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Studie Hövermann Magazin Mitbestimmung

Verschwörungsmythen: Einfache Antworten

Ausgabe 01/2021

Auch in der Coronapandemie klammern sich manche Menschen an krude Theorien. Das zeigen die Ergebnisse einer Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung. Die Nähe solcher Aussagen zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Einstellungen macht sie gefährlich. Von Andreas Hövermann, Soziologe an der der Hans-Böckler-Stiftung

Krisen lösen Ängste aus. Sie sind für viele Menschen mit Entbehrungen, Unsicherheit und Veränderungen verbunden. Dies gilt auch für die Coronapandemie. Zunächst gab es kaum gesicherte Informationen über das Virus. Viele vorläufige Erkenntnisse mussten korrigiert werden. Das ließ viel Raum für Spekulationen und konspirative Deutungen.

Wie weit verbreitet Verschwörungsmythen derzeit sind, zeigen die drei Befragungen der Hans-Böckler-Stiftung im April, Juni und November 2020. Im November hielten es immerhin 19 Prozent für vorstellbar, „dass hinter der Pandemie eine Elite steht, die eine neue Weltordnung schaffen will“, und 28 Prozent meinten, „dass die Pandemie von Eliten benutzt wird, um die Interessen von Reichen und Mächtigen durchzusetzen“.

Hohe Zustimmung erhielten in der Befragung auch Aussagen, die Elemente von Verschwörungsmythen enthalten oder sie indirekt einschließen, wie beispielsweise die Unterstützung der Corona-Proteste gegen die Schutzmaßnahmen. Ebenfalls rund 30 Prozent glauben nicht, „dass das Coronavirus so gefährlich ist, wie häufig behauptet wird“, und gar 40 Prozent haben Zweifel an den offiziellen Corona-Zahlen. Dabei unterscheidet sich die Zustimmung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. So stimmen in Ostdeutschland mehr Menschen diesen Aussagen zu als im Westen, was Ausdruck eines insgesamt geringeren politischen Institutionenvertrauens sein kann. Auch stimmen jüngere Befragte den Aussagen eher zu als ältere. Bei Erstgenannten spielt vermutlich eine geringere Risikowahrnehmung eine Rolle. Neben Befragten mit niedrigerer Bildung tendierten vor allem jene mit niedrigen Einkommen und atypischen und prekären Beschäftigungsverhältnissen zu Verschwörungsmythen. Hier könnte ein erhöhtes generelles Kompensationsbedürfnis eine Rolle spielen, da diese Gruppen ohnehin wenig geschützt sind. Auch Befragte, die während der Pandemie Einkommen einbüßten, zeigen deutlich höhere Zustimmung als Befragte ohne finanzielle Verluste.

Fragile Lage

Nicht alle Aussagen, die 2020 mehrfach abgefragt wurden, erfassen Verschwörungsmythen. In einigen zeigen sich auch nur generelle Zweifel und Unzufriedenheit mit den Corona-Schutzmaßnahmen. So teilen Ende 2020 mehr Befragte die Einschätzungen, dass die Schutzmaßnahmen unberechtigt sind (Anstieg von 5 auf 12 Prozent) oder dass die Einschränkung von Freiheitsrechten eine Bedrohung der Demokratie darstellt (Anstieg von 26 auf 30 Prozent). Gestiegen ist auch die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung (von 33 auf 46 Prozent).

Die Zustimmung zu deutlich stärker konspirativen Aussagen, die allerdings nur im Juni und November erfragt wurde, ging leicht zurück. Sowohl die Zustimmung zu der Aussage, das Virus sei nicht so gefährlich wie behauptet, sank (von 36 auf 30 Prozent) als auch die Zustimmung zu der Aussage, die Pandemie werde von Eliten genutzt, um die Interessen von Mächtigen durchzusetzen (von 40 auf 28 Prozent). Ebenso schwindet die Unterstützung der Demonstrationen und Proteste gegen die Corona-Maßnahmen (von 15 auf 11,5 Prozent). Die Rückgänge sind insbesondere dadurch zu erklären, dass viele Befragte das Virus im November bei deutlich höheren Fallzahlen als größere Bedrohung ernster nehmen.

Insgesamt verdeutlichen die Befunde die enorme Fragilität der aktuellen Situation. Denn wie die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen, neigen Menschen, die Verschwörungsmythen teilen, häufiger zu Demokratiemisstrauen und fast ein Viertel zeigt Bereitschaft zu Gewalt. Während nur zwei Prozent der Menschen, die Verschwörungsmythen ablehnen, antisemitischen Aussagen zustimmen, sind es unter ihren Anhängern gut zehn Prozent. Mehr als ein Drittel neigt zu Fremden- und Muslimfeindlichkeit sowie zur Abwertung von Sinti und Roma. Gut zwei Drittel werten Asylsuchende ab.

Besonders häufig werden Verschwörungsmythen vertreten von Wählerinnen und Wählern der AfD, wie eine aktuelle Untersuchung von Forscherinnen und Forschern des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts an der Universität Leipzig zeigt. Fast Dreiviertel von ihnen wiesen eine Verschwörungsmentalität auf. Unter Grünenwählerinnen und -wählern fanden sie dagegen den geringsten Zuspruch.

Eine Studie des Basler Soziologen, Oliver Nachtwey, kommt unter Demonstrantinnen und Demonstranten der Anti-Corona-Proteste zu einem gegenteiligen Bild. Seine Beobachtung: „Mit Blick auf die Wahlabsichten lässt sich sagen, dass es sich um eine Bewegung handelt, die eher von links kommt, aber stärker nach rechts geht.“ 23 Prozent gaben an, beim letzten Mal grün gewählt zu haben, 18 Prozent hatten die Linke gewählt. Dagegen wollen bei der nächsten Wahl nur noch 1 Prozent die Grünen, 5 Prozent die Linke, aber 27 Prozent AfD wählen.

Nach Nachtweys Ergebnissen speisen sich die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen aus einem politisch heterogenen Milieu, dessen Orientierung sich nach rechts verschiebt. Verschwörungsmythen geben ihren Anhängern ein Gefühl der Sicherheit in unsicheren Zeiten. Sie bieten Erklärungen für das Unerklärliche und ein Feindbild, auf das man negative Gefühle projizieren kann. Sie dienen der irrationalen Bewältigung der Krise und der Rechtfertigung von Hass und Gewalt gegen vermeintliche Verschwörer, seien es die politischen Eliten, die Juden oder einzelne Personen wie den Microsoft-Gründer Bill Gates oder Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums. Das macht Verschwörungsmythen zu einer Gefahr für die Demokratie.

Andreas Hövermann: Corona-Zweifel, Unzufriedenheit und Verschwörungsmythen. WSI-Policy Brief, Nr. 48. Oktober 2020

Andreas Zick/Beate Küpper/Wilhelm Berghan: Verlorene Mitte. Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/2019. Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Franziska Schröter. Bonn 2019

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