicht. Lag der Durchschnittsverbrauch eines Erwachsenen 1913 bei rund 3000 Kalorien am Tag, so fällt die Zufuhr bald bis unter 1000 Kalorien. Der Winter 1916/17 wird als „Steckrübenwinter“ im Erinnerung bleiben. Bis zu 800 000 Deutsche sterben bis Kriegsende an Hunger und Unterernährung.
Rätselfragen
1. Der „Verein der Berliner Volksküchen von 1866“ war eine soziale Initiative in Berlin, die von einer Sozialreformerin, Frauenrechtlerin und Publizistin gegründet wurde, die als „Suppenlina“ bekannt wurde. Wie hieß sie?
2. Die Steckrübe ist die Unterart einer Pflanze, die auch zur Speiseölgewinnung dient. Welche Pflanze ist gesucht?
3. Auslöser der Streiks in Berlin 1916 war die Anklage wegen Hochverrats gegen einen sozialistischen Kriegsgegner. Wie hieß er?
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Auflösung der Rätselfragen 02/2026
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