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Betriebsräte Thomas Nawrath und Gabi Heise Magazin Mitbestimmung

Förderung: Erster Tropfen auf den heißen Stein

Ausgabe 05/2026

Eis am Stiel fürs Personal, Kühlakkus für Patienten – der Sommer hat gezeigt: Kliniken fehlen Konzepte für den Hitzeschutz. Betriebsräte bereiten Krankenhäuser besser auf Rekordtemperaturen vor. Von Joachim F. Tornau

Es ist bei Weitem nicht der heißeste Tag des Jahres. Doch fast überall im Krankenhaus und auch im Besprechungsraum des Betriebsrats breitet sich stickige Wärme aus. Da helfen auch die heruntergelassenen Außenrollos kaum noch. Gabi Heise, Betriebsrätin im Klinikum Neukölln, will sie dennoch nicht missen: „Wir sind schon froh, dass endlich alle Jalousien im Gebäude repariert wurden.“ Fenster lassen sich in dem 40 Jahre alten Krankenhausbau des angesehenen Architekten Josef Paul Kleihues nur kippen, klimatisiert sind wenige ausgewählte Bereiche. „Erträglich ist es eigentlich nur auf den Intensivstationen und im OP“, sagt die gelernte Krankenschwester. „Aber bei der Hitze, die wir dieses Jahr erlebt haben, reichte die Kühlung auch hier nicht mehr aus.“

Die Rekordtemperaturen dieses Sommers, die Dürre und die mehr als 15 000 Hitzetoten im Land haben nicht nur die dramatischen Folgen des menschengemachten Klimawandels unübersehbar gemacht. Sie haben auch die Aufmerksamkeit auf ein Problem gelenkt, mit dem Klinikbeschäftigte schon länger zu kämpfen haben: Krankenhäuser haben sich kaum auf extreme Hitzesommer vorbereitet, und Patienten und Personal sind hilflos, wenn Temperaturen von über 40 Grad normal zu werden drohen. Bei einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts aus dem Jahr 2022 gab fast die Hälfte der befragten Kliniken an, bislang wenig bis gar nichts zur Klimaanpassung getan zu haben.

Wie Betriebsräte dies ändern können, soll in einem von der Förderlinie Transformation der Hans-Böckler-Stiftung unterstützten Projekt ausgelotet werden. Angestoßen hat es der Betriebsrat des kommunalen Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes, der mit rund 20 000 Beschäftigten neun Kliniken in der Hauptstadt betreibt, darunter auch das Klinikum Neukölln. Die dreiteilige Workshopreihe, die für das Projekt konzipiert wurde, könnte künftig in anderen Regionen Deutschlands wiederholt werden.

Projektleiterin Pauline Bader nutzt den Begriff „Lernreise“. „Es geht darum, gemeinsam zu verstehen, welche Hebel und welche Strate­gien es gibt“, erklärt die Politikwissenschaftlerin, die mittlerweile hauptamtlich als Gewerkschaftssekretärin für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Berlin arbeitet. „Das Projekt soll eine Starthilfe sein, um echte Verbesserungen beim Hitzeschutz zu erreichen.“

Zwölf Betriebs- und Personalräte von Krankenhäusern aus Berlin und Brandenburg tauschten bei den bisherigen Workshops des Projekts ihre Erfahrungen und Ideen aus. Von bis zu 34 Grad Raumtemperatur in Stations- und Patientenzimmern berichteten sie. Von fiebrigen Neugeborenen, die auf der Intensivstation notdürftig mit Kühlakkus gekühlt worden seien. Von luftundurchlässiger Arbeitskleidung, in der es bei Hitze kaum auszuhalten sei. Von Gegenmaßnahmen, die sich nicht selten auf Ventilatoren oder kostenloses Eis am Stiel beschränkten.

In Neukölln stört sich Vivantes-Betriebsrätin Heise vor allem an der fehlenden Vorbereitung auf die heißen Tage. Es herrsche jedes Jahr wieder der gleiche Aktionismus: „Oh, es ist heiß, lass uns schnell mal was machen.“ Stattdessen brauche es endlich eine langfristige Planung. Ihr Kollege Thomas Nawrath ist Sprecher des Betriebsratsausschusses für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz.

Er hat eine Arbeitsgruppe initiiert, in der Betriebsrat, Geschäftsführung und Haustechnik bei Vivantes über Wege zu mehr Klimaresilienz beraten. Die Reparatur der Jalousien war ein erstes Ergebnis. Ein weiteres: Es werden nicht nur flächendeckend Lüfter und Ventilatoren angeschafft, sondern auch Wasserspender aufgestellt. „Als Betriebsrat hatten wir schon jahrelang darum kämpfen müssen, dass überhaupt Wasser fürs Personal zur Verfügung gestellt wird“, sagt Naw­rath. „Obwohl der Arbeitgeber dazu eigentlich verpflichtet ist.“

Und auch eine andere Idee der Beschäftigtenvertretung, die lange belächelt worden sei, soll jetzt angegangen werden: die Einrichtung von „Cooling Zones“, von einzelnen klimatisierten Räumen, in die sich das Pflegepersonal zum Abkühlen zurückziehen kann, als Teil der Arbeitszeit. „Aber“, sagt Nawrath und bemüht ein Bild, das selten so treffend war, „das ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Bauliche Maßnahmen, die tatsächlich etwas verändern könnten, sei es durch Klimatisierung, Verschattung oder Begrünung, seien ohne staatliche Unterstützung angesichts des Sparzwangs im Gesundheitswesen nicht zu finanzieren,
sagt Nawrath. Bei dem ein oder anderen Gebäude stehe zudem der deutsche Denkmalschutz im Weg.

Sehr vorausschauend in Sachen Hitzeschutz ging das Klinikum Hanau bei seinem 2012 eröffneten Neubau vor und setzte bereits vor 14 Jahren auf „sanfte Klimatisierung“. Was das bedeutet, erklärte Martin Strittmatter, Betriebsingenieur und Energiemanager, den Betriebsräten im Projekt. Wärmepumpen heizen im Winter und kühlen im Sommer. Zumindest einen Teil des Stroms sollen künftig hauseigene Photovoltaikanlagen produzieren. Durch Wände und Decken wurden großflächig Rohrleitungen verlegt, durch die je nach Jahreszeit kaltes oder warmes Wasser fließt. Betonkerntemperierung nennt sich das. „Allein das macht das Gebäude zwei bis drei Grad kühler“, erklärt der Fachmann.

Die Zusatzkosten bei Neubauten schätzt Strittmatter auf einen „mittleren einstelligen Prozentbereich“. Nachrüstbar sei die Technik in bestehenden Gebäuden dagegen nur sehr begrenzt. „Da kann man noch Rohrleitungen in den Estrich fräsen, wie für eine klassische Fußbodenheizung“, sagt er. „Das ist aber eher etwas für eine Kernsanierung und im laufenden Betrieb nicht machbar.“

Andrea Nakoinz hat zehn Jahre lang als Ärztin am Unfallkrankenhaus Berlin gearbeitet, war Klimamanagerin der Klinik und gehörte dem Betriebsrat an. Heute berät sie Gesundheitseinrichtungen und Kommunen bei der Anpassung an den Klimawandel. Nakoinz hat zwei der drei Workshops des Projekts moderiert und betont: „Hitzeschutz ist viel mehr als der Einbau von Klima­anlagen.“ Kliniken bräuchten einen Hitzeschutzplan, der neben Maßnahmen zur dauerhaften oder akuten Kühlung zum Beispiel auch Schulungen des Pflegepersonals beinhaltet, damit sie hitzebedingte Erkrankungen erkennen. Und: Es müssen Regelungen zum Arbeitsschutz getroffen werden. „Das ist ein großer Hebel für den Betriebsrat“, sagt Nakoinz.

Die Arbeitsstättenverordnung regelt: Ab einer Raumtemperatur von 26 Grad sollte der Arbeitgeber Gegenmaßnahmen ergreifen. Ab 30 Grad muss er das tun. Und ab 35 Grad kann die Arbeit in einem Raum unzulässig werden. Betriebsräte, sagt Nakoinz, sollten darauf dringen, dass das mit Leben gefüllt wird.

Ein zweiter Hebel, so die Expertin, könne die Wirtschaftlichkeit sein. Denn langfristig könnte es teurer werden, wenn man heute am Klima- und Hitzeschutz spart, etwa weil Personal hitzebedingt ausfällt oder Stationen wegen zu hoher Temperaturen geschlossen werden müssen. Wer Hitzeschutz ernst meine, komme nicht um Investitionen herum und müsse entsprechend Geld zur Verfügung stellen. „Ein Hitzeschutzplan ist nur bedrucktes Papier, wenn kein Geld hinterlegt ist“, sagt Nakoinz. Doch die politischen Rahmenbedingungen sind wenig förderlich.

Den Krankenhäusern fehlen Mittel, weil die Bundesländer ihrer Pflicht zur Finanzierung der notwendigen Investitionskosten schon seit Jahren nur noch begrenzt nachkommen. Nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sollen in diesem Jahr nur die Hälfte der benötigten acht Milliarden Euro fließen. Mit dem GKV-Sparpaket der Bundes­regierung wird der Kostendruck der Kliniken weiter wachsen.

Auch Fördergelder des Bundesumweltministeriums für die Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen wurden nach Bedenken des Bundesrechnungshofs seit 2025 nicht mehr bewilligt. Und eine Grundgesetzänderung, die beim Hitzeschutz neben den bislang zumeist allein zuständigen Ländern und Kommunen auch den Bund ins Boot holen würde, ist in der Regierungskoalition umstritten. Dennoch hat Klimaberaterin Nakoinz den Eindruck, dass es trotz allem nach wie vor Kliniken gibt, in denen es weniger am Geld als am Willen mangelt.

„Es braucht ein Umdenken“, sagt Vivantes-Betriebsrätin Gabi Heise. In der Gesundheitspolitik wie in der Klimapolitik. „Man kann Krankenhäuser nicht separat betrachten.“ Sie wünscht sich ein Netzwerk, das über die Grenzen von Berlin und Brandenburg hinauswächst, das bundesweit wahrgenommen wird und das dann auch Druck auf die Politik entfalten kann. „Ich hoffe, dass wir mehr werden“, sagt Heise.

Informationen und Anmeldung

bei Martina Miksits, verdi Bildung und Beratung: martina.miksits[at]­verdi-bub.de, Telefon: 030/284 0664-27

Bei Fragen zur Workshop­reihe: hitzeschutz.kh[at]posteo.de

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