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: 'Die Leute wollen mitentscheiden'

Ausgabe 03/2008

GESUNDHEITSFÖRDERUNG Als Stressfaktoren nennen Chemieindustrie-Beschäftigte permanente Umstrukturierungen und wenig Beteiligung an Entscheidungsprozessen. Die IG BCE spürt den Belastungen nach.

Von THOMAS GESTERKAMP, Journalist in Köln

Der "Industriepark" von Bayer CropScience im rheinischen Monheim erinnert mit seinen gläsernen Gewächshäusern und künstlichen Teichen eher an einen amerikanischen Universitäts-Campus als an einen Chemiestandort. "Tropicana" heißt denn auch die zentrale Kantine mittendrin, und auch das ist keine Übertreibung: Die 1700 Beschäftigten des Pflanzenschutzzentrums speisen inmitten südamerikanischer und fernöstlicher Flora zu Mittag.

Dass der relaxte Eindruck trügt, weiß niemand besser als Betriebsrätin Roswitha Süßelbeck und verweist auf ein Gesundheitsprojekt, das die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG BCE macht. Es will die Belastungen hinter den entspannten Kulissen sichtbar machen. Die Kölner Organisationsplanerin Maria Büntgen hat deshalb rund 100 Mitarbeiter am Institut für biologische Forschung/Insektizide gebeten, ihre Fragen zu beantworten.

Die hoch spezialisierte Arbeit am Mikroskop, im Labor oder an der Spritzstraße, wo Testpflanzen in einem stark automatisierten Prozess mit Schädlingsbekämpfungsmitteln besprüht werden, erfordert viel Konzentration. Schutzbrillen, Kittel und Handschuhe sind obligatorisch und ständige Begleiter. "Im Umgang mit den giftigen Substanzen müssen die Beschäftigten stets auf der Hut sein", warnt Vertrauensfrau Ulrike Ruback.

Neben Anspannung und Arbeitsverdichtung monierten die Institutsbeschäftigten in der Befragung vor allem fehlende Beteiligungsmöglichkeiten und die mangelnde Transparenz von Entscheidungen. Die unzureichende Kommunikation mit Vorgesetzten und der Unternehmensleitung war auch in den nachfolgenden Workshops ein zentrales Thema. "Die Leute wollen mitentscheiden können", fordert Betriebsrätin Süßelbeck: Nur in einzelnen Arbeitsbereichen, zuletzt etwa bei der Entwicklung der neuen Spritzstraße, sei diese Beteiligung vorbildhaft gelungen.

WIE HEIßT DIE FIRMA HEUTE?_ Neben Bayer CropScience nehmen an dem gewerkschaftlichen Präventionsprojekt der Energieerzeuger Vattenfall Mining in Cottbus und der "Evonik Degussa GmbH Gemeinschaftsbetrieb Marl" teil. Der komplizierte Name dieses Unternehmens ist das Ergebnis permanenter Neufirmierungen und Umstrukturierungen. Unternehmensberater gaben sich auf dem Gelände der ehemaligen Hüls AG die Klinke in die Hand, Betriebsteile wurden abgestoßen oder zusammengelegt. Die offizielle Unternehmensbezeichnung hat allein in den letzten Jahren mehrfach gewechselt - für die Belegschaft eine enorme Belastung.

"Es ist Stress pur, montags zur Arbeit zu kommen und sich zu fragen: Wie heißt denn heute die Firma?", sagt Betriebsrätin Marianne Malkowski. Kein Wunder, dass dieses Thema auch die Mitarbeiter umtreibt. Im Marler "Chemiepark", der anders als Bayer in Monheim auch wie eine Chemiefabrik aussieht, hat Forscherin Büntgen 80 Mitarbeiter aus der Abteilung Ver- und Entsorgung für ihre Untersuchung ausgesucht. Auskunft gaben Angestellte wie "Gewerbliche", Frauen im Labor wie Männer im "Leitstand", die die Pumpen der Kläranlagen überwachen.

Im Anschluss organisierte die Interessenvertretung einen Workshop, an dem sich immerhin ein Viertel der Befragten beteiligte. "Wir haben hier schon vor Jahren eine Betriebsvereinbarung zur Prävention abgeschlossen", erzählt IG-BCE-Gewerkschafterin Malkowski. Die Abmachung habe sich jedoch auf klassische Themen des Arbeitsschutzes beschränkt. In einem Industrieunternehmen, dessen 6500 Beschäftigte zu 85 Prozent Männer sind, erstaunt das wenig.

"Das dauernde Heben von schweren Gegenständen zu vermeiden ist natürlich ein wichtiges Anliegen, wenn man keine Rückenschmerzen kriegen will", sagt Malkowski. Immer wichtiger aber würden psychische Probleme, die sich in dem von vielen Beschäftigten geäußerten Unbehagen über die ständige Veränderung der Firmenidentität bündeln.

STIMMT DIE BALANCE_ Wie in vielen Unternehmen kapriziert sich das Management von Degussa auf Formen einer Gesundheitsprävention, die nicht zwangsläufig etwas mit den Arbeitsbedingungen zu tun hat. Man bietet als Krebsvorsorge ein "Hautscreening", veranstaltet eine Informationswoche zum Thema "Herz" oder unterstützt eine Aktion der Auszubildenden zum Welt-Aids-Tag. Durchaus sinnvolle Maßnahmen, findet Betriebsrätin Malkowski, doch greifen die zu kurz: "Die Arbeitgeber wollten an das Thema Stress nicht so recht ran, weil es unspezifisch und schwer zu fassen ist."

Was aber belastet die Mitarbeiter/-innen? Für die Frauen sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine große Belastung, berichtet Suna Okomus-Panzer vom betrieblichen Sozialdienst. "Unsere Chemiekantinnen oder auch die Mitarbeiterinnen in der Verwaltung geraten unter Druck, wenn ihre Kinder krank werden." Betreuungsangebote sind in Marl noch Mangelware, Betriebskindergärten gibt es nicht, immerhin engagiert sich die Firmenspitze seit Ende 2006 beim Aufbau eines regionalen Betreuungsnetzwerkes.

"Wir sind dabei, ein familienfreundliches Profil zu entwickeln", glaubt Okomus-Panzer, die den Sozialdienst als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements definiert. Dazu gehören auch die Hilfe bei Suchtproblemen, die Schuldnerberatung sowie die Aufklärung über Stressoren am Arbeitsplatz zu ihren Aufgaben.

NEUES SELBSTVERSTÄNDNIS_ Das IG-BCE-Projekt "Betriebliche Gesundheitsförderung für Männer und Frauen am Beispiel Stress" wirbt für umfassende Prävention, die Erkrankungen frühzeitig vorbeugt - auch im Kontext der gewerkschaftlichen Anforderungen an ein künftiges Präventionsgesetz. Im April 2006 gestartet und auf drei Jahre angelegt, wird es von den Abteilungen Arbeitsschutz und Frauen/Gleichstellung der Gewerkschaft gemeinsam getragen. Kernziel ist, das Wohlbefinden der Belegschaften zu verbessern.

Sicherheitsbeauftragte, Werkärzte oder Suchtberater sollen engen Kontakt zum Betriebsrat und zur Personalabteilung halten wie auch zu Vorgesetzten und den Beschäftigten. Im günstigen Fall, so IG-BCE-Arbeitsschützer Erhard Lechelt, werde Gesundheitsförderung zu einem "Bestandteil der Unternehmensphilosophie". Für Cornelia Leunig, die die IG-BCE-Frauen vertritt, ist die Geschlechterperspektive naturgemäß ein Anliegen, es gebe, sagt Leunig, "ein unterschiedliches Gesundheitsbewusstsein", was sich etwa bei der Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen zeige.

Der traditionelle Arbeitsschutz orientiere sich zu sehr am männlichen Industriearbeiter, anders als die "geschlechtersensible Gesundheitsförderung". Dementsprechend zeigt die Mitarbeiterbefragung unterschiedliche Belastungsprofile. Frauen finden häufig, dass ihre Fähigkeiten nicht wertgeschätzt werden, sie fühlen sich bei Entscheidungen übergangen", sagt Maria Büntgen. Männer beklagen eine zu große Verantwortung; sie leiden stärker unter Versagensängsten angesichts hoher Leistungsnormen.

"Früher ging es um direkte Gefährdungen für Leben und Gesundheit, jetzt müssen wir den Menschen ganzheitlich im Blick haben", sagt Arbeitsschützer Lechelt. Doch werde Stress von den Berufsgenossenschaften bisher nicht als Krankheit anerkannt: Nur wenn ein eindeutiger Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und einem Arbeitsunfall besteht, gibt es Ausnahmen von dieser Regel.

Schon deshalb will die zuständige IG-BCE-Vorstandsfrau Edeltraud Glänzer die Kooperation mit den Krankenkassen und anderen Versicherungsträgern, aber auch mit den Arbeitgeberverbänden ausbauen. Betriebliche Gesundheitsberichte und Mitarbeiterbefragungen sind für sie notwendige, erste Schritte. Am Ende des Projektes sollen Gesundheitszirkel konkrete Vorschläge machen, um die psychischen Belastungen zu verringern. Bis verbindliche Betriebsvereinbarungen unterschriftsreif seien, so Glänzer, brauche man allerdings "einen langen Atem".

MEHR INFORMATIONEN

Projektkoordination in der IG BCE: Erhard Lechelt (Arbeitsschutz), Telefon: 0511/7631-353), Cornelia Leunig (Frauen/Gleichstellung),
Telefon: 0511/7631-282).Weitere Infos unter http://www.igbce.de/

 

 

 

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